Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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verleihen, wert» genügende Garantien vorhanden gewesen wären, daß die Herren Cmttorm der Zukunft in jeder Beziehung auch dieses Ehrwürdentitels würdig sein werden. Ein Zeitgenosse des Maharil, der Berfajser des .Tremnath hadcschm', hätte dem rhrwürden-süchtigeu Herrn Oderkantor zugerufen: ,Kaum sind Dir die Hörner gewachsen und schon willst Tu stoben.'" Es sind kaum wenige Monate vergangen, seitdeu^ie österreichische Rc!fierung auch die Cautoren als öffcntMye Funktionäre (Religionsdieucr) anerkannt hat, und die meisten Herren ereifern sich schon so sehr über die Titelstage. Solange ein Cantor durch ein Lehrerdjplom oder durch Absolvirung einer Mitielschule und durch akademische Bildung Nachweisen kann, daß er auf profanem und theolosolchem Gebiete kein Laie ist, ebensolange wird ihm niemand dm Titel Ehlwürdrn entziehen. Ter gemeinsainc Feind des Cantorm- und Rabbinerstandes ist jedoch durchaus nicht der .Vorstand', wie der gefärbte Herr Rabbi zwischen den Zeilen salbungsvoll durchblicken ließ. Ter gemeinsame Feind eines jeden Cnltuslieamte» ist die Unwissenheit, Arroganz und Renommisterei, drei Attribute, welche leider nur allzuoft bei Individuen angetroffcn werden, die mit Halbbildung alSAutodidakten und pochend auf das .S'chns' und auf .Jichus' sich in .Kreise drängen und Berufe ergreifen, die weder ihrein Wissen noch ihrem Können cntjprechm. Es ist dies jene Halbheit, die immer gepaart mit Ehrgeiz alles besudelt und beschmutzt, was nicht zu ihrer Fahne schwört. Tm Herren Eantorm möchten wir jedoch dm ehrlichen Rath ertheilcn, alle Titelfragm bei Seite zu lassen uüd lieber jene Standesstagen in Erwägung zu ziehm, welche geeignet sind, sowohl dir materiellen als auch d׳e geistigen Interessen des Cultusbeamten zu hebm und zu fördern. In Oesterreich ist leider kein Sinn für Bereinsleben vorhanden. Die bestehenden Vereine vegetirm und neue Vereine kommm gewöhnlich schon als Todtgeburtrn zur Welt. Seit Monaten verwende:! sehr tüchtige und begabte dünner Zeit und Mühe, um endlich auch hier einm .Verein für Geschichte und Wissmschast des Judmthums' ins Leben zu rufen. Aufrufe wurden veröffmtlicht, Statutm mtworsen. Ter Erfolg war ein durch und durch beklägmswer^tt. Mit Ausnahme einiger wmiger Freunde der Wissenschaft meldeten sich bis jetzt kaum ein .Häuflein Rabbiner und Lultusbeamten, die sicherlich bei der ersten gemeinsamen Bcrathung als Gegner einander gegenüberftehen iverden. In Oesterreich, speziell in Wien, fehlt das granum salis, das eben in unseren schweren Zeiten unerläßlich ist. Den» Bildungs- und dem Forscherdrange werden alle erdenklichen Steine in den Weg gelegt und die österreichischen Gelehrten und Freunde der Wissmschast des Jüdenthums haben mit solchen Hindernissen zu kämpfen, daß man nur staunen niuß, daß sich in Oesterreich noch Leute finden, welche ihre Mußeftundm der Wissenschaft des Judenthums widmm. Wien, 22. Juni. lOr.-Corr.) Endlich also hatte sich doch unser Minister-Präsidmt veranlaßt gefunden, in der anti» semitischen Bewegung ein Wörtlein zu sprechen, welches, so klein auch dieses ist, uns doch mit einem Schimmer der Dämmerung erfüllt, nachdem es leider so lange Nacht war. Sie habm über die Antwort, welch« Fürst Windischgraetz einer Deputation des kotholischm Lehrerbundes für Oesterreich ertheilte, bereits berichtet; der genaue Wortlaut steht nicht fest, die antisemitischen Blätter schwächen ihn bedmtend ab. Vielleicht wird der Ausspruch des Freiherrn von Leitmberger: .Bon dieser Regierung habm wir nichts zu erwartm', doch noch zu Schandm. — Tic Brüder Freiherren Albert und Nathaniel von Roth- 'child betheiligtm sich aus Anlaß der eingeleiteten Sammlung zum Baue einer Kirche aus dem Semmering mit einer Spende ein fl. 1000 — Wann hört man von einer Gabe eines s.tholikm für einen Synagogmbau? — Tic von Baron ■ rK1nifl Roibschild gemachte Stiftung für invalide Offiziere, .che vom Kaiser gmchmigt wurde, wird mit 1. September d. I. 