Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Kkkichtr unö Korresponökurkn. v««tschlanv. Magdeburg. 8. Juni. Am christlichen Pfingstsonntage brachte die ,Vossische Zeit." einen schön geschriebenen Festartikel. aus den wir heute gelegentlich unseres Pfingsten zurückzukommen uns veranlaßt sehen, weil er manches den jüdischen Leser Berletzendes enthielt. Richtig ist, daß die Religion nicht eine bestimmte Stufe der Entwicklung des menschlichen Geistes bedeute, sondern daß Religion eine seelische Straft sei, die auch in dem geistig Hochstehenden mächtig waltet. Tiefe Erkmntniß ist nicht nur, wie die ״Vossische Zeitung" meint, durch Jacobi und Schleierwacher gefördert worden, sondern Lessing. Schiller, Göthe haben in gewaltigen allbekannten Worten der Religion das Wort gesagt. Aber diese Religion hat nichts Konfessionelles und man kann nicht ohne Ueberhebung und Uebertreibung sagen, daß ,nur das Christenthum diese Religion sein kann". Kurz darauf heißt es: ,die sittlichen Borschriften sind diejenige Religion, die erhalten bleiben muß und erhalten bleiben wird". Aber sind denn diese sittlichen Borschriften ausschließend christlich? Wäre die Menschheit nicht wohlgeborgen, wenn alle Welt die zehn Gebote hielte! Und das Christenthum lehtt doch viel mehr als die sittlichen Gebote! Wird auch nur ein bestellter Lehrer der Kirche in Deutschland mit dieser Eingrenzung zufrieden sein? Wir hätten den Auffatz, der ja offenbar nur für christliche Leser bestimmt ist, gar nicht erwähnt, wmn darin nicht einige Neckereien gegen das Judenthum vorkämm. Dem Christenthum wird nachgerühmt, es verkünde keine Speisegesetze und keine Sabbatgesetze. Das Judenthum glaubt den Borwurf erttagen zu können, daß seine Satzung lehrt, nach sechs Tagen der Arbeit einen Ruhetag zu feiern. Diese Ordnung muß wohl nicht so widersinnig sein, da sie von allen civilisitten Völkern angenommen worden, und sogar Atheisten dieser Lebensordnung begeistett zujubeln. Ferner wird mit einem Seitenblick auf das Judenthum gesagt: ,das ׳;hristenthum umgiebt die schöpferische Thätigkeit des Künstlers mit keiner Schranke." Diese Spitze verwundet uns nicht. Das Judenthum ist keine Feindin der plastischen Kunst über- Haupt, sondem nur der Plastik, die dem Götzendienst dient, die die reine Vorstellung von Gott verdunkelt. Wird das Judmthum vor ein Entweder — Oder gestellt, so spricht es: lieber keine Plastik als den Götzendienst. Diese Schranken kann sich die schöpferische Kunst des Künstlers gefallen lassen. Wir leugnen nicht, daß das Christenthum eine segensreiche geschichtliche Mission erfüllt (vergl. den Leitattikel in unserer vorigen Nummer), aber wir erheben Einspruch gegen jede Entstellung, die um das Christenthum zu heben, das Judenthum herabdrückt. Magdeburg. Wo immer sich Schmähungen gegen Juden vorfinden, da ttägt die ,Staatsbürgerzeit." all den Schmutz zusammen und tischt ihn mit ihrem Aufguß ihrm Lesem auf. So schreibt sie in der Nr. v. 7. Juni:. Die neueste Nr. der ,Neuen Militärischen Blätter" bringt folgende Mittheilungen über den Werth der Juden als Vaterlandsvertheidiger nach russischen Urtheilen. ״Die Armee gewinnt durch die Juden nicht! Niemals aber Dar! man die Juden zur Herrschaft gelangen lasien, diese Parafiten der Ration müflen stets in der niederen Mafie verbleiben. Ein Glück nur, daß fir nicht Osficirre werden dürfen. Eine gewisse Machtstellung aber erreichen sie leider doch, und zwar als Militärärzte, als welche sie nicht nur Uniform tragen,und Rangstustn einnehmen, sondem sogar KriegsauSzeichnungm er- Hallen. Wir bettachten diele auS dem Westen entlehnte falsche Humanität (?) als einen großen Fehler; denn der jüdische Qrjt hat für den Soldaten kein Herz, sondem sieht ihn nur als da- Object für praktisch« Bersuche an. um später mit seiner Geschicklichkeil umsomehr Geld zu verdimm. Weh« dem Soldat«, der