Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Laß Gatt alle Menschen als seine Kinder ansteht, Israel jedoch sein Erstgeborener sei, den er v o r allen Anderen mit der Erkenntnis seine» Wesen» gewürdigt hat. Hingegen aber klingt der Ausspruch eine» weiblichen Rabbiner» — die neueste amerikanische Ecrungrnschast —, daß die ' Juden angesichts des antisemitischen Treiben« ihre Stellung zur Welt wechseln und mit ihrer Umgebung sich vereinigen müssen, recht orakelhaft und man weiß nicht, wa» sie will. Soll da» etwa heißen, daß die diplomierten Rabbinerionen christliche Pastoren heiraten sollen, um das Geschäft mit beschränkter Haftpflicht aus gemeinschaftliche Rechnung fortzusühren? Nicht minder unerklärlich ist der Zweck ihrer These, daß das Judrnthum in den letzten hundert Jahren mehr Veränderungen erfahren habe, als in den vorhergehenden tausend Jahren. E» giebt wenig Erscheinungen, aus die sich die angeiührte Weisheit nicht mit demselben Rechte anwenden ließe, so z. B. auf die modernen Verkehrsmittel, auf die rationelle Pferdezucht und auf die Kommabazillen; nur die verschrobenen Menschen sind dieselben geblieben .... Daß aber gerade auf dem Gebiete, den die verehrte Dame trainierte, manche» noch genau so ist, wie vrr 2000 Jahren, das bewies ihr ihr Confrater Dr. H. -P. Mend e S, »der Vertreter des orthodo xen Judentum«", der aber in seiner brüdeilichrr Liebe auch den nichtorthoboxen Glaubensgenossen etwas imputierte, worüber sie vor Erstaunen die Augen recht weit aufreißen werden. Der ehrwürdige Redner bihauplrte kühn, ״daß die modernen Juden einig seien im Glauben an einen kommenden Messias, und mit aller Seele glauben an die Wirberherstellung Palästina'» al« eine« hebräischen Staates!1!" Eine nette Beschrerung, die da verewigt wurde, und e» wird nunmehr nicht mehr schwer fallen, unter drn sich heran׳ drängenden Eseln für den Messias die richtige Auswahl zu treffen. Wer gab Herrn Dr. MendeS das Recht, unsere Ansicht von der messianischen Z e i t mit seiner Verfälschung wiederzugeben? Das hätte sich ein fortschrittlicher Jude im entgegengesetzten Sinne einmal erlauben sollen, was gäbe es da für ein Gezeter über die Anmaßung — und auch wir muffen dagegen energisch protestieren. Hätte der Herr sich ein klein wenig Mühe gegeben, er würde wohl andere und glücklichere Momente gefunden haben, in denen das Judeuthum einig ist, allein einen persönlichen Messias? Bon dieser Ausgabe, sollte man doch denken, hätte oaS gedrückte Judentum genug beschriebene blutige Blätter in seine Geschichte eingeschrieben, bis es sich zu einer abgeklärten Anschauung durchgearbeitet hat. und damit ist e» endgültig aus, vor allem aber will der größte Theil der Judrnheit' von einer solchen brutalem Schilderung seiner Erwartungen nichts wissen. Ja, eS darf füglich bezweifelt werden, ob Herr Mende« seine fette Pfründe verlassen würde zu Gunsten einer freiwilligen magern Priesterhebe, Wir wollest unsere Lammfrommheit, di« sich Alles gefallen läßt, oblegen; die Opportunität zu weit getrieben, wird zur 1׳' Schwäche und Charakterlosigkeit, darum: Nicht rühmet, 0 ihr Gläubigen, euren Glauben. *־ Tl» einzigenI Wir glauben auch, wie ihr. ' > Der Forscher läßt sich keine»weg» berauben Ds» Erbtheil», aller Welt gegönnt und mir l ״Auffälligkeiten". Der in zahlreiche Blätter des In- und Auslandes übergegangene Kubia-Arlikel unsere« gesch. Kollegen Dr.Philipp »roner-Berlin (s. Nr. S unserer ״Wochenschr.") hat au»- weislich des ersten Leitartikels der Nr. 8 unseres Blatte« die Antisemiten in Wallung versetzt. Welchen Grad diese bereits erreicht hat, läßt sich wohl aus der Art entnehmen, in her die antisemitische ״Deutsche Ostwacht" sich jüngst mit dem Kubia-Artikel beschäftigte. Herr Dr. Kroner hat nun in einem in Nr. 16 der Berliner ״Mitthrilungcn" des Abwrhrverein» unter obiger Ueberschrift erschienenen Artikel gezeigt, durch welche Märchen die ״Wacht" ihre Leser in den Schlaf lullt. Aus diesem bedeutsamen Artikel wollen wir unfern Lesern einige der markantesten Stellen hier inittheilen. err Dr. Kroner schreibt: ie ״Deutsche Ostwacht" befaßte sich vor kurzem mit meinem Aufsatz ״Der Talmud über Glücksspiel." In diesem Aussatz habe ich ausgeführt, daß das talmudische ״Kubia" ״Würfel"- oder überhaupt ״Glücksspiel" heiße, nicht aber ״Falschsxiel" bedeute, wie dies von Antisemiten l» den talmudischen Ausdruck hineinercamotirt worden sei, um die Juden als Betrüger ״von Religionswegen" hinzustellen. Zur Entkräftung der schweren Borwürfe, die wieder einmal der jüdischen Gesammthrit gemacht seien, soll ich die jüdische Literatur zu Hülse gerufen und mich mit der darin enthaltenen Auffassung identifizirt haben; worau» der Referent ersehen will, daß diese Bücher auch den höheren jüdischen Klassen thatsächlich zur Richtschnur dienen. Nun, den Zweck meiner Arbeit geben die drei Schluß-Absätze deutlich genug an: die wissenschaftliche Taschenspielerei der betreffenden Antisemiten zu kennzeichnen; ferner, neben den stimmen tüchtiger christlicher Männer über das Glücksspiel auch den ״Talmud-Juden" über diese Frage zu hören. Diese Zweckangabe übergeht der Referent gleichfalls und unterstellt mir den widersinnigen Versuch. Borwürfe wegen solcher Frevel, welche die jüdische Gesammthrit der Gegenwart begehen soll, mit Hülfe einer Literatur des' Alterthum« und des Mittelalters zu entkräften. Meines Wissens enthält dieses Schnftthum keinerlei statistische oder anderweitige Angaben über der jetzt lebenden Juden Autheil an jenen Freveln Inwieweit ich mich mit der, in dieser Literatur enthaltenen Auffassung ibentifizire, läßt sich vernünftigerweise aus einem, wie der Referent srlbst hervorhebt, ״sachlich" gehaltenen Aussatz über die Stellung des Talmuvs zum Glücksspiel wohl nicht entnehmen; besser vermöchte da» der Referent aus meinen ״Gcdankrn über Stracks Einleitung in den Talmud" (w Nr. 14 dies. Bl.). Wie der Referent aus meincr — einen Augenblick angenommenen, aber nicht zugegebenen — völligen Jdentifizirung mir dem TalmudiSmuS ersehen will, daß dir bezüglichen Büchrr für das Leben der jüdischen Gesammtheit normgebend seien, ist mir unerfindlich, zumal ich versichern kann, daß der allergrößte Theil dieser Gesammtheit mit der talmudischen Literatur leider in demselben Grade vertraut ist wie — der Referent. Derselbe spricht von einem Rückschritt de» religiös« Verbot» der Glücksspiele zu deren moralischer Mißbilligung. Dagegen bemerke ich: Da» A. T. beschäftigt sich ebenst wenig «ie das N. T. mit den, Glücksspiel, ja eS besitzt nicht einmal einen entsprechenden AuStrnck, weshalb eben der Talmud zu einem fremdsprachlichen Wort greif« mußte, ferner gehen im Talmud und dessen Gesolgsbncbera die strengen und milderen Auffassungen vom Glücksspiel nebeneinander her, wie ich im Eingang meines qu. Artikels - -