Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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« — 135 — Deutsch!«»». M«Ode»«rG, 1. Mai. Au» Dresden erhielten wir heute direkt vom Berlage der Druckerei Glötz den »Politischen Bilderbogen No 13", er behandelt in Wort und Bild »da» Blutgeheimniß" in bekannter aufreizender Manier. Wir haben da» fratzenhafte Produtt antisemitischer Rohheit und Verlogenheit dem RechtSschutz-Lomit« de» Berliner »Lentralverein» D. St. jiid. Kl." zur weitern Behandlung resp. Znhibirung eingesandt. Zu gleicher Zeit geht un» folgende» Telegramm au» Sofia zu: »Der antisemitische Agitator Mitakoff, welcher hier ein bulgarische» Hetzblatt betitelt »Bulgarien ohne Juden" gründete und da» Märchen von dem geraubten Christenmädchcn auftischte, wurde wegen Aufreizung zum Klasienkampfe unter Anklage gestellt und sofort verhaftet." verlt«, 21. April. Prof. Dr. Wilhelm Löwenthal, dessen Vorlesungen über Hygiene sich noch in jüngster Zeit im Humboldtvrrein großen Beifalls erfreuten, ist gestern plötzlich in Folge eines Herzschlag» gestorben. Der geistig sehr bewegliche und unternehmungslustige Mann hat nur ein Lebensalter von 48 Jahren erreicht, gleichwohl war sein Leben reich an kühnen Unternehmungen und winenschaflljchen Erfolgen. Dr. Wilh. Löwenthal war in Rumänien von deutschen Eltern geboren. (Sein Vater war Lehrer an der jüd. Schule in Rybnick, feine Tüchtigkeit und Energie rühmlich anerkannt. Nach einer unabhängigen Stellung strebend widmete er sich dem Eisenbahnmaschinenfach, und ließ sich in Bukarest nieder.) In Heidelderg wandte er sich der Medizin zu und ging dann nach Pari». Mitte der siebziger Jahre kam er nach Berlin, wo er zuerst schriftstellerisch tälhig war. Er erwarb hier nach einigen Jahren gemeinsam mit seinem Bruder die Bürger-Ztg. und das Berliner Adreßbuch. Al» die Zeitung einging, siedelte er mit seiner Familie nach Laufannc über, wo -er einen Lehrstuhl für Hygiene erhielt. Er kehrte vor etwa sechs Jahren nach Berlin zurück, um Kock'» BaziUentheorie gründlich zu studiren und ging dann nach Paris, wo er sich al» praktischer Arzt niedrrließ und . mit Pasteur in Verbindung trat. Durch ein von ihm er» fundeNe» Jmpfversahrrn glaubte er, die Cholera wirksam bekämpfen zu können und bot der französischen Regierung . seine Dienste an. um in Hinterindien, wo gerade eine Choleraepidemie herrschte, sein Berfahren zu erproben. Die französischen Chauvinisten hinderten die Einschiffung des deutschen Arzte» auf französischen Kriegs- und Transpertschiffen. Nun trat Prof. Lvwenthal an die Spitze eines ander» Unternehmens. Im Aufträge de» Baron» Hirsch ging er nach Argentinien und rief die Kolonien für die russischen Juden in» Leben. Alle Einrichtungen, 'welche sich hier im Laufe der kurzen Zeit bewährt haben, sind sein Werk. In Folge prinzipieller MeinungSdifferenzen mit Baron Hirsch, veranlaßt durch Klagen. über seine strenge 'rücksichtslose Behandlung der russischen Kolonisten, kehrte er nach Deutschland zurück.- Hier widmete er sich auf- Neue der GesundheitSlehre und e» gelang ihm, ein nrnr» Berfahren zur Sterilisirung der Milch zu entdecken. , da» er eben in großem Maßstabe verwerthen wollte, al» der Tod ihn mitten in der Arbeit abrief. Der jüd. Gemeinde schloß er sich nicht an, er erklärte sich für confessionSlo» und wurde auf dem Friedhof der Dissidenten beerdig^. Verli«. Eine 'gegenseitige Katzbalgerei der Anti» semiteoführer, wie sir Leipzig kürzlich gesehen hat, dürste auch hier in kuizer Zeit stattfiuden. Zu dem großen Kampfe wird schon mit aller Macht gerüstet. Ahlwardt hat seinen birherigea Moniteur, die ״Staatsbürger Ztg.", im Stich gelaffen und sich nunmehr «in neue». Leiborgan ^»gelegt. Auch Prof. Förster hat 'dem einst von chm so heiß geliebten Blatt« den Rücken