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Israelitische Wochenschrift · 1894-03-02 · 9 (2.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
9 (2.3.1894)
Date
1894-03-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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lichkeit, d;0 euch cu: Fahrten, im Eisenbahncoup«, im Hätel, flanj besonderruhig, bescheiden und zurückhaltend auftreten. Glauben Sie mir, eine der Hauptquellen de« Antisemitismus ist diese« lärmende, formlose Benehmen unserer lieben Glaubensgenossen, besonder« au« dem Osten und Berlin, wovon man sich in Theatern, Kaffee'« h. s. w. sattsam überzeugen kann. Ich weiß ganz gut, daß dies nicht jüdische Fehler, sondern Fehlerder Unbildung und Halbbildung sind, aber im Talmud heißt e« oft: Limdo Uaroh derech erez d. h. zum Begriff eines religiösen Menschen, eine« Juden gehört auch der äußere Anstand, insbesondere im Verkehr. Also lassen sie sich niemals als Mensch oder Jude grundlos beschimpfen, aber wirken Sie auf Ihre Reisegenossen daß sie etwas anmuthender auftreten.' B. I. Briefe eines heiter« Kleinstädters aus Berlin. v■•) Bitte, mein verehrter Herr Redakteur, seien Sie mir nicht allzu gram, wenn ich mit einer großen Anmaßung beginne. Für eine solche hält eS doch jeder Gebildete, wenn unsereins den großen Schiller kritisieren will, der in einer Ballade (wenn ich nicht irre, ist eS »Der Ring des Polykrates") meint: .De« Leben« ungemischte Freud« Ward!einem Irdischen zu teil." Ich behaupte kühn: Mir ward gestern des Lebens ungemischte Freude zu teil; und ich bin doch auch waS Irdisches, sogar unr ein Kleinstädter, ein Geschöpf »zweiter Güte" mit weichem G; der Ort meiner Freude barg und schuf viel Leben: und dazu war die Gesellschaft eine sehr gemischte: und doch, und dennoch »u n gemischte Freude.' Solche erfüllte freilich nur un? Kleinstädter: die Menschen »erster Güte" mit hartem V. die echten und rechten Spree-Athener, sahen sich einer Tragikomödie gegenüber. .Ungeheure Heiterkeit Ist unsere« Leben« Regel. " Gestern. Mittwoch, den 14dieses Monats Februar, abends wurde vom Berliner Ccntralverein für die Jntereffen der Jüdischen Großgemeinde eine Versammlung nach dem BereinSlokal junger Kaufleute in der Bcuthstraße einberufen, um über »eine hochwichtige Angelegenheit" zu beraten und zu beschließen. Und diese hochwichtige Angelegenheit war die in meinem vorigen Briefe (Nr- 6 der »Jsr. Wochcnschr.") erwähnte Vorstands- und revräfcntanzseitige Annahme eines Fonds, der für Lehrlinge bestimmt ist. welche den Sabbath entweihen. Eine sehr zahlreiche Menschenmenge war erschienen. Selten haben wir in diesen Räumen ein solches Stürmen und Toben und Drängen gesehen und gehört und gefühlt. Und doch freue ich mich wonniglich, dieser Versammlung beigewohnt und nicht der Einladung eines Geschäftsfreundes in Ste.tin zu einem Tanzkränzchen Folge gegeben zu haben: denn nicht oft habe ich mich so köstlich amüsirt, wie hier in der Centralvereins-Versammlung. Während der hochgradigen Erregung der Gemüter bei den verschiedenen Reden mußte ich, mancherlei Gedanken kombinirend, hell auflachen, infolgedesien meine Nachbarn — wie ich vermute, Abgesandte von Oben — mir grimmvoll zuriefen: Sie Merkurjünger, Sie Götterbote, Sie Ellenritter, was lachen Sie?! Ta mußte ich Lachexplosionen leisten und diese hatten eine unge- *) Lbi^en Brief über dir Versammlung, deren Beratung «gegen» stand — die Annahme de» Lehrlings-Fond« pp. — viel Staub aufge» wirbelt, bringen wir au« mauigfachen Gründen gern: einmal erhebt er den Gegenstand aus der staubigen Atmosphir« in di» lichter« Re» gion gesunden Humor» und bietet ei» farbenreiche« Bild der Ber» sammlung und der verschiedenen Anfichten unserer Berliner