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Israelitische Wochenschrift · 1894-06-29 · 26 (29.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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E. Nienburg a. W.. 22. Juni. (Or.-Con.) Unsere Stadt war bislang von den Aposteln der ,Schmach des Jahr- Hunderts" verschont geblieben. In dem breiten Boden der hiesigen Bevölkerung ist bis jetzt die Tendenz des Friedens vorherrschend gewesen. Wenn auch antisemitische Anwanolungen vorhanden, so beschränken sie sich aus Leute, die sich zu den ,bessern Ständen" zählen nnd nicht öffentlich damit hewortreten mögen, sondern lieber im Trüben fischen. Ein Borsall. dafi vor längerer Zeit ein hiesiger Volksschullehrer antisemitische Blätter unter seine Schüler vertheilte — angeblich nur zu Umschläacn kür Schreibhefte. — ist vereinzelt aeblicben. Der betreffende Lebrer ist von seiner Vorgesetzten Behörde darüber zur Rede gestellt worden. In dieser Woche nun sollten wir eine:: ,Volksbeglücker" und ,Deutschenbesteier" zu sehen und zu hören bekommen in unsern Mauern. Liebermann von Sonnenberg hatte in hiesiger Gegend — Walsrode, Uelzen. Verden — eine Tournöe gehalten und fich für hier aus Mittwoch, den 20. d. M. avisirt. Aber fiehe da! er konnte keinen Saal hier bekommen. In komisch-tcanrigrr Entrüstung zetert darüber die ,Han». Post" vom 17. Juni: ״In Nienburg war für eine antisemitische Versammlung kein Saal zu erlangen. Ein trauriger Beweis, >vie weit die Judenherrschast dort gediehen ist." Die ״H. P." kan» aber nicht begreifen oder will sich absichtlich der Einsicht verschließen, dafi unsere sonst gcsnnde Stadt auch dieser Seuche keinen Einlafi gewähren will. Für nus ist es ein Beiveis der Anständigkeit der hiefigen Saalbesitzer, denn kein hiesiger Jude hatte auch nur einen Schritt gethan, dieselben von der Herleihnng ihrer Säle zurückznhalten. Nun wollte L. v. S. seinen bekannten Vortrag über: ,Die Inden, die Könige unserer Zeit" auf dem Schlofiplahe abspinncn. Allein der hiesige Magistrat gab nicht die Erlaubnis, auf einem der Stadt zugehörenden freien Platze Inden- Hetze treiben zu lassen. So hat denn dieser Häuptling der Antiseiniten für diesmal seinen Plan, in unsere friedliebende Bürgerschaft .Hafi und Feindschaft einzuschleppen, ausgebcn müssen. Die hiesigen Juden, durchweganständige Leute, die sich einer strengen Reellität befleifiiqen, denen kein sittlicher Desect anhaftet, sind erfüllt von Gefühlen der Dankbarkeit für das ebenso correrte wie liebenswürdige Verhalten sowohl des Stadtvorstandes als auch der Saalbesitzer gegen einen Theil ihrer Bürger, die ihren Bürqerpffichtunqen gewissenhaft und gern Nachkommen. In gleicher Weise stehen, wie wir wissen, auch die hiesigen Geistlichen, die evangelischen wie der katholische, den antisemitischen Bestrebungen abboldgegenüber. Würde überall, wie hier, den Hetzaposteln ein Riegel vorgeschoben, so würde den Dreitziq-Pfenniq-Männern ihr trauriges Handwerk bald gelegt sein. Ist nun auch das Verhalten der hiesigen Juden durchaus deratt, dafi sie ihrerseits nicht den geringsten Anlak geben, den Antisemitismus hier Boden gewinnen zu sehen, so wäre es uns doch wegm des ealumniaro audacter, oompor nliquid haeret nur erwünscht, wenn das Intermezzo der Beunruhigung fich bald wieder totschwiege und die Eintracht zwischen Juden und Christen ferner nicht gestört würge. Ausgeschlossen ist es immerhin nickt, dafi ein zweiter Versuch gemacht werden wird, auch das hiesige Terrain für die Saat der Zwiettacht zu beackern: wir hoffen aber nnd sind vorauszusetzen berechtigt, daß dieser ebenso kläglich im Sande verrinnen werde, wie der erste. Aus Oberschlesien, 26. Juni. (Or.