Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1894-06-15 · 24 (15.6.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
24 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492344-5935089-5962335--2066-5376314
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Weise abzulhun und besonders mit einem gewissen Pharisäerstolz auf die Lehre des Judenthums hinzuweisen,'welche «lle diese Probleme bereits gelöst habe^ daher denn gar'nicht weiter darüber zu reden sei. Tics scheint uns keineswegs die richtige Behandlung zu sein. ׳ ־ In unzähligen Predigten hören wir zwar die biblische Lehre, über Besitz und Arbeit preisen und in der That bedeutet sie für die Verhältnisse eines kleinen Landes mit primitiver Cultur eine geradezu ideale Lösung der sozialen Problcme. Aber ist auch nur einen Augenblick im Ernst daran zu denken, die tausendfältig verschlungenen Verhältnisse eines großen landwitthschaftlich, gewerblich, industriell hochentwickelten Landes daniach zu ordnen? Für orthodoxe Zionisten sei cs gesagt, daß, wenn etwa Palästina wieder ausschließlich von Juden bewohnt würde, z. B. die Feier des Sabbath nach talmudischer Strenge ganz undurchführbar wäre. Könnte n,an alle Hochöfen jeden Sabbath auslöschen? Könnte man alle Maschinen,, allen Post- und Eisenbahnverkehr vierundzwanzig Stunden lang stille stehen lassen? Wäre das Brachjahr durchführbar? Das Jobeljahr ist ja ohnedies wahrscheinlich immer Theorie geblieben. Soviel für die Schwärmer für den Buchstaben der biblischen Lehre über die sociale Frage. Aber was nützt uns auch alles Predigen über ihren Geist, den Geist der Menschlichkeit und Rücksicht, wenn wir uns nicht bemühen, ihn in das Leben cinzuführen? Und hier nun können wir uns sehr wohl ein Beispiel an den kirchlichsocialen Eongressen nehmen, bei welchen doch, chre Erfolge seien welche auch immer, das eifrige Bestreben mit ver- «inten Kräften zu helfen, unmöglich verkannt werden kann. Selbst aus dem, was dort über die sociale Predigt gesagt wurde, könnten wir uns manches abnehmen. Man gehe nur B. in die Synagogen Berlins mit seinen achtzigtausend uden, ob man da allzuhäufig ein jesajanisches »Wehe" Hören wird, »über die, die da Haus an Haus reihen, Acker an Acker an sich bringen, bis kaum Raum mehr ist und sie allein im Lande wohnen"! Dafür um so öfter spielende Geistreichigkciten, und vor was einem Publikum! Was nun die sociale Arbeit anbetrifft, so schließt die Entwickelung der Verhältnisse eine jüdische Copie christlicher Bestrebungen von vornherein aus. Durch die Schuld der Verhältnisse girbt es vorläufig z. B. keine jüdische Landwinhschaff und nur wenig Arbeiter, also keine Arbeiterfrage. Aber dennoch giebt eS auch bei uns social viel zu thun und — nur der böswilligste Antisemitismus kann dies leugnen — es wird auch auch viel gethan. Wir erinnem an die zahlreichen HanowerkervereiNe, an das neulich in diesen Blättern beschriebene landwitthschaftliche Unternehmen des Eonsuls Simon in Ahlem bei Hannover; an die hochentwickelte jüdische Charitas (Liebesthätigkeit ohne Augenvcr» drehen). Aber die große Masse unserer Glaubensgenossen sind vorderhand noch Geschäftsleute und wer will es leugnen, daß hier mancherlei zu bessern ist, — nicht mehr als bei Christen, ' das ist ipahr —, aber brauchen wir hcrvorzuheven, daß wir, wenn ' man es leider nicht qus religiösen Gründen, zugeben will, so doch als eine Minorität gehalten sind, besser, gewissen- Hafter, redlicher,. menschlicher, hilfreicher zu sein, pls andere? Sollte sich einmal den christlich-sozialen EongresseN ein »jstdisch-sozialer" anreihen — bei' unserer jetzigen inneren Kraftlosigkeit, Verzagtheit, Zerrissenheit, der verwegenste . Traum, den man ttäumen kann —, dann könntt man aus sein Programm unter Anderem setzen: die Einführung eines neuen modernen Schulchan Aruch, aber nicht Orach ehajim oder gar Jore-deah, sondern Lhoschen hammischpat! (Ueber daß Verhalten der Juden in Handel und ׳Gewerbe.) . B. J. Rabbiner in Volksversammlungen. Sollen Rabbintr in Volksversammlungen austreten? Grundsätzlich