Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 16/17 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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r r- Aemtern und auf de» höheren Schalen von tta deutnng ist. Sie schreibt: Versuchen wir dccher einmal auf breiterer Grundlage darzu stellen, wie die ReligjonSbekenntuiffe an de« höhern socialen Schichten der einzelnen Berufszweige, bei denen eine akademische oder sonst höhere Bildung vorausgesetzt werden muß, vertreten stvd. Die männliche Bevölkerung Preußens (1890: 14702151 Köpfe) setzt sich zusammen aus 64 Procent Evangelischen, 34,4 Proccnt Römischkatholischen und 1,2 Procent Juden- Greift man aus der preußischen Bcrufsstatistik (Preuß. Statistik 76. 3. Teil) die BernfSNaffe der Hof», Staat--. Gemeinde- und sonstigen Verwaltung mit Einschluß der Rechtspflege heraus, und zwar nur die höher« Beamten, so waren unter 16806 solcher 11814 evangelische 4074 katholisch und 857 jüdisch; das sind TOP, 248 und 5,1 Procent. In der Verwaltung und Rechtspflege findet sich also thatsächlich ein Ueberschuß der Evangelischen, rin sehr starker Ueberschuß der Juden (Rechtspflege, namentlich Anwaltschaft) und ein auffälliger Fehlbetrag für die Katholiken im Vergleich zum Bevölkerungsanteil. Unter den hier bezeichneten höhrrn Beamten befinden sich aber nicht die höhern Forst-, Bau-, Berg-, Eisenbahn- und Postbeamten, welche in wirthschaftlichen oder Verkehrsbetrieben des Staates u. s. w. thätig find. ES fthlen darunter auch die Officiere, die Militärbeamten und dje Aerzte. Bei allen diesen ist akademische oder sonst höhere Bildung vorhanden, auch z- Bbei der Mehrzahl der leitenden Beamten der chemischen Industrie. In allen den bisher genannten Berufszweigen haben wir es mit 65,000 Männern höherer und höchster Bildung zu thun, und von diesen waren 77,2 Procent evangelisch, 19,6 Procent katholisch und 3 Proccnt jüdisch. Aus den höher« Lehranstalten Preußens. Hauptavstaltcn und Vorschulen zusammengeiaßt, befanden sich 1860: 64 770 Schüler und von diesen waren 71,1 Procent evangelisch. 22,1 Procent katholisch und 6,8 Procent jüdisch. Bis 1870 hatten sich diese Proeentsätzr bei 115630 Schülern auf 72,5, 18.8 und 8,7 bis 1880 bei 147 618 Schülern auf 73,5, 16,4 und 10,1 verschoben. Die Katholiken schickten also damals nicht halb soviel Söhne auf hie höher« Lehranstalten, als sie nach ihrem Anteil an der Beoölkerung hätten ausbilden laffen muffen: die Juden dagegen -achtmal mehr, als ihr BcvölkerungSanteil erforderte. Seitdem hat sich das Verhältnis zu gunsten der Katholiken etwas gedeffeft: 1892 waren unter 156796 Schülern der höhern Lehranstatten nur 17,1 Proccnt Evangelische, dagegen 198 Procent Katholiken und 98 Procent Juden. Die katholische Bevölkerung denutzt also die BorbereitungSa» statten für die Universität oder für Beruft mir höhern Bildungsgraden nichr ausreichend. DaS -gilt auch vom UniverfitätSbesilch. Auf den preußischen Univerfitäten befanden fich unter sämmtlichen reichsinländischen Stu» Leuten etwa 72 Procent Evangelische, 18,7 Procent Katholiken und 9 Procent Juden, und unter den Studenten preußischer StaatSaugehörigkett 708 Procent Evangclische, 20,1 Procent Katholiken und 98 Procent Juden- Bei der studentischen Beoölkerung also ganz dasselbe Bild wie bei den Schülern! Betrachtet man aber die juristische Facultät für fich, aus welcher . die eigentlichen Berwaltungsbeamtrn neben dem Personal der Rechtspflege hervorgehen, so tritt die Erscheinung noch schärfer hervor: von allen reichSangehörigen, aus preußischen Universitäten studireudeudeu Juristen waren 72,7 Proccnt evangelisch, 18,8 ' Procent katholisch und 88 Procent jüdisch. Vertt«, 17. April. Der ״Centralverein deutscher -Staatsbürger jüdischen Glaubens" hielt, wie in voriger Nr. gemeldet, gestern Abend eine sehr zahlreich besuchte Versammlung ab. RechtSanwalt Dr. Eugen Au ch s berichtete -der die bisherige Thätigkeit der Rechtschutz - «ommisfioa. Man hat rS sich angelegen sein lassen, überall da, wo man 'in