Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492344-5935089-5962322--1965-5376225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
“־ 92 — fätiiflfeit der Juden ist gröber» als die irgend eine» anderen BolkSftamme». In allen Ländern, wo sie nach ihrer Exilirung festen Fuß gefaßt, habe» sie sich mit den Jntereffrn ihre» neuen Vaterlandes idmtifizirt- So in Spanien (bis zu ihrer Brr, treibung). in Frankreich, in den Niederlanden, wohin man auch blicken möge, und nicht zum wenigsten in Dentfchland, wo fie schon in den Freiheitskriegen ihr <8 nt und Blut für das deutsche Vaterland geopfert haben, wie später auf den Schlachtseldern von Schleswig-Holstein, Böhmen und Frankreich. Und seit nahezu unem Jahrhundert haben di« deutsche« Inden, Anfangs noch unter dem größten Druck« lebend, .sich hervorragend an der deutschen Kulturarbeit betheiligt, auf allen Ge» bieten der Wissenschaft und Kunst, der Heilkunde, der Technik, des Handels und der Industrie. Namen zu nennen ist überflüssig, denn wer sie nicht kennt, hat von der deutschen Kulturentwicklung keine Ahnung. Bei der Gründung des Deutschen Reichs haben jüdische Parlamentarier ta der vordersten Reih« geholfen, die Grundsteine des Rechts- und Bundesstaates zu legen. In der Reichsjustizkommiision waren Juden wackere Mitarbeiter. Die deutsch« Rechtswiffenschaft zählt Juden zu ihren bedeutendsten Meistern und Lehrern. An der Auslegung und Fortentwicklung der Reichs- und Laudesgesctze haben Juden wesentlichen Antheil. In die Kommission zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches für dös Deutsche Reich hat Hamburg einen — auch in der Gesetzgebung bewährten — jüdischen Advokaten abgeordnet. Ein Mann jüdischer Abkunft, den die Deutschen jederzeit mit Stolz den Ihrigen genannt haben, hat den ersten deutschen Reichstag geleitet und bis in sein hohes Alter an der Spitze des deutschen Reichsgericht» gewirft, ein Mann aus dem Volke Israel und doch ein Deutscher vom Scheitel bis zur Sohle. Ein anderer Mann jüdischer Abstammung, der Vater des deutschen Strafgesetzbuchs, hat viele Jahre hindurch an der Spitze der preußischen Justizverwaltung gestanden. Beide Männer sind Ritter des schwarzen Adlers. Die? sind nur Beispiele, die leicht vervielfältigt werden können. Und noch immer müssen die Deutschen jüdischer Abstammung sich sagen lasten, sie seien Fremde unter den Deutschen! Juden sind in Deutschland schon im zweiten Jahrhundert n- Chr. seßhaft gewesen, wie historisch verbürgt ist, und wo leben denn heute die Germanen in unvermischte! Raste? Doch nur in bescheidener Zahl in Deutschland, wo sie mit Llaven, Letten, Obotrsten, Celten, auch mit Juden und französischen Emigranten sich vermischt haben! Oder etwa speziell in Preußen? In Oberschlefien, in Posen, in Pommern, Osi- und Westprcußen? Oder etwa im Svreewald? Die Deutschen sind heutzutage so gut ein Mischvolk, wie auch die Juden ein solches sind- Beide haben Elemente mannigfacher Rassen und Nationen in sich ausgenommen. Man braucht darum wahrlich nicht schlechter von ihnen zu denken- Die Raffenmischung ist kein Nachtheil für den Bestand und die Entwicklung des Menschenrcschlechts.*) ״ Geradezu falsch ist die Behauptung, datz die religiösen und ethischen Anschauungen der Juden andere Wurzeln haben, alt die der Chrisien-Germanen: Religion und Ethik des Christenthumc wurzeln im Judenthum, sind unmittelbar aus ihm hervorgegangen und haben erst im weitere» Verlauf« ihrer Ent- *) Wir Dtirotifen zur Bestätigung diese« Satze« aus da» neueste Werk >es berühmten Turin«! Psychiater« Prof. E. Lombroso, da« dieser Tage in autorisirter deutscher Uebersetznng von seinem Schüler De. H. Kurella (bei <äf. H. Wigand, Leipzig) erschienen: ״Der Anti se mi t i 4 m u s und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft", ym 45 ״. und 6 «apitel dies:« interessanten Buche», deffen Berfaffer durchaus nicht — wie da» S. Ikapit-ti ״Fehler der Juden" zeigt — ־fn varreiischer Philoseinit ist, wird über ,Raffenvermischung, reine und gemischt« Raffen, arische Elemente de» jüd. Typ»»" gehandelt, S. 23 *־:!fit f«: ״Der den Juden gemachte Vorwurf, di« arischen Raffen zuerdrrben, ist paradoxer Weise gerade deshalb wiffenschostlich völlig »t-tzgttdar, weil nnter den Juden da« « r >« r I u m sicher stärker verrieten ist, al« da» LewNentum. Diese merkwürdige Thatsach«.er- _!