Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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seine Liebe würde uns ebensowenig stolz machen, wie sein jetziger Haß unS betrübt. Wenn wir das Gefühlsleben des Exhofpredigers dennoch mit der kritischen Sonde untersuchen, so hat er das selber provocirt durch eine Erklärung, mit welcher er, als er durch einen orthodoxen Gegenredner in die Enge getrieben wurde, gelegentlich einer Hetzversammlung in Düsseldorf, sich aus der Klemme zog. Man weißes ja, daß Herr St. es mit seinen Behauptungen nicht so genau nimmt und die Ungunst des Moments zu cvrrigiren versteht; man würde aber fehl gehen, wollte mau dieser seiner Düsseldorfer Auslassung das gleiche Motiv unterschieben und sie als ein werthloses Angstproduct ansehcn. Werthlos mag es ja sein, was er gesagt hat, denn daß Herr Stöcker etwas im Judmchume oder überhaupt außer seiner persönlichen Werthschätzung etwas liebt — dieser Kasus macht mich lachen. Herr St. kann nur hassen; sobald er dieses Gefühl aufgiebt, ist er nichts, absolut nichts, weder als Politiker, noch als — einseitiger Redner, noch auch als Prediger der ,Liebe"; letztere Mangel mag er in einem schwachen Momente der Selbsterkenntniß selber empfunden haben, weshalb er auf sein vornehmes Amt refignirte. Also wir können es Herrn St. bezeugen, daß er für die Orthodoxen thatsächlich mehr Faible Hab«, als für die Reformer und wir überlassen Ersteren gern die unangenehme Pflicht, so sehr sie auch für Beweihräucherung empfänglich sei« mögen, mit diesem Lobredner sich kanars mastrrä anseinanderzusetzen. Wodurch haben die armen Reformjuden sich den Ehrenhaß Stöcker's zugezogen? Unser verständnißinniges Eingehen auf das Stöcker-Leben läßt uns für diese Erscheinung zwei Gründe erkennen, von der eine auf religiösem Gebiete liegt, der andere hingegen einen socialen Hintergrund hat; da nun zwei Seelen — och — in seiner Brnst wohnen, eine nach Erziehung und Studium religiöse und eine nach Neigung und Ehrgeiz socialpolitische, so wollen wir der ihm innewohnenden religiösen Stimmung als der älteren den Vorrang lassen: Eigentlich haben die Orthodoxen dem Herm St. niemals was zuliebe grthan, weder die orthodoxen Christen — als solche par excellence gelten die Russen re. — noch auch die orthodoxen Juden, letztere konnten es ihm sogar noch weniger recht machen, als die ersteren, welche zwar ihre Feste auch anders feiern, als Herr St., dm sie nicht einmal für einm vollen Ehristm anschm, mit dem sie aber doch Schinken und Intoleranz teilen könnm und daS ist doch schon etwas. WaS macht ihm nun die orthodoxm Judm so anziehend? Herm St. mag eine dämmrige Ahnung aufgegangm sein, daß das ewige Geschrei von der freiwilligen Abschließung der Judm angesichts der täglich sich mehrmdm Erfahmng vom Gegmtheil nicht mehr recht zugkräftig sei; femer fällt es ihm immer schwerer, die Eonfession seiner Zuhörer von ihrm — Nasen abzulesen, denn es giebt ebmsoviele waschechte Antisemitm, welche aussehm, als ob ihre Boreltem am Fuße des Berges Tabor Schafe gehütet hätten, wie auch Judm, bei dcrm Anblick man im Zweifel ist, ob nicht ihre Altvorderm einst auf Bärmhäuten ,immer noch eins" sich hätten wohlschmeckm lassm. Um diesem drohmden Dilemma zu mtgehm, will er mit dm Orthodoxm pactircn; er kmnt ihre Neigung, aus religiösm Gründen ihr Judmthum auch äußerlich zur Schau zu tragm, er weiß, daß sie am wmigsten geeignet find — wegen der vielfachen störenden Erschwemisse — Anschluß an Andersgläubige zu suchen, und deshalb sind sie ihm willkommm. Ein. Jude mit Stirnlöckchm und sonstiger äußerer Decoration würde von weitem schon als unzweifelhaftes Objest für alle Judmhetzer erkmntlcch sein und der jüdischen Religion, die auf solche Obsemanzm fußt, wmig Ehre und Anerkennung bringm. Herr St. könnte Hann auf diese dm Moder des Alterthnms an sich tragmdm Judm mit Fingem weism, sich auf die edle Brust schlagen und mit fronnnm Augmschlage ansrufen: ,Ich danke Dir, me« Gott, daß ich nicht bin, wie dieser!" Bis jetzt ist uns noch keine irgendwelche Kundgebung aus dem orthodoxen Lager gegen diese LiebeSwerbung St.'