Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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uns mit bcr Zeichnung jener Farblosigkeit daher nicht ab» geben. Weniger zurückhaltend waren jedoch die Katho - lisch.Socialen bei der Ausgabechre»Parrei-Programm»; was wollen sie? In der letzten Nummer seiner Wochen» schrist ״Versöhnung" hat auch Herr ». Egidy, der für die Evangelisch-Sociale« kein Wort des Tadelfindet, sich mit chnen beschäftigt; wir dürfen seinen Ausführungen zum Theil salzen, mit der Erweiterung jedoch, daß beide Parteien mit ihren Eondergelüsten überflüssig sind und nur offene Thüren einrennen. Herr v. Egidy sagt: ״Mit dem Namen wird entweder oder theils gesagt: das Programm enthält Anforderungen, die mir für uns Katholiken von Interesse und Bedeutung sind; Anforderungen, die wir an die Gemeinsamkeit stellen, nur weil wir Katholiken sind — dazu hat Niemand im Vaterlande eine Recht; nur als Preuße, nur als Deutscher darf ein Baterlandsgeooffe vor die Gemeinsamkeit treten — nicht als Protestant, oder Menonit, nicht als Handwerker oder Amtsrichter; oder und anderntheils enthält die Benamung eine, in diesem Fall gewiß nicht beabsichtigte» aberIdurch die Bezeichnung nur gar zu leicht sich äußernde Ueberhebung: ״Die guten Gedanken, das rechtschaffene Streben, das hier in unserm Programm Ausdruck findet, ist die Wrsenart des Katholischen; Ihr Ankeren, Ihr Nicht- Katholiken entbehrt dieser Regungrn; diese Regungen sind Sondereigenthum des Katholiken . . Gilt nicht dasselbe von den Evangelisch-Socialen? Hat Herr v. E. etwas Anderes gesagt, als was sich in zahlrerchen Stellen der Thorah bereits vorfindet, u. A. Num. XV, 16: ״Eine Lehre, ein Recht sei bei Euch׳ selbst für den Fremdling, der bei Euch wohnet"!? Wird hier nicht mit oller Schärfe der ״Organisation der Gesellschaft nach Berufsständen" entgegengearbeitrt? Nicht die christliche Liebe und Gerechtigkeit hat die Liebe und Gerechtigkeit atmenden Worte der Schrift dictirt, die sich an vielen Stellen in den verschiedensten unzweideutigen Befehlen und Lehren birgt, so z. B. Jrsaias LXI, 8, Deut. X, 18, Psalm. XI, 5 und XLV, 8, von Levit. XIX. 17 und 18 ganz abgesehen. Herr v. E. meint ferner, daß eine duldsame Kirche ein Unding sei, wenn Sie ihre Duldsamkeit nicht so weit ausdehnt, daß alle Lcmdrsangehürigrn ohne Abgrenzung in dieser Kirche frei und mit unbelastetem Gewissen sich brwegen können. Wir verstehen diese Einschränkung nicht und wir würden Herrn, v. E. besser begreifen, wenn er die Worte ״in dieser Kirche" unterdrückt hätte. Warnm muß die freie Bewegung mnechalb einer Kirche oder einer Kirche überhaupt sein? Das Judentum dachte und denkt etwas großherziger; nicht nur daß jede berechtigte Anschauung in ihr Platz hat, sondern sie verkümmert Lust und Licht, Liebe und Gerechtigkest, auch dem außer ihm Stehenden nicht, wie seine Gesetze dem heidnischen Fremden gegenüber beweisen. In Palästina gab es stets heidnische Kolonien, nirgends aber wird berichtet, daß man sie ihre anderweitige religiöse Zugehörigkeit irgendwie hätte fühlen laffeu, und jeder unparteiische Geschichtsforscher weiß, daß die ersten Christen unter Petrus trotz ihrer abweicheaden Auffasiung von der messianischen Idee unbehelligt in Jerusalem lebten den Juden * s»' und ihre Lehre sortentwickelten, die später, teuer zu stehen kam. Eine Rückkehr zur ׳Natürlichkeit der biblffchea Zeit,, wäre rin Segen für die Allgemeinheit, der durch, alles Heruckkuriren mit de« verschiedenen Mitteln nicht erreicht werden wird. Die Weisheit schämt sich.nicht, einzugesteheu, wenn sie sich Jahrtausende lang getäuscht hat, das-Beharre» aber ist vom Uebel und man geräth kehr leicht aus falscher Eitelkeit in den Fehler des Bürgermeister» im Jbseoschr»׳ ״Volksfeind", beider Allgemeinheit die Vorteile nicht gönnt, die sie nicht seiner Erfindung verdankt. Auch wir stimme» iürS Universalisiren, ohne aber der berechtigten Eigentümlichkeit de» Individuums irgendwelche Schranken aufzulegeu. Wären alle Menschen gleichmäßig geschult und hätten ihre Ideen einen gemeinsamen Entwicklungsgang durchgemacht, dann könnten die vernünftigen Einrichtungen ohne Zwang sich vollziehen, leider aber giebt es und wird eS immer Menschen geben, welche unzufrieden, neidisch, arbeitSscheu, jähzornig und unberechrubar sind, und diese werden die über ihnen schwebende Zuchtrute de» Gesetze» niemals entbehren können, deshalb muß daS Gesetz und auch die Strafandrohung im Hintergründe verbleiben und wir «üßtm nicht, mit welchem Ersatz wir deren Platz ausfüllrn könnten. Auch wir sind von einer Gesindrorduung, die in jenem׳ Programm sich findet, nicht begeistert, aber so lange es noch Menschen giebt. welche für Andere arbeiten, muß sich doch ein Modus finden, der diesen Menschen Rechnung trägt. Auch die heilige Schrist ist von der Dienstbarkeit nicht erbaut, sonst würde ste keine Strafe androheu für denjenigen, der aus irgend einem Motive einer freiwillige» Knechtschaft sich unterzieht, aber ein solcher Mann kann doch unmöglich der Willkühr seines Arbeitsgeber» preiSge« geben werden, deshalb ist eine ״Gesindeordnung" von nöten und bei einer anderen Bezeichnung kann es sich nur um Silbenstecherei handeln, die daS innere Wesen der Sache nicht berührt. Alles was in dem Programme'für da» Wohl der Gesainmthrit angrstrebt wird, ist dem Judenthum nicht» Fremdes, hat die heilige Schrift schon angedeutet und-könnte mututis mntandis zur allgemeinen Zufriedenheit ins Praktische übersetzt werden. Die Herren mögen aber nicht erschrecken, das Judenthum verschmäht die Proselytenmacher«;, verlangt nicht unbedingt die Zuhörigkeit desjenigen, der seine Ideen, verwirklichen helfen will. ES beansprucht kein Monopol für sein BolksbeglückungSrecht und kein Privilegium zur alleinigen Ausnützung desselben; unsere Lehren sind Jedermanu zugänglich, Jedermann darf Gebrauch von ihnen. machen und denselben Weg gehe», denn das Judenthum hat an; seinen gesellschaftlichen und socialpolitischen Straßen keinen Schlagbaum angebracht, den man nur nach Lösung eines Entreebillets — für den Preis eine« Credo — Passtreit darf. II. Was will «a« »o« n»S. Eine zwiefache Belehrung haben wft dem Ehrenpräfideuten de» evangelisch-sozialeu Kongreffe» Adolf Wagner zu verdanken, ersten» daß eS gestattet ist, eine andere Religion, gegen die man Vorurteile hat, zu beschimpfen — welche נ¬¬ ו‘.־