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Israelitische Wochenschrift · 1894-06-01 · 22 (1.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Mehr, als vor dem drS Tzaren". Ist ein solche» Land sehr geeignet, Männcrstolz und Redlichkeit zu entfalten? Schmerzlicher noch als das sonstige Elend ist an» die sittliche Roth, unter der unsere Glaubensgenossen in Rußland leben; wie kann einer brav bleiben, wenn die Korruption am Rsgimente ׳sitzt. Aber auch in Deutschlaud hat der Antisemitismus Gefahren für den Charakter der Juden. .Ter Jude wird verschüchtert und ängstlich im Verkehr, er steigt in einen Eisenbahnwagen und fürchtet, wenn er die Reisegefährten nicht kennt, sich in» Gespräch zu mischen, er erschrickt, wenn die Unterhaltung auf das vielbeliebte Thema von den Juden kommt, da er weder einen Schimpf sich gefallen lassen, noch in eine rüde Rauferei gerathen möchte Der Jude wird in Deutschland vielfach aus dem geselligen Beckehr gedrängt, vielfach zieht er sich scheu zurück, um Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Diese Unruhe, diese Unsicherheit wirkt auf unfern Charakter nachtheilig. Aber die Furcht ist doch wahrlich nicht unbegründet, daß irgend ein Antisemit einen Streit vom Zaune bricht. Lombroso redet von ,einem instinktiven Hange, sich abzujondrrn." Es mag sein, daß dieser Hang sich hie und da zeigt; aber für alle Welt deutlich ist ein bewußtes Streben der deutschen Juden, sich auzuschließen, gesellig mit unseren Landesgenossen zu occkehren; mancher Jude wirft sich weg, läßt sich alle Demüthigungen gefallen, um nur geduldet zu werden. Dies Verhalten ist sicherlich nicht nachahmensweckh. Aber sich zurückziehen, ist auch nicht gut, fteilich immer noch besser, als zurückgestoßen zu werden. Der Antisemitismus schafft die Fehler, die er uns vorwirft. Lombroso sagt: ,So oft der Jude ein Talent ist, so selten ist er rin Charakter." Aber ist der nicht ein Charakter, der alle Roth der Welt erträgt um seiner Ueberzeugung willen, der lieber den Tod erduldet, als daß er seinem Glauben untreu würde. Noch giebt es in vielen Landen Prämien für den Uebertritt und Strafen, schwere Strafen für unsere religiöse Treue. Und ,Zuckerbrod und Peitsche" vermögen bei den meisten Juden nichts; ist eine solche Gemeinschaft charakterlos? Es ist leider wahr, daß die ständigen Leiden den Charakter nicht ganz intakt gelassen haben, nicht ganz intakt lassen konnten. Aber der Kern ist gesund geblieben. Lombroso citick in diesem Kapitel einen Rath, den der ,Rabbiner Jojua" seinem Sihne Salomon Maimon, dem berühmten Kantianer, gegeben habe: ,Warum lässest Du Dich überlisten, sich zu, daß Du das nächste Mal der geschicktere Betrüger bist." Biel harmloser lautet der Satz in der Erzählung Maimons: ,Mein Vater sagte mir darauf lächelnd: Da Tu so leichtgläubig bist und Dich hintergchen läßt, so kann ich Dir nicht helfen; ich hoffe, in der Zukunft wirst Du klüger sein." Lombroso stutzt sich die Wocke zu. um eine zweckdienliche Anekdote zu erhalten, das ist nicht recht. Weil es so wenig Selbstmörder unter den Juden giebt. hält uns Lombroso für feig. Aber der Selbstmord ist oft die schlimmste.Feigheit, und die Buben, die erst stehlen und betrügen und anderer Leute Gut verprassen und daun sich tüdten, find keine Cato's und keine Senera's. Index -trotzdem uns Manches verfehlt, Mancheübertu ׳״n vockommt, so darf dennoch Niemand das Buch Lombroso'» ungelesen laffen, der diese traurige Erscheinung unserer Zeit verstehen will. Lombroso ist der Priester einer Religion der Zukunft; darum ist er kein Freund de» Judenthums und ersehnt die Zeit, wo es verschwinden wird; aber er hat ein menschliche» Herz, darum ist er ein unerbittlicher Feind der Antisemiten._ B. R. Bericht über die 38. Fahres-Versammlung der Asrselitischen Uehrer Kheinlsnös und Westfalens. Die