Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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sichtigen, bafe ein jüdischer Handwerkslehrling anb Geselle noch heute mit ben größten Schmierigkeiten zu kSmvfen hat. SS sind mir viele Fälle bekannt, in beneu Meister, um mit ihren Merkstätten Frieden zu haben, ihre jübifchen Gesellen entlassen mühten Aber trotz allebem sind die Juden, nachdem ihnen baS Siecht Laubwerk unb Ackerbau zu treiben, gewährt wurde, sofort be, müht gewesen, bavon Gebrauch zu machen. Es existireu in Deutschland 39 Vereine, bie sich bi* Beförderung beS Handwerks unb beS Ackerbauer unter ben Juden angelegen fein lasten. Ein ähnlicher in Wien bestehender Verein hat bereits 1207 jüdische Lehrlinge bei Handwerksmeistern untergebracht. Dafür wirb allerdings dieser Verein von ben Antisemiten angegriffen. In testen׳Nassau, Thüringen unb Sachsen lebe» viele Juden vom verbau. Eine grobe Anzahl verkauft jetzt selbst mit Schaben ihr ländliches Besitztum unb zieht in bie Städte, da bie Juden auf dem Lande unter dem Antisemitismus zu sehr zu leiben haben. Geradezu unerhört ist bie Behauptung in dem Antisemiten- Katechismus, die Juden hätten nicht bloS in der Zerstreuung, sondern auch als sie noch eine selbstständige Nation bildern, nur vom Schacher gelebt. Jeder nur halbwegs Gebildete mutz doch wissen, daß die Juden im Altertum fast ausschließlich Ackerbau unb Viehzucht getrieben haben- Die Juden sind weder schwerer körverliche Arbeit abgeneigt, noch sind sie zumeist wohlhabend- Letzteres wirb vielsoch geglaubt. Ich selbst bin dieser Meinung gewesen, bis ich durch statistische Forschungen eine- Anderen belehrt wurde- Die Hauptursache 'des Antisemitismus bilden der Neid unb bie Mißgunst- Der Jude ist zumeist sparsam, fleißig und mäßig, während der Deutsch« vielfach zur Löllerei neigt. Es wirb mir, der ich germanischer Abstammung unb Christ bin. nicht leicht, dies zuzugeftehen. Anstatt einen Kampf gegen die Juden sollte man einen Kampf gegen bie Trunksucht führen- Unb ist denn der Handel nicht mit körperlicher Arbeit verknüpft? Die ländlichen Haufirer, bie bei jeder Witterung vom frühesten Morgen bis zum späten Abend mit einer schweren Last auf dem Rücken von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus gehen müssen, haben diese keine körperliche Anftrengung? Hat der Kaufmann, der de» ganzen Tag im Laben ober im Aomptoir arbeitet, keine Anstrengung? Aber auch das LooS der vielfach angegriffenen jüdischen Viehhändler ist kein beueidenSwertes- Und find denn alle diejenigen Leute, bie nur mit dem Kopfe arbeiten. Faullenzer? Ich bin der Sohn eines evangelischen Landpfarrers. Obwohl nun mein Vater dom frühen Morgen bis zum späten Abend angestrengt arbeitete, um seine Amtsgeschäfte zu besorgen, sich für Predigten vorzubereiten usw., sagten bie Bauern oftmals zu ihm: »Sie haben eS gut» Herr Pfarrer, Sie brauchen nicht zu arbeiten." (Heiterkeit.) Der Redner bemerke im Weitere», daß ihm bie Vorgänge am Rhein, bie aus Anlaß beS Xantcner KNabenmordeS sich ereignet, bie Feber in bie Hand gedrückt baden- Er sei gegen die Juden- Verfolgungen ausgetreten, obwohl er sich bewußt war, daß er deshalb von ben Antisemtten noch mehr als ein Jude werbe angegriffen werden- Er habe sich aber verpflichtet gehalten, seiner Meinung Ausdruck zu geben, daß dir Juden, bie seit länger als einem Jahrtausend in Deutschlanb leben, deutsch sprechen, deutsch fühlen und denken, dieselben Pflichten gegen das Vaterland üben wie bie Christen und bie sich lediglich in der Art der Gottes- Verehrung von ben Christen unterscheiden, nicht nur das Recht, sondern bie Pflicht haben, bie volle Gleichberechtigung zu fordern. An diesen mit großem Beifall aufgenommenen Bortrag schloß sich eine kurze Diskussion. Aus der sich daran knüpfenden lebhaften Besprechung verdienen besonders die Ergänzungen deS BereinSmitgliede» und Gemara über den hohen Werth der Ärbeft unb des Handwerks im