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Israelitische Wochenschrift · 1894-06-08 · 23 (8.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
23 (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Rulh, kin Hörbild der Zreue. Betrachtung zum Schabuotfest. Israel hat einen Priesterberuf» es ist am Sinai ge» weiht worden znm Herold der Wahrheit. Priester haben die Ausgabe, die Lehren zu hüten und zu künden. Wie hat Israel diese Ausgabe verstanden, wie sie ausgeführt? Wenn wir aus den Erfolg sehen, so können wir wohl zufrieden sein; die Lehre des Sinai hat in der That die Welt umgestaltet, Israel hat es bewirkt» daß in allen Landen, wo Kultur und Sitte blühen, Gebete aufsteigen zum Einzig- Einen und längst vergessen ist der heidnische Wahn und längst geborsten sind die Tempel und Altäre der Götzen, vergebens rief der heidnische Trug die Schönheit zu Hilfe, jene gewaltige Macht, vor der die Gemüther sich willig und freudig beugen; vergebens verband sich der Dienst der Götzen mit der Kunst, die in unübertroffenen Gebilden ewige Muster gestaltet hat. Auch der Schild strahlender Schönheit konnte dsn Jrrthum nicht bergen vor den sicher treffenden Pfeilen, und er starb, verklärt zwar, aber nicht gerettet von künstlerischcr Anmuth; an der Flamme des Sinai haben sich die beiden großen Leuchten entzündet, die heut die Länder der ausgehenden, die Länder der niedergehenden Sonne erhellen mit dem Strahl der Erkenntniß, und Ost und West verbinden sich, um den zu verehren, der dem Moseh im Dornbusch erschienen ist, der am Sinai aus dem Feuer geredet die feurigen Worte; die Bibel ist das heilige Buch geworden, das über alle Meere getragen wird; ihre schlichte Rede fft die erste Nahrung, welche dem Geiste des Kindes gereicht wird; es ist das letzte Labsal, welches dem siechen Greise gegeben wird zur Zehrung für die Wanderung, von der es keine Wiederkehr giebt. Wenn wir sonst im Leben von den beiden Religionen reden, die aus dem Schoße des Judenthums hervorgegangen sind, so ist es wohl natürlich, daß wir meist davon sprechen, wodurch sie sich von der unfern unterscheiden; und diese Unterschiede heben wir hervor, denn sie sind der Nachweis der Berechtigung, ja der Nothwendigkeit unseres Daseins; aber die Stellung des Judenthums zu diesen beiden großen religiösen Mächten ist keineswegs eine gegensätzliche; wir erkennen neben Vielein, was uns trennt. Vieles, was uns verbindet; wir vergessen nicht, daß es Geist fft von unseren: Geiste, daß, als die heidnische West ermattet und zum Tode verschmachtet dalag, ohne Gott und ohne Glauben, durch eine außerordentliche Veranstaltung der Vorsehung ein heiliger Geist ist ausgegossen worden über die Völker, daß sie aufefftanden sind zu neuem Leben. Es ist tief schinerzlich, daß das Judenthum für dir Erlöiung der Heiden nicht mit voller Freudigkeit danken kann; denn Duldung und Rücksichtnahme hatten nur schwache Geltung in diesen neuen Staaten; rvie viel sie auch dem Sinai entlehnt Hanen, der Satz: den Fremdling sollst du nicht bedrücken und nicht quälen, schien nicht ausgenommen in die Satzung des neuen Glaubens; so mancher Rest des Heidenthuins auch zurückgeblieben war, die Schönung, die in reffgiösen Dingen die Heiden gegenseitig geübt hatten, die in der Vorzeit meist ein Jrrthum dem andern gewähtte, war mit der Wurzel auSgerissen worden. Ter neue und der alte Glaube waren vielleicht zu nahe verwandt, um sich nebeneinander zu dulden, und so dauerte es achtzehn Jahrhunderte, bevor die Lehre des Sinai aufhötte, geächtet zu sein, und noch heut ist nicht aller Groll geschwunden; daS Judrnthum mußte den Sieg seiner Ideen in der Welt, theuer erkaufen, mit Noth und Gefahr im eigenen Hause. So hat denn unsere Religion große Erfolge; sie selbst ist mit ihrem reichen Schristthum unversehtt erhalten geblieben und hat die Menschheit umgestaltet. Und dies Alles, ohne gewalffam vorzugehen; denn die Gewalt und der Zwang schien den Inden ein verwerfliches Mittel, um Ueberzeugungm zu schaffen. Das Judenthum, welches auf sein Banner geschrieben hat: ל׳ת חתת אלא וזירות ,Die Lehre ist die Freiheit-, konnte nicht wollen, daß der Geist in Fesseln geschlagen werde; der Gott, welcher am Sinai gesprochen: ich bin der Gott, der Dich aus Aegnpten geführt hat, der, um Glauben zu erwecken, nicht davon redete, daß sein Wort Himmel und Erde ins Dasein gerufen habe, sondern davon, daß es die Gefangenen zur Freiheit gerufen, der konnte nicht wollen, daß Folter und Kerker Mittel der Bekehrung werden. Das Buch Ruth, das von den Weisen unserer besonderen Beachtung für das Wochensest empfohlen wird, giebt uns Ausschluß, in welcher Weise man denen begegnete, die sich zum Judenthum wendeten. Noemi war dereinst mit ihrem Manne nach Moab gezogen, und ihre beiden Söhne hatten Moabiterinnen zu Frauen genommen. Jedoch von der Hand Gottes gettoffen, sanken die drei Männer, die zur Zeit der Hungersnoth ihr Land und ihr Volk verlassen hatten, um ihre Schätze in die Fremde zu ttagen, vorzeitig ins Grab und Noemi gedachte der Heimkehr. Aber die beiden Schwiegertöchter wollten nicht von ihr lassen und wollten sie begleiten int- Land Juda. Ta dringt Noemi lebhaft in sie zu bleiben und dreimal wiederhott sie die Bitten. Warum.thut dies Noemi? Ist ihr das Seelenheil derer gleichgilffg, die ihr so viel Liebes erwiesen? O nein, aber 'Noemi ist eine schlichte Jüdin, st: weiß nichts davon, daß der Glaube, daß das Bekcnntniß selig macht, sondern sie dentt, daß es die guten Werke sind, deren Uebung unS auf Erden freudig erhebt und uns eine selige Zukunft verhesßt im Reiche der Unsterblichen, denn, das Judenthum kennt keinen jüdischen Himmel, sondern einen, der weit geöffnet ist für die Gerechten aller Völker. Wie könnte auch Gott die» jenigen von der Seligkeit ausschließen, die schon deswegen der Botschaft des Sinai nicht folgen konnten, weil sie ° gar nicht zu ihnen gedrungen war? 'Nein, die Lehre Mösts hält den rechten Glauben, die klare (irkenntniß allerdings fürein ausgezeichnetes Mittel, uns in der Tugend zu fördern, aber sie erwägt, daß jeder Sterbliche eine Stimme Gottes hat in seinem Gemüthe, wenn er auf diese Sffmme achtet, so kann kr den rechten Weg auf Erden und dereinst den Weg zu Edens Wonnen nicht verfehlen; darum sagt Noemi getrost: Kehret heim, seid wacker und Euch wird Glück und Friede blühen. Und< Orpa, die ׳eine d.r' Schwiegertöchter, fügt'sich, aber Ruth sagt: ״Dringe nicht in mich, Dich zu verlassen, von'Dir zu weichen; wohin Tv gehst,' gehe ich rttit, wo Du

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