-Corr.) Ein bcMerkenswetthes, stcudig-ernstes Fest feinten unsne Glaubenbrüdn am 17. resp. 16. Jjjar dieses Jahres in dem oberschlesischen Städtchen Woischnik. Im Gastbause des Herrn Angrefi fanden sich aus Woischnik und den Nachbarottschasten Boronow. Czieschowa, Koschentin, Stahlhammn u. m. a. etwa 40--45 Personen ein, um das crste Stistmigsscst dn Chebrah kadischah zu feieni. Alle diese Ortschaften haben ihren Friedhof ״nd ihre Snnagoge, einen uralten Holzbau, in Czieschowa. Obgleich dieser Friedhof ei« sehr respectabrles Altn aufzuweisen, b estand doch merkwürdign Weise dort bisher nie eine geordnete Chek'rah kadischah. Herrn Dr. med. Kaiser in Woischnik, der noch ein warmes Herz für die humanen und pstäwollen Interessen hat, blieb eS Vorbehalten, vor Jahresstfft diese ,heilige Brüderschaft" ins Leben zu rufen. Der Verein zählt z. Z. 45 Mitglieder. In den Nachmittagsstunde« des 17. Juni nach gemeinsam beendetem Minchah. Gebete, erfolgte unter Borsitz des Herrn Dr. Kaiser der Bericht über die Thättgkeit des Vereines. Um 8 Uhr Abends wurde in der Synagoge Gottesdienst abgehalten. wobei der Cultusbeamte von Woischnik eine festliche Ansprache hielt. Beim daraus folgenden Liebesmable ging es überaus gemüthlich und heiter zu. Verschiedene Tischreden würzten das Mahl. Auch hier verfehlte Herr Dr. Kaiser nicht, auf die Bedeutung des Bundes und des Festes in eindringlichen Wotten hinzuweisen. Aus dem Städtchen Alt-Berun dringt eine Trauerkund zu uns, welche über die Grenzen OberfchlesienS in vielen Gemüthern lebhaft nachzittert. Loebel Wachsner, welcher dort zu den angesehnsten, ehrbarsten, tugendreichsten und frömmsten Gemeindemitqliedcrn zählte, wurde am 12. Siwan am AuSgange des Sabbathes von einem plötzlichen Tode hinweggerafft. Dieser anscheinend überaus krästtge, kerngesunde Mann, welcher nach beendetem Gottesdienste an der Betstätte seiner Gepflogenheit gemäß noch einen Abschnitt der Mischnah durch, nehmen wollte, klagte plötzlich über heftige Erkrankung. Man brachte ihn in seine Behausung und nach wenigen Stunden machte ein Herzschlag seinem gottgesegneten Leben ein vorzeitiges Ende. Wachsner, welcher höchstens 55—56 Jahre zählen mochte, hatte schon seit Jahren sein blühendes Geschüft aufgegeben. Seine günstigen Bermögensverhältnisse gestatteten es ihm nnd seine streng religiösen, wahrhaft stammen Neigungen machten es ihm zur Pflicht, einen großen Theil seiner Zeit und seines Vermögens den religiösen und humanen Interessen seiner Gemeinde und des GesammtjudenthumS zu widmen. Ihm ist es zu danken, dafi die religiösen Jnstitutionen seiner fleinen Gemeinde stteng den Anforderungen deS Ritus entsprechen und nichts zu wünschen übrig lassen. Für die Armen hatte er stets eine offene Hand und ein offenes Herz. Sie nahmen seine Zeit, sein Geld nnd seine Geduld vielfach in Anspruch. Daß er seine Gaben auch bisweilen au unwürdige Bettüger verwendete, wurde ihm wobl flar, vermochte aber seiner Wohlthättgkeit keine andere Richtung zu geben. Die qalizische Nachbarstadt Oswiecim, namentlich die jüdischen Armen derselben, unterhielten mit dem Hause Wachsner in Berun sehr eifrige und innige Beziehungen aufrecht. ,Selten verließ ein Armer dieses reiche mildthätiqe Haus ohne milde Gabe und reichliche Wegzehrung. Bor Jahren begab er sich nach Jerusalcin zu längerem Aufenthalte. Er trug sich mit der Absicht, den Rest seines Lebens auf geheiligtem Boden zuzubringen, ein stommer Wunsch, dessen Erfüllung ihm versagt blieb. Dafi er Jerusalem, seine stommen Stiftungen und die Armm des heiligen Landes mit seinen milden Gaben in ausgiebiger Weise bedachte, braucht kaum noch besonderhervorgehoben zu werden. Am 14. Siwan wurde Wachsner in Berun zur letzten Ruhe bestattet. Ein großes Leichengcfolge aus verschiedenen benachbarten Städten erwies ihm die letzte Ehre. Der Rabbiner aus KönigShütte und ein dem Verstorbenen besonders besteundeter Dajan aus Oswiecim hieltm Trauerreden am Grabe des Verstorbenen. ת׳נ׳צ׳ב׳ה —r. Da«ztg. 16. Juni. (Or.-Corr.) Bezüglich der in vor. Nr. kurz mitgetheilten Aufhebung des Schächtverbots, sei hier nachttäglich auf den ganzen Hergang der nicht zu unterschätzenden Angelegenheit hingewiesen: Im Mai vor. JahreS erließ der Herr Regierungspräsident von Danzig eine Polizeiverorchnnoa, welche das Schächten nach jüdischem RituS in Städten ohne Schlachthaus verbot und das Schächten auch nur mit Genehmigung des Regierungspräsidenten erlaubte. In einzelnen kleinen Gemeinde»,' z. B. LarthauS, Tiegenbof wurden daher dem Schächter Schwierigkeiten bereitet und

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