ver»einen kann diese Frage nur noch, wer, unser mpdcrnes,. öffentliches Leben nicht' kennt. .Heutzutage nehmen selbst in dem nur Halbconstitutionellen Deutt'chland die meisten' gesetzlichen Maßnahmen folgenden EntwickclungSgang. Ein einzelner Mann spricht einen resormatvriichcn Gedanken aus, er findet Anhänger, diese werfen die Idee ins Volk, starke agitatorische Kräfte werden nicht müde, das Volk in deni neuen Sinne zu bearbeiten, bis es die Forderungen zu seinen eigenen macht und seine Abgeordneten daraus verpflichtet, sie im Parlament zu vertrete». Erreicht die Zahl der Abgeordneten die ausreichende Höhe, dann übe» sie einen Truck aus die Regierung aus, welchem diese sich aus die Dauer nicht entziehen kann. Also der Schwerpunkt liegt in der Bearbeitung des Volkes in' Volksvettammlungen. Zn Volksversammlungen, denn keine andere Beeinflussung kommt an Stärke dem lebendigen, die Massen ergreifenden, begeisternden entflammenden Wott gleich. Diese Erkenntniß hat keine Pattei (untn der -schweigenden Duldung der Behörden) cncrgischer in die That umgesctzt als die antisemitische. Hiergegen aber giebt es kein anderes durchgreifendes Mittel, als dem Feind an derselben Stelle vor derselben Menge entgegen;»- tttten, und keine geeigneteren Bettreter als Rabbiner, Prediger und Lehrer. Ten! Volte gelten nur sic, und nicht enva irgend ein Vorsteher, als Repräsentanten des Judcnthums, ihre Stellung erhebt sie über den Verdacht, dafür besoldet zu sein, und noch hat das Volk Vcrständniß für das freie, uncrschrockenc Wott eines Mannes, den ersichtlich nur die Empörung über angethane Riederlracht aus der stillen Klause in die V.cksversammlung trieb. Wer nur einmal in einer solchen Versammlung war, der wird die Vergiftung unseres Volkes durch die Pest der antisemitischen Reden nicht mehr unterschätzen. Er wird fettig sein mit den schwächlichen Bedenken: »Es schickt sich nicht!" — So lange es sich für einen Hofpredigcr schickt, gegen Juden zu Hetzen und dieses Hetzen leider Erfolg hat, so lange muß es sich für einen Rabbiner schicken und ist es seine Pflicht, dagegen aufzuttetcn und wenn er auch mit 'Koth beworfen wird. Ebenso schwach ist die Vertröstung ans das Urtl-cil der »Bessergesinnten". Aber leider hat jeder der vielen Uebelgesinnten eine genau so viel wiegende Stinime, als einer von den wenigen Wohlgesinnten. In der That ist auch den Antisemiten von allm Gegnern der politisch unschuldige jüdische Geistliche am fatalsten. Aber es prüfe sich wohl, wer solches unternimmt. Tenn der gute Wille allein genügt nicht nur, sondern verschlimmert die Sache nur noch. Man kann auf der Kanzel ein tüchtiger Redner sein und doch in BolkSvett'ammlungen eine flägliche Rolle spielen. Uni hier zu wirken, muß man volkSthümlich zu reden verstehen, im Ton hoch über dem Niveau des erbärmlichen mit billigen Witzen hausirenden Agitators stehen, ohne salbungsvoll zu werden, mit Würde, aber Kraft und Entschiedenheit zu reden wissen. Man muß die Kunst verstehen, Jemandem den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen d. h. der Menge die Wahrheit zu sagen, ohne sie zu reizen, sie zu belehren, ohne sie zu schulmeistern, sie zu ermahnen, ohne weinerlich zu werden. Man mnß ffei reden können, denn wer sich eine ffttige Entgegnung mitbringt, fällt unfehlbar hinein, man muß schlagfertig die Situation beherrschen und.— nicht zuletzt — ein wenig Humor und eine Ader von derbem Bölkswitz haben. Stöcker ist deswegen der gefährlichste Hetzer, weil er die diesen dcsen» siven entsprechenden offensiven agitatorischen Redegaben in hohem Maße besitzt Er hat alle Register in der Hand von dem tiefstm Pathos scheinbarer sittlicher Ergriffenheit bis zum schlagfertigen Kalauer, unterstützt von einem machtvollen Trgan und einer imponirenden Persönlichkeit. Wer also jene Eigenschäften nicht hat, der bleibe lieber'gänzlich'davön, sonst macht er nur, trotz des besten Willens und anerkennenSwstthrn Muthcs, ein ttaurigeS Fiascq. — Exempla snnt odiosa!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.