- zu Gesichte gekommen; wmn diese Bundesgmosimsch'aft nicht bald und mergisch zurückgewiesen wird, dann wird sich wohl Ehrm-Glöß die Gelegenheit nicht mtgehm lassm, in seine« . berüchtigtm Bilderbogm Stöcker und einm polnischen Rabbi cibzuconterseim, wie sie sich innig umarmm und weinen resp. vor Schmerz resp. vor Freude — eine reizende Idylle! ׳"' Die Reformjuden freilich, welche alles Auffällige, Absondernde gern vermeiden, deren Eifer darauf gerichtet ist, das Judentum stets lebms- und jugmdfrisch zu erhalten und dessen Existmzberechtigung so in das rechte - Licht rücken, müssen Herm Stöcker ein Pfahl im Fleische Hein und? deshalb , haßt er sie, haßt sie mit aller Kraft seines giftgekränkten Herzens, das nach einer Anerkmnung 'bringenden That lechzte. *! Die Sache hat aber noch einm wirthschaftlichen Haken, dessen Berücksichtigung' Herm. Stöckers socialistischem Geiste alle Ehre machm würde, wmn die Geschichte nicht zg durchsichtig wäre. Die mittelalterliche Gesetzgebung hat bekanntlich das Judmthum in die bis dahin ihm unbekannte Fessel des Handels geschmiedet, die es allmählich, derart gelockert hat, daß sie schließlich ganz bequem saß. Durch diese währmd Jahrhunderte fortgesetzte gleichmäßig.,Erziehung wurden die Juden mit einem haudelsgeistigm Aebergewicht. ,erblich belastet". Um dieses Uebergewicht auSzuqleichm, calculiert Herr St. sehr richtig, giebt es kein geeigneteres * Mittel, als die Geschäftszeit der Judm zu vkrengm, und, da die Gesetzgebung G. s. D. vorläufig noch für dieses Flehm taube Obren hat, so hätschelt er die Orthodoxm, welche ihm seit Einführung der Sonntagsruhe sehr mtgegmkommm. Er soll zwar auch unter ihnm welche gebm, welche kleine Hinterthürchm, dm Sabbath zu umgehen, nicht verschmähm, allein im Großm und Ganzen ist ihre Thätigkei» . doch an diesm Tagen sogar ohne Stöcker's Hinzuthun brach. ' gelegt. Diese Freude erlebt er leider bei dm meistm Reform» - judm nicht, und daher rührt die Ungnade, die sie sich bei ~ ihm zugezogm. Wäre dieser Sröckerfche Aerger nicht mit der Verletzung heiliger Vorschriften der Thorah, die sich mit allen opportunistischen Erwägungungen nicht aus der Welt schaffm lassm, erkauft, dann könnten wir der jedem Menschen — also auch uns — innewohnenden Schadenfreude nicht wehrm, dmn Herr St.hat uns amch schon oft genug geärgert, so aber üiüssen wir verbeißen, was wir nicht ändem können und uns damit be- . gnügm, Herm St. ein Spiegelbild vorgehalim zu habm, welches wohl zutreffend ist und — wenn'wir noch Stöcker's ׳ instinktives Wohlwollm für alles, was orthodox ist, in den Kreis unserer Berechnung ziehm — einem einstmaligen Bio» graphm St.'s recht schätzenswerthes Material ׳ zufühtt, denn ohne jeden Gmnd haßt wohl ein Stöcker, liebt aber nie» mandm! Kerichle und Aorrrsponöenren. Dentsehland. Magdeburg, 15. Juni. DaS Preisgericht über die 28 eingegangme Entwürfe zur nmen Synagoge trat gestem Nach, mittag zusammm. Es bestand aus den Herrm: Geh. Regie» rungsräthen Professorm Ende und Otzen aus Berlin, Regiemngs- und Baurach Thür zu Magdeburg, Direktor der Magdeburger Bau- und Creditbank, Regiemngs»Baumeister Duvigneau, Borsitzmdm des Vorstandes der hies. Gemeinde PH. Rosen heim, Borsitzmdm der Repräsmtantm S. Singer. Die erste Durchsicht der sämmtlichm Arbesten ergab, daß eine Anzahl der Bewerber: die Aufgabe nicht genügend studirt und deshalb keine in Frage kommendm Lösungen geliefert bat. Hiemach war es unmöglich, einem der Projette dm ersten Preis zuzuerkenne«. Da- Preisgericht macht daher