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Israelitische Wochenschrift · 1894-06-08 · 23 (8.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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lichkeit und leitete so eine neue Epoche eip, die sie nnt den Keimen zu einer blühenden Geistesbewegung injpirine. Da» »hat Israel, kaum daß es die Sclavenketten abgestreift hatte, und solange es seine Arme frei regen konntt, har es das Panier deS Fortschrittes hochgehalten gegen eine ganze Heidenwett in Waffen, welche instinktiv fühlte, daß mit der israelitischen Friedensidee die Art an die Wurzel ihres Lebensbaumes gelegt wurde — viel Feinde, viel Ehr'! Erft nachdem Israel junge Schößlinge angcsetzt hatte, welche ihre erste lebenspendende Nahrung von seiner gotter« füllten, sreiheitgeschwellten Brust gesogen, schien Israel von seiner vorgezeichneten Bahn abzuirren und fing — leider — an, den in seinen eigenen Kindern ihm erwachsenen erbfüchtigen Feinden in die Hände zu arbeiten. Was war auS demlebendigen, frischen Judenthume geworden, das am Baume der Freiheit herangewachsen war, an ihm sich emporgerantt hatte und nur durch seine Pflege sich erhalten konnte? Gekränkt und verbittert durch Undank, Haß, Truck und Perfolgung übersah es, daß nur derjenige erst der wirkliche Sklave ist, der seinen Geist in Bande schlagen läßt und wüthete selbstmörderisch gegen sich selbst. In den seltensten Fällen nur erstreckte sich die Veffolgungssucht auch aus die stillen Klausen, wo ihr Geist — uneingeschränkt von den Borurteilen der Außenwelt >— sich frei entfalten und für eine schönere, Israel und der ganzen Menschheit verheißene freiheitliche. Zukunft Vorarbeiten und sich vorbereiten konnte. Ta haben sie allen verfügbaren reichlichen Scharfsinn aufgeboten und selbst׳ mörderisch um die lachende Geistesftucht, welche im Ganen Israels gewachsen, einen undurchdringlichen Panzer ' geschmiedet, an dem wir uns noch unsere Zähne stumpf beißen müssen. ״Die Väter haben Herlinge gegefsen und der Kinder Zähne sind davon stumpf geworden." Und wenn diejenigen, welche an dem bloßen Anblick dieser mit dem Schimmel der Jahrhunderte behafteten schwergenießbaren Frucht sich begnügen, von den Kindern der Neuzeit nur Toleranz begehnen, wollten wir es noch dahingehen lassen, denn Duldsamkeit ist die erste Lebensregel des Fortschritts; wir würden warten, bis der Heißhunger sie zu uns treibt; und das Einheitsband Israel wieder umschlingt. Daß man sich aber den Anschein giebt, als wären wir nur toleritt — daß man unS mit Schimpf belegt-, weil wir für ein lebensfrisches, warmpulsireudes, kräftiges Judenthum,und somit auch gegen Unnatur und die Zwangsjacke eintteien — daß man uns verhöhnt, weil wir unsere Religion in der ersten unentweihten jungftäulichcn Lieblichkeit wieder erstehin lassen wollen —- daß man uns bei jeder Einführung einer Neuerung unter Hinweis auf ״Chukkat Haggoi" verketzert, trotzdem dieses Verbot im Sinne der heiligen Schrift Levit XX, 23: ״Und Ihr sollt nicht wandeln in den Satzungen der Volker, welche ich vor Euch vertreibe" in der Jetztzeit garnicht mehr vorhanden ist — diese Anmaßung ist unerträglich. . Gewiß kann die Religion nicht ganz ohne Ceremonien sein, aber wir wollen sie nicht starr üben, sondern auch geistig erfassen, dabei darauf bedacht sein, daß die in anderen Anschauungen ausgewachsene Jugend nicht vor den häßlichen Adlersflügän zurückschrecken, die sie zu Gott aufwätts nagen sollen. Hätte Israel sich nicht an seinem priestcrlichen An-' theil genug sein lassen, sondern einerlei, ob die Völker seine Mitwirkung begehnen oder annahmen, stns frisch und fromm seiner hohen Aufgabe zugestrebt — dann hätte niemand in Israel sich jemals durch Kriecherei herabgewürdigt, oder durch — von falschem Selbstbewußtsein eingegebenes — anmaßendes Benehmen Anstoß erregt und mindestens der größte Theil unserer heutigen unwürdigen Tage wäre ans erfpatt geblieben. . - Möge die' jährlich sich erneuende Erinnerung an den goldenen