einem jüdischen Chirurgen auf dem Berdandplatze in die Hände fällt!" — Wir bemerken (fügt die ״Staatsbürgz." hinzu), daß in der deutschen Armee Juden als Officiere sowohl, wie auch zahlreich als Aerzte vorhanden find, und glauben nicht, daß sich der Cbaraller der Juden ändett, wenn sie die deutsch« Grenze über« schritten haben." Das heißt also, alle die in dem erwähnten Opus gegen die russischen Militärärzte losgelassmm schmachvolle!! Berleumdungen gelten auch für die deutschen Officiere und Militärärzte jüdischen Glaubens! Wir wissen nur so viel, schreibt mit Recht die ,Bolks-Zta.", daß, wenn irgend ein - Blatt gegen irgend einen Unteroffizier nur den zehnten Theil der Verdächtigung und Verleumdung richtete, die hier daS Anfisemitmalatt gegm die Gesammtheit der jüdischen Milstär» ärzte der deutschen Armee richtet, eine drakonische Verurtheilung die sichere Folge wäre. In antisemitischen Hetzblättem aber muß man der Meinung sein, gegen Angehörige d:r Armee in Offizierstellung, sobald sie nur Juden sind, daS Gemeinste wagen zu dürfen! Magdeburg. In der Zeitschrift: ,Tagebuch des deutschfranzösischen Krieges 1870/71“ von Paul von Elpons, Oberst z. D. zu Berlin findet sich nach dem Berichte deS ,Preuß. Staats-Anzeigers" folgende Stelle: ״Versailles, 30. Oktober 1870. Gleichzeitig wurde auch der Angriff an der Barrikade emeuert. Der Oberst von Zaluskowski zog die 2. Compagnie Füsiliere und da- 2. Bataillon vom Regiment Elisabeth wieder von der Flanke nach der Front vor. Tie Fahne hoch erhoben, drängte die Heldcnschaar gegm den Feind an. Ein mörderisches Feuer empfängt sir, da fällt so mancher tödtlich getroffen, auch die Fahne sinkt zu Boden. Schnell rafft der Gefteite Karfunkelstein (Aarfunkelstein ist mosaischm Glaubens), der schon bei Metz das eiserne Kreuz erhielt, sie auf und ttägt sie seinm Kameraden voran. Auch ihn fällt eine Kugel, die Fahne sinkt zum zweitm Male ...." 0. Berlin, 12. Jnni. (Or.-Corr.) In einem Berichte über dm Vortrag, den der französische Krittler Jules Lemaltre neulich den Pariser Studenten anläßlich eines Bankets derselben, dem er praisiditte, über die Tugmd der ,Duldsamkeit" hielt, heißt es: In warmm Wortm ermahnte er die heißblütigen jungen Leute daran, daß man Duldsamkeit auf allm Gebieten, in der Politik, in der Religion, wie auch auf dem Bodm litterarischcr Ueberzmgungm üben könne und müsse. Besonders warm ttat Lemaitte für die religiöse Toleranz ein; seine diesbezügliche» behnzigenswerthen Worte lautetm: ,Tie Toleranz, die ich Ihnen empfohlm, hat nichts gemein mit Indifferenz, mit Dilettantismus und Trägheit. Im Gegmtheil, sie erfordert eine ganze Kraft und ein beständiges Ueberwachm seiner selbst. Sie kann sehr wohl Hand in Hand mit starken Uebcrzeugungen gehen, und grade weil sie deren Wettb zu schätzen weiß, wird sie sich nie dazu hinreißen lassm, dje Ucberzeugungen Anderer zu hassen. Sir schließt die Achtung vor dm mmschlichm Persönlichkeit in sich, Toleranz ist wohl einer der Namm für das kritische Dmken, aber sie ist auch gleichbedeutmd mit Bescheidenheit und Nächstenliebe. Sie ist die Nächstenliebe des Verstandes." Möchten voch unter Andern auch die Anttsemiten aus dm weisen Lehrm des Franzosm einm Nutzm ziehen. Aber dies ist wohl eine vergeblich« Hoffnung. Wo ist-bei unsem Gegnern von Beschndmheit, Nächstenliebe oder gar Verstand die Rede? Lmtt, bei denm der — allerdings falsche — Glaubenseifer die Tttebfeder der Unduldsamkeit ist, sind allmfalls, durch geeignete Belehmng heilbar, nicht aber Müffchen, bei welchm Neid, Mißgunst und wie alle die bösen Lridmschäften heißm, von welchm die Anttsemitm befangen find, die Ursache det Intoleranz und des Angriffs sind. Bei solcher Gesellschaft verfangm die Mittel der Belehrung leider nicht mehr. P» Berlin. (Or.-Corr.) Mit hämischer Freud« erzählte ,StaatSbürgerztttun^"^•*—- ttrf«... J die