diesjährige Conferenz der israelitischen Lehrer Rheinlands und Westfalens fand an den beiden Pfingfttagen zu Eöln Hotel ,Rheingold" statt und war von folgenden 106 Mitgliedern besucht: An Ehrengästen waren erschienen: Die Herren DDr. Frank-Löln, Horowiy-Erefeld, Samuel-Esse«, Lazarus, Auerbach, Munk, Galdberg, Lehmann und der Borsixendr de» Borstande« Herr I. de Jonge. simrntlich an« ilöln. An Thiilnrhmer au der Lonserenz waren erschienen: Die Herren Alexander-ilreseld, Apt-Pattensea, Abraham-Kettwig, Abt-Borken, Adler» Dorstfeld, Andorn-Brilon, Bachenheimer-Bornheim, Baum-Rheine, Baum-Halle, Brann-Riedennarsberg, Braun-Stadtoldendorf, Buxbamn- Liefet-, Block-Oberhausen, Berliuger-Dülke», Bellak-Bielefeld, Blumenthal-Dru-, Braunschweiger-Ahau«, Brifch-Rühlheim a. R., Lohen- Ree«, Larsch-Lmmerrich, Lohen-Coesfeld, Dublon-Düren und Dülmen, Lrmäon-Keft>e», LUas-Jrankfurt a. M-, Lmanuel-Burgfteiasurt, Frank- Lbln, Fröhlich-M.-Sladbach, Frank-Neuß, Frohmanu-GeUenkircheu, Fleischhacker-Siegburg, Golbberg-Sleele, Goldstein-Grevenbroich, Gossel- Lamen, Sraf-Lfse», Gnmpel-Dortmnad, Goldschmibl-Brakel und Lbln, Gut-Lbln, Uundersheimer-Heinsberg, Gottscholk-L>ntea, Grüne« ald- Lieseke, Harimann-Hagen i. W., Huhn-Paderborn, Heinemann-Schiesbahn, Hermauns-Löla, Joses-Solingen, Katz-Haltingen, Kasenftein- Warendorf, Karne-Broich, Saufmann-Ahlen, -Ruhrort, -Gelsenkirchen, Esse«, Kaltrn-Poppelsdors, Kösterich-Franksurt a. SB., Kann-Hohenlimburg, Levi-Neuß, Löwenthal-Recken, Levisohn-Kempen, Lbi^LSln, Frl. LSb-Löln, Löwenberg-Warburg, Lucker, Ldweaftein-Düffeldors, Lilienfeld-Siegen, Rendel-Unna, -Lölu, Moses-Rheydt, Frl. Mayer- Lbln, Mayer-Lünen, Moch-Biersen, Oldendorf-Jüchen, Oppenheimer- Mühlheim a. d. Ruhr, O«wald-Wiue», Lstermanu-Bochum. Plachiaski- Mühlheim a. d. Ruhr, Rosenbusch-M-Gladbach, ׳ Rothschild-Duisburg, Seelig-Grevenbroich, Spier-Wesel, Stern-Dinslaken, Strauß-Eschweiler, Schönbach-Holzminden, Steinweg-Dortmund, Stiefel-Werther, Salomon- Iserlohn, Steinderg-Schvtuiar, Sulmann-Lechenich, Eteinweg-Rheda, Treu-Mü»ft»r,». d. Walde-Luskirchen, Wallerftetn-Lreseld, Weiler-Paderborn, Wols-Langweiler, Weinberg-Wichroth, Zivi-Düffeldors. In AbnHeuheit des Vorsitzenden Herrn Blumenfeld- Essen, welcher aus GesundheitSrückfichten nicht erscheinen konnte, übernahm Herr Steinwrg-Rheda die Leitung der Versammlung. Dieselbe wurde programmäßig gegen 3 Uhr eröffnet, und verlieh der Vorsitzende zunächst seiner Freud« über die große Anzahl der Erschienenen Ausdruck. Einem warm empfundenen Gebete um gute Erfolg« schloß sich ein Hoch auf Seine Majestät den deutschen Kaiser an, welcher als echter Hohenzoller der deutschen Lehrerschaft, ohne Unterschied der Lonfesfion, mit größtem Wohlwollen grgenübersteht. Bcgcisteck stimmten die Versammelten in da» Hoch ein und in Hellen Tönen erscholl da» ״Heil Dir im Siegerkranz" durch den Saal. Der Vorsteher der israelitischen Gemeinde Herr. I. de Jonge überbrachte Grüße und Segenswünsche al» Dellgttter des D. I. G. B.. welcher auch in diesem Jahre in wohlwollender Weise einen Reisezuschuß von Mack 140 gewährt hat, Al» äußere» Zeichen der Auerkennung überreichte Herr I. de Jonge namen» der Synagogm» gemeinde Cöln eine einmalig« Spende von Mack 300, unbeschadet des weiter zu zahlenden Jahresbeitrages von Mack 100. Hierauf stellte der Vorsitzende den in Lehreckreisen wohlbekannten und allverehcken Herrn Rabbiner Dr. Frank aus Cöln als Gast vor. Derselbe begrüßte die Lehrer namen» der Gemeinde Cöln, die sich fteue, die Jugendbildner nach so langer Zeit wieder in ihrer Mitte zu sehen. Nirgend» findet sich, so etwa drückte sich der geehrte Redner aus, nachdrücklicher die Mahnung, die Jugend religiös zu erzichen, alin der Thora. Die Sinderlehrer sei« ganz besonders

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