der antisemitischen Pr» sie über die allgemeinen Phrasen hinauRglng. Nachforschungen anzustelle«. E» würbe eine Blüthenlese unwahrer antisemitischer Zeitungsausschnitt» vortzelrgt. So sollte der Rabbiner in Lublin geäußert habe», daß die Juden seine-KomitateS Meineinde leistete«; die Erkundigung hat ergeben, daß eine derarttge Aeußerung überhaupt nicht gethau ist. Hinsichtlich ähnlicher Bemerkuugen eines Landrichterin England und de- OberrabbinrrS in Palästina sind Nachforschungen einaeieitet. Der Referent wieauch aus andere Erfolge de« Bweia« hin, In ConradSwaldau hatte ein Lehrer Zettel vertheilen lasien: ״Kauft bei keinem Juden", ein Verfahren, da» auf eine Anzeige hin gerügt wurue. Durch Erkundigungen auf dem Polizeipräsidium wurde festgestellt, daß jene» Reklamegedicht einc» ״Kleiderbarons", welches zur WechnachtSzeit durch die Blätter ging und allgemeine Entrüstung hervor» rief, gar nicht von Jude« herrührte. Andere antisemitische Großthaten, wie die BilderaoSstellungen de» Gastwirth» Bodeck und de» Absingen de- Liede» mit dem Refrain» daß man die Juden in den Rhein werfen solle — waS die Anarchisten in Pfaffen und Junker variirftn, — wurden zur Anzeige gebracht, aber bekanntlich ohne Erfolg. Die Institution de» CratralvereinS hat sich nützlich erwiesen in vielen Fällen, wo einzelne, zu Unrecht deleidigte Juden sich hilfesuchend an ihn wandftn, ferner in den oft wirderkehrende« Berichtigungen, die freilich von den anttsemittscheu Blättern immer mit Randbemerkungen versehen wurden. Nach einer ZeitungSmittheilung sollten Juden in der Rhcinaegend rin MuttergottrSbild demolirt haben, was sich als grobe Unwahrheit hcrauSstellte. Der Centralverein wolle danach streben, die Rechte der Juden bis zu den höchsten Stellen zu Dazu sei aber eine große Verbreitung des Vereins nochwendig. In Berlin sollen sich Gruppen bilden, dir für rege Becheiligung sorgen, ein Organ soll geschaffen und Wanderredner sollen gegen die anttsemitischen Hetzereien zur Aufklärung der Beoölkerung auSgesandt werden. In der Diskussion wurde darauf aufmerksam gemacht, daß auch die Kinder in den Schulen vielfach durch antisemitische Hetzereien zu leiden haben. Die Rechtschutzkommission ersuchte, Einzrlsälle anzugeden, deren Verfolgung man dann bewirken volle. Lin Antrag, welcher die Verbreitung de» Vereinbetraf, fand lebhaften Anklang. Es sollten in jeder Proviuzialhauptstadt Filialen de- Vereinerrichtet werden, die besonder« den anttsemittscheu Provinzialblättern auf die Finger zu sehen und gegen Lüge und Verleumdung einzuschreiten hätten. Berit«. 14. April. Im Abgeordurteahause zogen gestern abermals di« Frommen aus dem evangelischen und katholische« Lager an einem Strang zu Gunsten der Novelle zur Kirchen- und Synodalverfassung. Ein!komische» Intermezzo führte ein konservativer Abgeordneter (Dr. Jrmer) auf. als er einem Abgeordneten jüdischen Glaubenda» Recht bestritt, im Abgeordnetenhause über Angelegenheiten der evangelischem Kirche zu reden. Warum oehmeu eS denn die Herren ruhig hin. daß da» katholische Zentrum sich mit dem vorliegenden Anträge befaßt, der die Berhältnisft der evangelischen Kirche betrifft? Und werden nicht auch die von Jud-n g-zahlten StaatSsteueru zur Besoldung evangelischer Geistlicher und zur Erbauung evangelischer Kirchen v.rwendet? Seit wann finden in irgend einer parlamentarischen Körperschast Deutschlands Beratungen. Beschlüsse, Abstimmungen nach konfessionellen Scheidungen statt? Berli». Wer die Antisemitenblätter uud die ihnen gleichstehlnden oder nach strebenden konservattven Organe kennt, weiß, daß r» zu dem bei chnen gebräuchlichen System der Verleumdung gehört, für alle» Schlechte den LiberaliSmus und da- Judentum veranlworttch zu machen, um die Liberale» und die jüdischen Mitbürger möglichst zu di-- kredittrea. Wo rin Nothstand wirklich oder angeblich besteht, ist nach der Logik der Kreuzzeitung und ihrer Gefolgschaft ״der'׳üdisl -liberale.Geist" schuld daran, und jetzt muß e» de׳n Biane passtren. daß ihm von einer in Bezug