'in ׳Kraft treten und ist diese allenthalben als großartigstes Werk der Neuzeit angesehen. ' Wie». 25. Juni.׳ (Or.-Lorr.) Nascher,' als man erwartm . durfte, hat die Affaire .Rettungsgesellschast-Dr. v. Vragajjy ihren : bschluß gesunden. - Unterd«n Vorsitze des Hofrathe« Pros. Nothnagel veröffmtlicht die Tommission,' bestehendaus den Herren Prof. Grüühut, Pros.. Albert, Dr. Max Mmger, Arthur Freiherr von-Suttner, Eduard Miugäzzi di Modigliano cm Cümmunique, welches folgeudeis Wottlauthat: .Wiie haben aus Grund* eingehender Untersuch ng die. lieberzeugung gewynlien, daß seit einiger Zeit in der .Wiener steiwilligen Rettungsgesellschaft" eine mit der Absicht des Gründers- Protektors und bfs. Iciteuden llow.it:S in Widersprach - ste ende und.mit dem Ärundgrdanken und der Zweckbestimmung - dcscs im Dienste der reinen Humanität errichtetem In- . stituteS nnberesndar starke. Unrerströmung Eingang ge- . sunden habe, rückfichtlich w.lcher dem Chefärzte Dr. v. Vragrayy der Borwurf uicht crspatt'werden kann, ihr nicht rechtzeitig und kräftig genug entgegen getreten zu sein.' Wenn auch nur verhüllt, läßt diese Enniiziation doch die Thatsachc gelten, daß Tr. v- Vragassy ' nicht mehr, mit der Leitung eines dm allgemeinen Interessen, der Stadt dienlichm Institutes zu bctraum ist. Da er aber einen noch mehrere Jahre geltmden Vettrag besitzt, soll in einer dem- . nächst einzuberusendm Akttons-Comitc - Sitzung der Antrag' gestellt iverden! ihm eine Abfindungssumme zur Verfügung zu . stellen, was wohl das Beste wäre. Wie«, 25. Juni. (Or.-Corr.) Tie Klinik Nothnagel's . war heute der Schauplatz einer voi! antisemitischer Seite beabsichtigten Demonstration, welche einm vorzeittgcn Abschluß . der Vorlesungen an der Universität zur Folge hat. Als der' allseits gefeierte Lehrer, der (vergl. obm) in dem Falle Rettungs« gesellschaft-Dr. v. Vragassy als Präses fungirte, seinen Hörsaal bettat, wurde er mit einm! mehrere Minute» .währenden ' ohrenbetäubmdm Lärmen, Füßcstampfeii und Rufen: .Jude, Wucherer' re. begrüßt, so daß der Professor nicht zu Borte kam, welches Schicksal auch die herbcigceilten Profefform Schauta und Chrobak theiltm. Erst dem Decan Vogel gelang es, Ruhe zu stiftm und erklätte er, daß die Schreier sich würden verantwotten müssen. ES hat sich herausgestellt, daß die Temonsttatiou von Anhängern Dr. v. Vragrassy's - . inscmitt wurden und scheut sich dieser adlige Herr auch nicht, die heiligen Räume der Wissenschaft für seine profanen Zwecke zu mißbrauchen. Es wurde d׳e ftrmgste Untersuchung angeordnet. Wien, 27. Juni. Die Behörde verbot sowohl die anti-, semitische als auch die von der jüdischen Verbindung .Kadimah' zu heute einberufene Studmtmversammlung. > Aus Ungarn, 24. Juni (Or-Corr.) Das rekonstruitte Ministerium Wekerle steift auf der Höhe dm Bolkt-Smnpathic und der Cultur-Ausgabe. Die neuen Mitglieder der Cabinets sind der Präsident der Akadeniie der Wissenschaft, Baron Lorand Eöwös für Cultus und Unterricht und Graf Andrassy Minister des SöuiglichmHauses. Tie obligatorische Civilehe, welche zu einer Minister-Krisis gefühtt hat, ist nuu auch von Magnatenhausc angmommen worden und hant jetzt der Königlichen Sanktion, die gesichett ist. Tieses Gesetz bildet dm wichttgstcii Ring in der Kette der kirchen-politischm Gefttzgebung, welche auf die Freiheit und Gleichberechtigung aller Confcsionen abzielt. Der neue Cultus-Minister hat einer Landesdeputatton der jüdischen Orthodoxie die Wahrung der Gewissensfreiheit verheißen, und ist der Tadel, welcher dein Judenthume aller Parteien von den Feinden desselben vorgewprfm wird, daß es Die freiheitliche Staatsgesetzgebung aus religiösen Gebiete begünstigt und stützet, wohl dahöchste Lob, welches dm vaterländischm Glaubensgemeinschaft zuerkannt werden kann. — Die Kossuth-Feier hat eine ganze Littewtur von ungattscheu Reden hervorgcrufm, unter dmcn die Gcdächtnißrede des kaposvarer Rabbiners Dr. Herzog und der CycluS von