Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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zu Gunsten der evangelisch - rituellen Schlachnaelhode abgegeben. In ihrem ohnmächtigen Zorne suchen sie ihr Müthchen an zwei der größten Autoritäten in ihrem Fache, an Birchow und Du Boi« - Riymond, zu kühle«. Eie besitzen den. Geschmack rnd die Unverfroren» heit, einem Birchow und Du Bois-Reymond dir Competenz abzusprechrn mit den naiv doruirten Worten, die niedriger gehängt zu werden verdienen. Die antisemitischen Petenten bringen es fertig, zu sagen: ״Die meisten ״Autoritäten" haben aber über Dinge geurteilt, die außerhalb ihres Spezialgebiete» liegen. Birchow ist pathologischer Anatom und Du BoiS-Reymond hat seine Erfahrungen im anatomischen Verkehr mit Fröschen gesammelt. Daß Beide sich zu Gutachten zu Gunsten d<s SchZchtens hergegeben haben, ist rin w.ssenlchastlicher Skandal." (Vgl. S. 34). Uns wundert nur, daß die Herren Antisemiten nicht diese Gutachter aus den Reihen der arischen Christen heraus eskamotiren und den Juden oder doch mindestens den Judensprößlingen vindicircn; alsdann wäre doch die parteiische Befangenheit der Gutachter antisemitisch klar erwiesen. — Der ehrwürdige gelehrte Herr Referent, welcher nach bestem Wisien und Gewissen sein Votum abgegeben und brgründet hat siegt nicht nach dem Ausdrucke unserlr Anerkennung. Uns ab»! ist es ein aufrichtig empfundenes, sittliches Bedürfniß, dem unerschrockenen, charakterfesten, sinnreichen Borkimpfer für Wahrheit. Recht, Religior s- und Gewisiensfreiheit den Herz» innigen Danksürsein mannhaftes nnd erfolgreiches Eintreten zu Gunsten einer in ihren heiligsten Rechten bedrohten Minderheit abzustattrn. Mit dem Referenten geben wir der Uekerzeugung Ausdruck, mit welcher Herr Pfarrer Dr. Frank seinen vortrefflichen Bericht abschliegt: ״Die wissenschaftliche Untersuchung d:r Schächtsrage hat somit — war die Semiten wohl kaum geahnt, die Antisemiten aber gewiß nicht gewünscht haben — dir Veranlassung gegeben, daß Moses, der schon in manchen anderen Fragen eine unerwartete Rechtfertigung gefunden hat. auch in der Schächtsrage eine glänzende Rechtfertigung erlangen wird. Die wissenschaftlichen Untersuchungen wertnn es mit immer größerer Klahrheit als eine unwiderlegbare Tha1,ache sestzustrlleu, daß Mose» auch in seinen Schlachtverschristeu und Epeisegebolen dem Thicrschutz und der Hygiene in einer Weise Rechnung getragen hat. daß er damit seiner Zeit um Jahrtausende vorangeeilt ist." __ Berichte unv Korrespondenzen. Deutschland. »a«d«bur-. Wie in Nr. 18 berichtet, hat der Reichskanzler dem Abg. Lirbrrmann v. Sonnenberg gegenüber in offener ReichStagSsitzung seine frühere Ansicht über die Gefahr des AntisemitiSmus. ״der in dasselbe Fahrwasser führt, aus dem dir Sozialdemokratie schöpft" wiederholt und damit dieser Schmach des Jahrhunderts den Handschuh in's Angesicht, das jede Scham verlernt hat, geworfen. Darauf hat der ontis. Abgeordnete Werner, dem höchsten Beamten des Staates, dem ersten Diener des Kaisers, die unerhörten Worte zugerufen: ״Der Reichskanzler kann uns nicht beleidigen!" Das liegt allerdings nicht am Reichskanzler, sondern an der stechen Stirn Derer, die nicht mehr beleidigt werden können, weil ihnen jedes Ehrgefühl abgeht Man braucht nur nach unserem Nachbarstaat Oesterreich hinül erzublicken, um zu sehen, wie durch den Antisemitismus die Schamlosigkeit parlamentSsähig geworden, und wie die Giftblüthru sich daselbst üvpig entfalten, um die letzten Ziele des Antisemitismus kennen zu lernen, der durch das Fahrwasser der Sozialdemostatic geradezu auf die Anarchie lossteuert, Denn das hat der österreichische Antisemitismus vor dem deutschen voraus: er verleugnet seinen anarchistischen Charakter nicht, er ist weniger feige, als der deutsche Antisemitismus, besten Agenten sich vorläufig noch׳ aus.Furcht vor der Polizei als Sr' ütze« von Thron und