Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Studenten von ihren christlichen Kommilitonen immer mehr und mehr aus dev Corps, Landsmannschaften, Bcreinen!>. s. iv. herausdrängt und ausgeschlossen werden — und nun ,nutz sie den großen Schmerz erleben, daß bei der jüngst an der Berliner Universität stattgehabten Borstaudswahl der akademischen Lesehalle, der größten Vereinigung der hiesigen Studentenschaft, nicht nur zwei Juden gewählt worden find, sondern daß sogar einer bon ihnen vielleicht den Vor. fitz im Vorstände führen wird. L>o» Rechtswegen, d. h. nach Maßgabe der Stimmzahl getührt ihm derselbe, die Ent, scheidung hierüber ist dem Rector der Universistät anheim» gestellt morden. (Dieser hat zu Gunsten des von, ״Verein deutscher Studenten" Gewählten entschieden, weil die Ma» jorität der Gegenpartei sich aus zivei Vereinigungen zusammensetzte.» Im׳ vorigen Sommer noch hatten 270 Studenten für den ״Verein deutscher Studenten" und nur 217 für die ״Freie Wissenschaftliche Vereinigung", die freisinnige Tendenzen vertritt, gestimmt. Tiesmal dagegen ging der erstere auf 238 Stimmen herunter. während die letztere mit der ihr verbündeten sozialwissenschastlichen Vereinigung 294 Stimmen erhielten. Jedenfalls scheint der konservativ-antisemitische Geist, der in den letzten Jahren in der Berliner Studentenschaft herrschte, stark iin Rückgang zu sein. Auch die von der ״Kreuzztg." verbreitete Rachricht, die ״Burschenschaften" hätten aus ihrem Pfingst-Congreß eine gegen das Judenthum gerichtete Erklärung angenommen, be» stätigl sich nicht; es wurde vielmehr ausdrücklich in das Programm der ״burschenschastlichen Blätter" der Ausschluß jeder antisemitischen Tendenz ausgenommen. \V. Berlin. 8. Juni (Or.-Corr.» Vom hiesigen Verein ״Esra" erhielt ich gleich wie sehr viele Gemeindcmitgliedcr eine Einladung z» einem Sommerfeste (״Concert, Theater, Kinderbelustigungen, Brillant-Prachtfcuerwerk und Kränzchen"» am 21. Juni. Es heißt darin, daß dieser Verein der einzige in Deutschland sei, ״der das Bestreben habe, den verfolgten Glaubensgenossen eine neue Heimath in Palästina zu schaffen." Unterzeichnet ist der Verein von den Hauptleitern und Förderern der national-jüdischen Zionisten-Partei (u. A. von vr Hirsch Hildesheimer, Willy Bambus, vr Heinrich Löwe. W- Zloczisti). So gern ich mich auch an Mischen HumanitätSbeslrebungrn betheilige und mein Schärflein dazu beitrage, so sehr widerstrebt eS mir und sehr vielen denkenden Berliner Juden die Sache einer Partei zu fördern, die unsere Gleichstellung im deutschen Vatcrlande sehr gefthrden kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der ZioniSmns. der offene sowohl wie der geheime, eine Gefahr für das deutsche Judenthum ist, eS nimmt nur Wunder, daß unsere hiesigen Prediger und unsere Vorsteher ihre Augen davor verschließen. Erstere hätten schon längst einmal ihre waniende Stimme auf der Kanzel rc. gegen diese Bestrebungen erheben und die Gemeindemitglieder auf die eigentlichen Ziele, die sich hinter dem harmlosen Aushängeschild: ״Unterstützung des Ackarbau's und Eolonisatton in Palästina" verbergen, aufmerksam machen müssen, die tenditte Rückkehr nach Palästina wäre ein Rückschritt des Judenthums, eine vollständige Verkennung der eigentlichen Mission Hesselben. Gedankenlos geben viele die Mark, sie denken dabei wenig oder gar nicht an die Tendenz, welche die Leiter damtt verfolgen. Ackerbau, soll unter hen Juden gefördert werden, aber ״Wiedererwerb Palästina'S" ist eins Chimäre!- . —-n. Berlin. Mit dem Shatespeare'schen Wotte: ' ״Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, ich werde nimmer seines Gleiche» sehn!" leitete Herr Dr. Louis LeweZ auS München seinen am 6. d. M. hier gchastenen Vortrag ״Gabriel «ießer, ein deutscher Patriot" ein. Eine kühne und schwere Aufaabe sei eS, in so kurz bemessener Zeit einen Maun Non der Bedeutung Gabriel RirßerS zu schildern. Dennoch «9 chm in seine» efitstündigen Bottrage eia Lebendbild de- ManneS zu entwerfen, der einer der ersten und bedeutendsten Vorkämpfer für die Rechte der Juden war, dein wir eS zu danken hätten, daß wir uns im deutschen Vaterlande frei bewegen könnten, daß wir — wenigstens in der Theorie — nicht mehr die Parias der. Gesellschaft sind. Jude und Teutscher mit Leib und Seele, ttat er energisch für die Entwickelung des Vaterlandes zu einem Rcchtsstaate ein. Unerbittlich gegen jede RcchtSverdrchung. betrieb er dir Polemik nicht ans Neigung, sondern aus Pflicht. Er verstand eS. ivie Keiner mit Leuten verschiedenen Bildungsgrades fruchtbringend zu verkehren; sein Inneres quoll über von Humanität; Liebe und Friede waren seine Grundsätze. Von der Anwaltschaft wegen seines Glaubens ausgeschlossen, wurde er ein Anwalt seiner Glaubensgenossen. Später erlebte er die Genugthuung der erste Jude zu sein, der zu hoher Richterwürde gelangte. Von hinreißender Bcredffamkeit, war er voll edlen Zornes, wenn es sich um eine Beugung des Rechtes handelte. Wehmüthig müsse sich unser Blick nach seiner Ruhestätte richten; niit der Schärfe seines Geistes, seiner Zunge und seiner Feder wäre er dazwischen gefahren, wenn er die Schmach unserer Tage erlebt hätte. Rauschender Beifall der sehr zahlreichen Versammlung lohnte dem Redner. Ulm, 8. Juni. (Or.-Corr.j Tie hiesige antisemitische .Schnellpost" hatte bezüglich des verhafteten Schächters R.Bernheim schon von einem Ritualmord geschrieben, soll aber von maßgebender Seite deshalb verwarnt morden sein, und wittert nun einen Versuch zum Selbstmord, was vom Staarsanwalt dementitt wird. Wer den 60 Jahre alten, fast erblindeten Schächter kennt, glaubt nicht an feine Schuld. Möge der wahre Mörder bald entdeckt werden, damtt nicht Unschuldige durch das Verbrechen Eines leiden. Tie genannte ״Schnellpost" schrieb unterm 5. Juni: ,.Gestern Nachmittag wurde der inhaftitte Beniheim an die Mordstätte im Glkckleschen Hause gefühtt und dort einem längere» Verhör unterzogen. Hierauf wurde die Untersuchung in dem Klinglerschen Hause in der Grünhefgaffe, in der Wohnung Bernheim-, fottgesetz». Als Bcrnheim wieder in das Untersuchung-- ~ יי י ׳ ."§ unter viele Schulkinder, angesawnielt. die bei dem Erscheinen Bernheims in laute Berwünschunge״ ausbrach; während de- Transporte« sttömten immer neue Schaare» hinzu, und der Aus׳ lauf nahm schließlich einen solchen Charakter an, daß Bernheim außer durch den Gesangenauffeher auch noch durch den Polizeiinspektor und vier Schutzleute geschützt werden mußte, sonst hätte die etwa 2000 Köpfe betragende Menge Lynchjustiz geübt. Heute Vormittag S Uhr wurde Beniheim unter Begleitung zweier Gesangenenaufseher vor den Untersuchungsrichter geführt. — ES bestätigt sich, daß Beniheim einen Selbstmordversuch gemacht hat, indem er sich mit dem Hosenträger an der Bettlade aufhängtc; er wurde jedoch rechtzeitig abgeschnitten und wird jetzt scharf bewacht. — Die mit Blutflecken behafteten Gegenstände, welche in der Wohnung Bernheims versteckt aufgefunden wurden (Messer, Garniernadel), sowie die Hose, find zur Untersuchung nach Tübiugen gesandt worden. Hierorts wurden die Flecken als von Menschenblut hcrrührend, festgcstellt." Sie mußte TagS darauf folgende amtliche Berichtigung bringm: ״Gegenüber der in Nr. 128 der ״Uluier Schnellpost" gebrachten Nachricht — ״cs bestätigte sich, daß Brrnheim. einen Selbstmordversuch gemacht habe, indem er sich mit dem Hosenträger an der Bettlade anhänglc" — stelle ich fest, daß ein solcher Versuch nicht statlaesunden hat. auch in der mitartheilten Weise schon darum nicht stattgesunden haben kann, weil sich in der Zelle de» Berheim eine Bettlade nicht befindet, sondern — als Lagerstätte — eine sogenannte Pritsche. Dagege» befindet sich bei ihm ein Mitgefangener. der einen solchen Schritt, wenn er je beabsichtigt werden sollte, wohl verhindern würde. — Der Vorstand׳ de« Amt-aerichtsgefängnisseS Laudaerichtsrath Clemens." (Die ״StaalSbüraerzt."» Me auch die Selbstmord lüge abdruckt«, hat die ^Berichtigung" 8» jrP poch nicht gebracht.)