gekehrt; er ist unter die ZeitungSgründer geaangeu und hat zu diesem Zwecke sogar eine ,Kommanditgesellschaft auf Attien" errichtet, für die er jetzt ״ofine und stille Theilhaber" öffentlich sucht, da e» natürlich mit dem uervüs rarmn sehr schwach bestellt ist und die Fische nicht mehr so leicht ia'S antisemitische Retz gehen wie früher. Spaßhaft wirken die bombastischen Herzensergüsse, welche sich die antisemitischen Helden in den Prospekten dieser Zeitung» - Unternehmungen leisten. So beißt e» in einem Ausruf״ Lie Führer der Partei opfern willig und selbstlos Zeit und Mühe, des Leben» Gemächlichkeit, ihre Gesundheit und vielleicht einen Theil ihre» Lebens. Ist eS da zu viel verlangt, wenn die GesinnungSgenossen vieiteljährlich einige Mark für dir Zeitung opfern sollten?" Die ״Selbstlosigkeit" der antisemitischen Führer ist bekanntlich durch die Prozesse gegen Ahlwardt, Plack und Schweinhagen. Bauer - Wesendouck u. f. w. in solcher Weise beleuchtet worden, daß selbst ein waschechter Antisemit jene Tiruden mit ungläubigem Lächeln ausnehmen wird. Der bisherige Ahlwardt - Moniteur bewahrt seinen neuen Konkurrenten gegenüber ein eisige» Stillschweigen; aber e» ist die Ruhe vor dem Sturm. Eo-lenj. (Die Heil- und Pslegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke zu Sayn). Der un» vorliegende fünfte Bericht der Änstalt, welche aus eine segensreiche fast fünsundzwanzigjährige Wirksamkeit zurückblicken kann, ist rin freundlicher, gern gesehener, leider nur seltener Gas» aus dem Bücherlische. Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, seit Jahren durch eigene Anschauung bei seinen häufigen Besuchen Gelegen» beit hatte, diese in wahrhaft religiösem Geiste geleitete An» iialt gründlich kennen zu lernen, kann nur bestätigen, daß di« in dem Berichte hervorgchobenen Vorzüge derselben sehr bescheiden gekennzeichnet und, Was den Leidenden dort geboten wirb, kann durch die Bezeichnung ״sorgsame Pflege" nur ungenügend genannt werden. Ich lernte dort Herren und Damen kennen, welche durch aufopfernde. bei Tag und Nacht nicht ,astende Thätigkeit, sowie durch eine rationelle Heilmethode den Kranken den Aufenthalt möglichst angenehm gestalten und ohne Rücksicht auf Gewinn sie dem Leben und der Gesundheit zuzuführrn eifrig bestrebt sind. Dem Körper wird reich iche Nahrung zugeführk und liebe» volle Aufmerksamkeit gewid ret und m dem Geiste der Halb- oder ganz Umnachteten wird der chlummcrnde Funke wieder angesacht, da- Interesse für die Beziehungen zum Leben aus wissenschaftlicher und pcactischer Grundlage wieder wachgerusen. Sie werden wie unglückliche Angehörige und nicht wie zahlende Fremde behandelt; jeder Pflegbefohlrne wird im Kleincn wie im Großen — nicht schablouenmäßig, soudera — nach seiner Individualität beobachtet und geleitet, in welcher Beinühung die Leiter der Anstalt durch d׳e wahrhaft großartigen Anlagen, die mit jedem Jahre erweitert werden und dieses Stückchen Erde zu einem Paradiese gestalten, unterstützt werden. Ich kannte und verehrt« de» Gründer und langjährigen Leiter der-Anstalt, den verklärten Herrn Meyer Jacoby, der dieses wohithätige Institut aus dem Boden gestampft hat, und habe mich überzeugt, daß seine Nachfolger eS in seinem schönen Sinne weiterführen und keine Ausgabe scheuen, alle Verbesserungen und Errungenschaften der Neuz,it dem Wohle uud dem Helle der ihneu Anvertraulrn dienstbar zu machen. Herr Benui Jacoby. Herr Rudolf Lißmann und Herr Dr. Rosenthal — die beiden Letzteren sind Schwiegersöhne de» verstorbenen Begründers — haben schon bei Lebzeiten desselben die BenoaltungSlasten mit ihm aetheilt und durch einen weitausschauenden Blick ihre Fähigkeit daz» bekundet, so daß ihre Umsicht über jeden Zweifel erhaben ist; sie »erden hierin von chren mit seltener Dichtigkeit und Hut»