Altar" geberden- Im Wiener ReichSrath beschimvste in derselben Woche der ־J Antisemit Lueger den Feldzeugmeister Freiherrn von Schönfeid, well dieser an einem Bankett theilgenommen hat, da» zu Ehren des neuen Bürgermeister» von Wien gegeben worden war und weil er in einem Toast die Zusammengehörigkeit des Bürgerthums und des HeereS betont und darauf hingewiesen hatte, daß die Armee einen Schutz für da» Eigentum bilde. Darüber entrüstete sich Lueger, er nannte das Heer eine ״Rothschild-Armee", der man die Pflicht auferlege, den jüdischen Geldsack zu schützen. Der Toast des Feldzeugmeisters war für die Antisemiten ein׳ . harter Schlag gewesen. Wenn das Militär Jeden niederschießt, der sich an stemdem Eigentum, und sei eS auch jüdisches Eigentum, vergreist, wer wird da noch plündern, wollen? We soll da noch ein antisemitisches Programm zur Ausführung kommen? Wo bleibt dann das Märchen, daß man von oben her den AnttsemittsmuS begünstige, weil er nur nach jüdischem Eigentum gierig ist? Hüben wie drüben wird der Antisemitismus von Leuten degünstigt, welche alle Ursache haben, den Neid der Besitzlosen von sich auf Andere abzulenken. ׳ Man hetzt die Nichtbesitzendeu auf das beweglich Kapital, das 'sich in jüdischen Händen besindet, damit sie nicht sehen, daß das kostbarste Gut der Nattonen, das einzige unveräußerliche Gut der Völker, der B o d e n, auf dem sic geboren sind, der sie ernährt und in dem sie zur ewigen Ruhe bestattet werden, sich in dem Besitze von einigen Bevorzugten defindet, und daß mit ihm der. schändlichste Wucher getrieben wird. Man hat dem AntisemittSmuS zu viel Ehre erwiesen, als man ihn den ״Sozialismus der dummen Kerle" nannte- Der Sozialismus will am Ende aller Dinge nichts weiter, als daß der Arbeiter alle Vorteile genieße, welche die Arbeit gewährt, der Antisemitismus aber will das gar nicht- Den Anarchiften im LoyalitätSgewande kommt cs aus die ehrliche Arbeit gar nicht an. Der Antisemit will dem nicht-anttsemittschrn Nachbarn, der einen besseren Rock ttägt, als er, diesen Rock vom Leibe reißen: ist dessen Träger ein Jude, desto besser: wenn nicht, so ist der seines Rockes Beraubte ein ״Iudenknecht", ein ״Judengenoffe". Den Rock aber will der Antisemit auf alle Fälle haben- Das ist die Moral des anlisemittschen Geschäfts- und Bcsitzneidrs. Daher stammt denn auch die Wut der Antisemiten aller Länder gegen diejenigen, in denen das Rechts- und Menschlichkeitsgefühl noch nicht erstorben ist, die unter dem rankenden Blätterwerk der ״Nationalität", des ״Patriotismus״ und des ״Christentums" die giftige Schlange des Neides und der Habsucht lauern sehen. Der AntisemittSmuS, entblößt hüben wie drüben immer mehr seinen anarchi sttschcn Charakter. Er versucht es zwar noch, die mit.Loyalität" und ״Patriotismus" angeschmintte Larve festzuhalten, aber eines Tages wird sie fallen, und dann werden seine Beschützer erst gewahr werden, welches Monsttum sie groß gezogen haben. Berlin, 1V. Mai. In der Hauptversammlung der II. Abth. (Westen) des Deutschen Antisemiten-Bundes hielt der Schriftsteller Alexander Berg einen Borttag Über den jüdischen Orden ״Bene Brith" und dessen Constitution. Das Material dazu hatte er einer Reihe von Artikeln anS der Feder des Herrn Isaak Hirsch (Hannover) in dem Jessurun - Israelit entnommen. Dir Bersammlung nahm folgende Erklärung an: ״Die bei Trepplin (Königin - Angustastraße) versammelten Mitglieder derAbthcilung II. des ״D:-A.-B." fühlen sich verpflichtet, die Aufmerksamkeit der Regierung auf den inketuationalen Orden ״Bene Brith" zu lenken, weU an» seiner Constitution hervorgrht daß er eine strafbare Berbindung im Sinne des § 128 des Strafgesetzes ist." (Sie werden mit dieser Denunziation nicht viel Glück haben.) Berli». Der Jahresbericht der hies. israelitischen Volksküche für das 2. Geschäft»jahr/I8SS) ist erschienen und zeigte eine erfreulich« Fortentwickelu«g dieses humane« Werst«: