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Israelitische Wochenschrift · 1894-06-08 · 23 (8.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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übernachtest, da׳ schlage auch ich mein Lager auf. Tein Volk ist bas meine und Tein Gott ist der meine." Hätte einer der strenge» Zionswächter diese Rede der Ruth vernommen, er hätte ihr wahrscheinlich die Aufnahme rnS Judentum vmveigert. Tenn da hören ivir im ganzen Satz hauptsächlich von der innigen Liebe der Ruth zu Noemi, und wenn si» sich zum (Motte der Jude» bekennt, so geschieht es nur, weil es auch der Gott der Noemi ist. Ruth hätte sicherlich nicht mit guten! Gewisscn behaupten können, daß einzig die hehre Wahrheit der israelitischen Lehre sie beivege, die Hcimakh zu verlassen; aber 'Noemi ist kein so strenger Gewissensrath; sie weiß trotzdem, daß sie die reinste Seeledem JudcntbNm zuführt: denn wer so treu den Menschen ist, der wird auch dem Glaub«! treu sein, dem er sich anschließt. Die Roem! handelt nach dem Gruiidsatz, den der Talmud uns besonders-gegen Proselnten zur Pflicht macht: man müsse, wen man mit der Rechten zurückiveist, mit der Linken sich wieder nähern. Aber das Jndcnthum, wenn es auch nicht verlangend ausschaut, wo es eine Seele für sich einfangen könnte, wenn es nicht nur die Hilfe der Gewalt von sich weist, 'um für die Wahrheit zu iverben, sondern wenn cs über» Haupt jedes Werbesnstem, auch das der Ucbcrredung und aller der andern sanfteren, aber darum noch nicht lauteren Mittel verschmäht, ist darum keineswegs gleichgiltig und kalt gegen Proselyten, und wer erst einmal in den Bund ausgenommen ist, für den sollen wir wie für unser!! Bruder einstehcn. Josua hatte sogleich beim Einzug ins gelobte Land dafür ein erhabenes Beispiel gegeben. Tie Gibeonitcn hatten durch Ast von Josua und den Aeltesten die Schließung eines Bünd nisses erschlichen. Bald erfuhr Josua die Täuschung, aber er ließ "bie Gibeonitcn in ihren Bezirken: sein gegebenes Wort war ihm heilig: indeß seine Treue gegen diejenigen, die sich nicht aus Liebe zum Judenthum, sondern aus Furcht und Eigennutz ihm angeschlossen hatten, hatte noch eine hättere Probe zu bestehen; die Könige Emori'S vereinigten sich gegen Ghbeon, um es filr den Abfall von der gemeinsamen Sache zu strafen und hätte Josua nur die Klugheit zu Rathc gezogen, so hätte es ihm vielleicht ganz recht sein können, daß sich die Bewohner Kanaans untereinander aufrieben und er dabei der unbequemen Gibeoniten entledigt wurde. Aber nicht so verstand Josua die Treue gegen diejenigen, die, und sei es auch aus unwürdigen Absichten, sich dem Judenthum angeschlossen hatten. Die Gibeoniteu sandten zu ihm und baten:. Lasse Deine Hand nicht von Deinen Knechten, und schon brach Josua von Gilgal auf und zog gegen die Könige Emori'».*) •) Lama!» wurde die Schlacht geliefert, welch« den Josua höchst-. unverdientermaßen in den Ruf gebracht, daß er die Sonne zum Stillstechen veranlaßt habe, da sie doch wie bekannt schon seit den Tagen der Schöpfung steht/ Diese« Märchen geht noch heule von Zeit zu Zeit durch die Tagesblätter und kommt nicht zur Ruhe. Darum sei un« die Abschweifung gestattet, den Sachverhalt einfach darzustelleu: Josua war die ganze Nacht hindurch von Bilgal marschin und plötzlich stand er vor dyn Feinde, die seine» Angriffe» nicht gewärtig waren. Aber »in Unwetter war am Horizonte ausgezogen, da» sich später in Hagelschauern nnd in einem Steinregen enUud, der Himmel verfinsterte sich; wäre diese» Unwetter sogleich lo-gebrochen, die Frucht der Ueberraschung. der sicher« Sieg, wäre dem Josua verloren aeaangen. Da bat Josua, daß die Sonne am -Himmel sichtbar bleiben, daß Sott den Autbruch de« Wetter« verzögern möge. Die» geschah und Josua errang einen völligen Sieg; nachdem die Feinde in die Flucht geworfen waren! halfen Hagel und . Sinne, die vom Himmel jetzt nttderfielen, di« Niederlage vngrößern. Hierin ist nicht» Wunderbare«. Daß Josua und die J«raeliten hierin % * Josua betrachtete die Sache der Gibeoniten wie die eigene und mit .Heldenmuth kämpfte er zu ihrem Schutze; aber das Büchlein Rath zeigt uns, daß die Treue gegen Proselnten nicht nur in hochgebildeten Geistern ivie Josua lcltte, sondern daß sic ein Erbe des jüdischen Volkes war. Ruth wird trotz ihrer fremden Abstammung von den Anverwandten ihrer Männer als zur Familie gehörig betrachtet und Boas betet für sie, Gott möge ihr vollen Lohn geben dafür, daß sie gekommen sei, sich unter den Schutz seiner Fittige zu bergen. Ta gilt kein Unterschied mehr zwischen der Fremden und der Eingeborenen, sie war Jüdin so gut als könnte sie von Abraham ihre Abstammung bcrleiten und den König Tavid schändet es nicht, von der Fremden, sondern es ehrt ihn, von der Ruth abzustammen, von Ruth diesem Vorbild der Treue. Ja Ruth hat ihrem Gatten Treue bewahrt bis über das Grab hinaus; da sie dem jüdischen Manne sich angeschlosscn hatte, so glaubte sie nicht, mit diesem allein den Bund geschlossen zu haben, sondern mit seiner Familie, seinem Glauben, seinem Volke, und ans dieser Treue gegen die Tobten blühte ihr ein Segen sür's Leben. Sie ivar fremd im Lande, aber da sie treu war, so geivann sie rasch die Herzen Aller, und die Schrift meldet von ihr: ״Alle Bewohner von Bethlehem wußten, daß sie ein treffliches Weib war", sic wandelte in den Wegen des Gottes, von dem es in dem nach ihr benannten Buche heißt: ״Er wahrt seine Liebe den Tobten und den Lebenden." _ B. R. Uktrachtungkn zum Wochrnfkstk. Von l)r. Singer-Coblcnz. Die Gesetzgebung am Sinai vollendete erst das mit dem Pessachfest begonnene Befreiungsmerk; mit dem Körper regte auch der Geist die Schwingen der Freiheit. Sie war die erste Proclamirung allgemeiner Menschenrechte, zu denen sich weder die äguptischen Hierarchen, noch auch die griechischen Gesetzgeber emporschwingen konnten; sie war der erste Frühlingsodcm im ei'esslarren Völterleben, der erste Fortschritt, den da- Kulturdasein der ׳Nationen zu verzeichnen hatte und an jenem Tage wurde Israel geweiht, der Träger dieser hohen Ausgaben zu sein, gegen jede Knechtung, jede Unterdrückung der individuellen und der Völkerrechte zu kämpfen, für jedes Weiterschreiten am kulturuellen und Hand in Hand damit auch auf jedem geistigen Gebiete , mit Eifer um Begeisterung einzutretm. Daher rührt auch die ausnahmslose Erfahrung in der Geschichte, daß die Beschränkung der freien Bewegung in Israel nur das Aushängeschild war für Verhöhnung der Gewissensfreiheit in der ganzen Menschheit. Der JSraelit, welcher seiner erhabenen Mission, die Fahne der Freiheit voranzuttageu, aus Lästigkeit oder Kleinmüthigkeit sich entziehen wollte, wäre heute noch ein Sclave — seines Egoismus, wäre undankbar gegen die Vorsehung und hätte thatsächlich seine Existenzberechtigung verwirkt. Das Wochenfest ist der Gegensatz von Stillstand, im Widerstreite mit jeder Starrheit, im Widerspruche mit jeder Stagnation. Vom Sinai ettönte der Ruf: ״Ihr sollt mir ein Reich von Priesten! sein" — und treu dieser Sendung wurde Israel der Morallehrer, erregte und erschüttette zunächst eine ganze Welt durch daS Hineiütragen der Gottesidee in die- Menschheit, ries sie wach aus der Versunkenheit deS Aber» glauben-, entflammte sie für die erhabenen Gesetze der Sittrin Walten Gotte» sahen und ihm in schwungvollen Worten priesen, ist natürlich; aber ein« Wandlung der Sternenbahnen ist dadurch nicht beabsichtigt und nicht erzielt worden.» ", ■ ’ י ’ .L. 'ל•

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