Morgen der Sinaioffenbarung neue geisttge Früh-' lingStrixbe Hervorbringen; wir wollen die toten Schranke» überschreiten und unter den Blumen und Blütheu, 'an denen׳ unsere Religion so-reich ist, uns bewegen — wir wollen die Demütigungen und 'Kränkungen, von denen wir bedrängt wurden und werden, uns zu׳ Herzen nehmeu und fruchtbäre Lehren aus ihnen ziehen.!Sir wollen endlich, mag auch die Reaktion --- diese tausendköpfige. Hydra — überall in politischen, religiösen und!virtschaftlichen Lagern ihr züngelnde» Haupt erheben, unentwegt zur Fahne der Freiheit schwören, das Schild des Fottschrittes uns nicht durch kleinliches Zurückweichen beschmutzen oder uns gar entwinden lassen, an > der Zukunft nicht verzweifeln und den Sieg der Gerechtigkeit' erhoffen; kurz wir!voller von unserer, priesterlichcn Bahn nicht ablenken, sondern wahre Juden sein, deren Devise war, ist und bleibt: Liebe und Barmherzigkeit, Recht und Gercchtigkeit, ׳Nachsicht .und Duldsamkeit, Fortschritt und' Freiheit.- Akricht über oie 39. Sahres-Rrrfammlung öer Asraklilischen Uehrer Hheinlanös. ׳ unö Westfalens. ־ crchluß.) Am zweiten Lonf.-reuztage wurde die Versammlung, morgens 8*/i llhr eröffnet. Bei Besprechung für die nächst-, jährige Conferenz übernahm Fleischha'cker-Siegburg das' Referat: ״Die Lesebuchfrage für die israelitische Schule," Dr. Lazarus-Cöln dasjenige über .obligatorischen ReligionSunterricht uud Seminar!.׳hrer Treu-Münster über'Eoncenttation im Religionsunttrrichtr. Sodann erhielt L.öd-Cöln das Wort zu seinem Vorträge: ״Das Gebetbuch als ReligionSbuch." Ter Referent zeigte, welch herrlichen Schatz und wa» für ein vorzügliches Erzichungsmittel wir in dem Gebetbuche besitzen. Der Redner wirS die Entstehung und die Zeit der Einführung einzelner G:bete nach Quellenangabe nach und zeigte, wie die Gebete u rs Trost im Leide, Mul in der Gefahr, Mäßigung im Glücke und Ausrichtung im Unglücke' geben. Auch gab der Kollege in seinem meisterhaft auSgearbeiteten Vorttage manche anregende Vorschläge, wie da» Gebetbuch io der Schule pädagogisch zu verwerten sei.' Wenn das Gebetbuch'im Religionsunterrichte seine gerechte Würdigung findet, dann kann es nicht ousblciben, daß eS in späteren Jahren in der Hand und im Herzen der Heranwachsenden׳ Jugend seine Heimstätte findet!" Wir möchten uns dem allgemein ausgesprochenem Wunsche anschließen, daß auch dieser Borttag durch, den Druck die weitestt Verbreitung finde.. Nach längerem Meinungsaustausch wurde -der 'letzte Punft der Tagesordnung, die Gründung ״eines deutsch-iSrael.- Lehrerbundes" betreffend, -durch folgende einsttmmig angenommene Resolution erledigt: ״Tie in Cöln tagende Versammlung jüdisch« Lehr« Westfalens und Rheinlands steht der Gründung eines allgemeinen Vereins deutscher Lehre!: jüdischer Consession snmpathisch gegeck- . über und entsendet zu diesem. Zwecke zwn Beauftragte zu d«' nach Cassel einzuberu enden Teleginenveriammlung!" Al» . solche wurden die Borslandsmitglieder Strinweg-Rheda und ' Leve-Neuß bestimmt. Hiermit war die Tagesordnung erledigt. Für die fteien Besprechungen war leider ^eine Zeit.mehr übrig.. Eine angenehme Zugabe bildete dn inhaltreiche gediegene Vortrag des Herrn Dr. med. Aurrbach-Cöln, welcher über die Besttebungen zur Förderung des Handwerks unttt den Inden einen zu Herzen gehenden Mahnruf' an die Lehrer richtete. Darauf hin-veisend, daß schon unsere Altvorderen sich mit Lust, und Liebe der Arbeit Hingaben, betonte.er die' Nothwendigkeit gerade in heutiger Zeit, die Jugend dem Handwerke zuzuführen zu dem eigenem Besten, wie auch zum Wohldes Gesammtjudenthlimes. Insbesondere seien die Erzieher dazu berufen, die Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden dadurch zu unterstützen, daß sie'denselben die ger. eigneten Kinder zufüyren,. wieauch dadurch, daß sie bei ihren Schülern die Freude und da». Interesse zum Handwerke et« . wecken. Die׳ im Conferenzjaäle ausgestellte« Arbeiten von 3־

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