Judenthum an, warnte aber zugleich davor, sich durch die Forderungen des Antisemitismus nicht io'S andere ltztrem drängen zu lassen und etwa geistig gut veranlagt« jüdische Knaben (besonder-, aus Waisenhä usern) durch-1 au» zu Handwerkern, Ackerbauern u!dgl. zu erziehen ״Map diene dem Baterlande auch durch Geistesarbeit auf allen- Gebieten - der Wissenschaft, jeder nach seinen Fähigkeiten, mit seinen beste» * Kräfte« Der Wühlarbeit einiger unreifen'Köpfe.in denen die Idee -Z des Ztjonismu« spucke, müßte entgeg.'ngearbeiiet werden; sie sei durch oaterlandtlose russische Jünglinge nach Berlin importirt ’ worben; wer sich als deutscher Staatsbürger fühle, kennt nur ein Vaterland, dem er mit allen Fasern seines Herzen- 1׳ angehöre, für das er lebe, strebe, und Gut und'Blut hingeb^. Es sei darum auch nicht richtig, daß man hier von Förderung 4 des jüdischen Handwerks spreche, das Handwerk sei nicht nach Lonfesssonen zu scheiden. Wir wollen a lle das deutsche Handwerk fördern und zur Ehre und Blüthe de» deutschen Vaterlande» beitragen. Seiten» zweier jüd. Handwerker wurden hierauf berechtigte Klagen darüber geführt, daß gerade ihre OlaubenSgenosieu sie wenig förderten, sie zählten meift. Nichtjuden' zu ihren Kunden. ES wurde darauf hingewiesen, daß' man iq den Versammlungen doch n cht pro 60wo sprechen solle. Al» Ä ein anweseuder junger Russe die zionistische Idee näher ent- 3 wickein wollte, wurde ibm vom Borfitzenden das Wort ent- H zogen. Wegen vorgerückter Zeit wurde der Bericht der. R schütz -Commission von der Tagesordnung abgesetzt. Der Antrag deS Dr. Rahmer, den Pohlmann'schen Bor« trag drucken und verbreiten tu lasten, wurde angenor ,men und : nachdem dem Herrn Profestor wiederholt -der Dank der Bersammlung ausgesprochen worden, wurde diese um 11 Uhrgeschlissen. F. Berichte und Eorrefponvenzeu. Deutschland. Magdeburg. Die inDreSden erscheinende »Deutsche Wacht", ein antisemitisches Blatt, dessen Spiritus rector der t'l Reichstags-Abgeordnete Zimmecmann ist, veröffentlichte am Palmsonntag einen Leitartikel, in welchem empfohlen wird, dm Religionsunterricht in den Schulen dahin abzuändern, daß das alte Testament dabei gar nicht oder jedenfalls wmiger al» bisher berücksichtigt werde. In dem Artikel kommt nach' Erwähnung der Austreibung der Wechsler aus dem Tempelvorhof durch Christus folgender anmuthige Satz vor: »lind di« Vorsteher de« Lentral-Verein» römischer Saatsbürger mosaischer Lonsessio» wissen Pontiu« Pilaiul, den damaligen Ober- ׳ Präsidenten von Palästina, damst einzuschüchtern, daß er de« König» Freund nicht m«hr sei, wenn er diesen Antisemiten!»«lasse.-' Bor einigm Jahren wurde ein Redaktmr wegen Gottes- ] lästerung verurtheilt, weil er die geheiligte Person Christi im j sprachlichenBilde mit einem kausmännischenProcuristen verglichen:j hatte. Der Gerichtshof fand, daß diese Hineinziehung Christi 1 in ursere irdischen kleinen Verhältnisse da» Gefühl gläubiger י Christen verletzen müßte. Was soll «an nun dazu sagen, \ wenn hier Christus zum intimen Gen osten der Plack, Schwein- - hager!» Ahlwardt, Stöcker und Hammerstein gemacht wird!! - Die Deutsche Wacht erscheint, wie gesagt, in Dresden! und refforttrt von der Dresdner Staatsanwaltschaft. Nona i verrcna l . Magdeburg. Abg. Zimmermann erklärte in der; Reichstagssitzung vom 15.März: »Die Schweinhagen s und Genossen sind niemal» Antisemiten gewesen!"^ Dasselbe behauptete die Staatsbürger- und die Kreuz-Zeitung.^ Wa» für ein schlechte» Gedächtniß doch die Leute haben!! Noch Anfang Februar dieses Jahre» veröffentlichte der' berliner »Berbaud deutsch.sozialer Antisemiten*^ im »Antis. General-Anz." vom 11. Februar (Nr. 12 S. 1) eine Ervärung, in der e» heißt: Herr» Schweinhag«» aber werde» wir da» ihm ttSher aeschenkt« vertraue», auch trotz dieser persönliche» gehässige« A»S«^ fäll«, weiter bewahre, nn» sorechede» mselde» kür sein vestreden/ viele d»»kl«Punk t« l» »erHeuttge» Politik «ufzuklüreuj