׳h' sich mit Sicherheit au« den Untersuchungen de« «ntropologen v. x -IN rc." Ferner (S. V2j: ״Die Raffenmischuna ist einer der י־- tigst en Faktoren de« F o r t s ch r i, t«." (Rd.) Wicklung heterogene Elemente in sich ausgenommen, »hnc den ewigen Kern aufzugeben, welcher in der Berebrung Gotte» und in der Nächstenliebe besteht, die höchsten, ja.fast die einzigen Dogmen der jüdischen Religion. Die Wurzeln der Ethik des ChristenthumS und de» JudenthumS sind die gleiche«: der Monotheismus und die teleologische Weltanschauung. Die Schopenhauer'schen Phantasien über dir Verwandschaft des ChristenthumS mit dem indisch:« Buddhismus find reiner Aberwitz, der von jedem religionsgeschichtlich geschütten christlichen Theologen »erttlcht wird. Ader die jüdischen Festtage, die jüdischen Speisegesetzel Nunder christliche Sonntag (nicht der heidnische), al» Tag der Ruhe und der Sammlung, ist eine mosaische Institution.**) Freilich die jüdischen Neujahr»- und LrrsöhnungStage, welche der Heiligung und Entsündigung de» ganzen Menschen gewidmet find, haben im Ehristenthum keine oder nur spnrsame Nachbildung gefunden. Aber darum die Juden al» rin fremdes Element zu betrachten, hat doch wahrlich keinen Sinn- Haben die Katholiken nicht ebenfalls eine große «ozabl von Fest- und Feiertagen, welche von den protestantischen Christen nicht anerkannt werden? Die jüdischen Speisegesetze find heilsame, hygienische Vorschriften in religiösem Gewände: von dem größten Theil der gebildeten Juden übrigen» längst über Bord grworfen.**) Und ist es denn wirklich wahr, daß man Schweinefleisch efieo muß, um ein guter und gerechter Richter zu werden? Wird der Scharfsinn durch Schweinefleisch gefördert oder die Gerechtigkeit durch Austern? Dann kommen die »speziellen geistigen und körperlichen Eigenschaften" der Juden an die Reihe, welche fie zu Fremden im Deutschen Reiche stempeln sollen- Hier hätte fich der Berfafiek doch etwas näher erklären müffen- I« dieser allgemeinen Fassung ist die Phrase völlig unverständlich- Welches find denn die spe-, ziellen geistigen Sigeuschasten, welche den Juden dem Deutschen so fremdar tig erscheinen!affen? Man wird fich vergeblich darüber den Kopf zerbrechen. Und gar die körperlichen? Schwarze Haare, dunkle Augen und lange flasm finden fich auch bei echten Vollblut-Deutschen, ln Nord- und in Süddeutschland, wie eS umgekehrt auch manchen blondhaarigen, blauäugigen undkurznafigen Juden giebt Doch genug davon! (Schlup folgt.) Berichte und Correspondenze«. Deutschland. Magdeburg, 18. März. Wir sind heute in der angenehmen Lage, einen Antrag resp. Vorschlag der ,/Staats» bürger-Zeil'lng" aufs Dringlichste Sr. Exzellenz dem Herrn Cultusministcr Dr. Bosse zur Berücksichtigung zu empfehlen. ״Wir haben schon wiederholt auf die U n r e ch - t i g k e i t hingewiesen, die darin liegt, daß die jüdischen Abiturienten im Gegensatz zu den Söhnen christlich-deutscher Eltern nicht nöttg haben, ein Zeugnis ihrer sittticheu Reife beizubringen und^in der Religion eine Prüfung zu bestehen." Wer schreibt das? die altem Leser unseres Blatte» glauben sicherlich, daß dieser Satz einem Leitartikel au» einem altem Jahrgang dieser ״Wochenschrift" entnommen ist, dir sich oft und energisch über diesen Mißftand in unserem Religiosschulwrsen ausgesprochen, und wiederholt Agitationen •*) Da« ist doch nur omn grano sali■ zn verstehen. Nicht der Sonntag, sondern der Sabbat (Sonnabend) al« der siebente Zag ist «ine mosaische Institution, tvelch« da« Ehristenthum der erst« Jahrhunderte ebensall» festaehalten hat. **) Wir hätten gewünscht, daß der hochgeehrte Herr Berfaffer fich zn diesem weder formell noch'sachlich gerechs,rügten'LuSsvinch nickt hätte hinreiben lasten. Er will doch d««it nicht sagen, daß da» Ueberdordwersen der ״heusamen hygienischen Borschriften" ed» Zeichen von Bildung ist? Sir könnten mit grdßere« Rechte da» Umgr» kehrt« behanpte».