Glauben«» Seaossen; sodann dürste er dazu di- Anregung geben, den Wortlaut er Teftament«klausel festzustellen, vor deren Konitatierung!vir — da« sei ausdrücklich wiederholt — ein entscheidende« Urteil über di« Hand» lungsweis« der Berliner Gemeindevertretung nicht abgeben kdnne«. Die Redaktion. ahnte Wirkung: Die Nachbarn bekamen vor mir Respekt und bemerkten zag, ich würde wohl sonderbar von ihnen denken. Ich erwiderte nur: Man soll die Menschen nehmen in der Art, wie sie sind, aber nicht in der Unart, wie sie find- Da» v:r» fing. Die Herren störten ferner meine Kreise nicht mehr und ich konnte die rhetorischen Glanzleistungen des Abend» in vollen Zügen genießen- Ein überaus kluger Spree-Athener verteidigte den Vorstand und die Repräsentanz, die sehr weise gehandelt hätten, indem sie den Fond» annahmen: die jüdischen Lehrlinge hielten ja doch weder Sabbath noch Fest. Nachdem der Herr seinen Wortschatz und die Geduld der meisten Zuhörer erschöpft hatte, entgegnete ihm ein Kleinstädter, er (der Vorredner) dürfe doch so »anlisemittsch-kollekttv" nicht urteilen: e» gebe noch viele jüdische Lehrlinge, die Sabbath und Fest haften, oder fich wenigsten« Sabbath- und Festst u n d e n verschaffen. Feiern etwa die Reformjüdischen Lehrlinge, die am Sabbath arbeiten, den Sonnrag würdiger? Oder sollen fich jüdische Lehrlinge gar keine relig. Feiertage oder Feierstunden gönnen?- Einige .unserer" Repräsentanten betonten, fie hätten in der Revräsentanten-Versammlungen gegen die Annahme des Fond» gesttmmt, seien aber übe rsttmmt worden. Auf die private Frage eine« Kleinstädter», warum fie,' »unsere" Repräsentaten, da nicht unter mottviertem Protest ihr Amt niedergelegt hätten, schwiegen sie: und äl» ich dies Schweigen durch ein homerische» Gelächter unterbrach, wurden mir von mancher Seite Blicke zugeworfen, die, »wenn Blicke Dolch« wären", mich durchbohrt hätten. Ein anderer großstädtischer Demosthenes bat flehentlich, öffentliche Kundgebungen gegen Vorstand und Repräsentanz zu Unterlasten: wenn die Anttsemiten die Sache erführen, würde« fie sagen: Seht, für schnöden Mammon ist den Juden sogar ihr Sabbath feil! Meine erneuten zwerchfellerschütternden Lachsalven veranlaßteu meine Vordermänner, wutentbrannt mich zu fragen: Wa» ist dazu lachen?! . ' Schon wollte ich ihnen antworten, al» fich ein anderer Kleinstädter zum Wort gemeldet hatte und anhub: Meine Herren l Glauben Sie denn, die Anttsemiten kennen die Sache nicht? Meinen fie etwa, sie sei ein Geheimnis? Und wa» schadet e«, daß sie es nicht ist? Ich glaube, r» nützt ganz erheblich. Jeder Bernünsttge sagt sich, wenn er von unserm entschiedenen Protest, hört: Vorstand und Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gr-' meinde find, wie auch der Protest zeigt, doch noch lange, lange nicht die Juden. Die Gesam«theit der Juden wird fich übrigens davor bedanken, der Berliner Jüdischest Gemeinde- Vertretung für gleich erachtet zu werden- Bedantt fich davor doch schon ein großer Teil der Juden SSerlinA. Gestatten Sie mir. meine Herren, noch zum Schluß die Bemerkung, daß' ich die Antisemiten unter den Juden, von denen vor einiger Zeit ein jüdischer Berliner Pascha mit der Devise: Schweigen Sie! so »goldene Worte" sprach, für die abscheulichsten hafte. — Nun läßt sich noch ein anderer Spree-Athener vernehme n Z Eine große Blamage für die Rabbiner der Berliner Jüdisch» Großgemcindc ist und bleibt eS doch, daß. obgleich fie so oft und so viel über Sabbatheiligung predigen, Vorstand und Repräsene tanz einen Fond» annehmen, der dazu besttmmt ist-Ruft: Schluß! Wir wiffen leider genug! Meine Herren, bitte, nur noch eine Frage: Dürfen sich da» die Rabbiner gefallen lasten» müßten fie nicht im Interesse ihrer Ehre und de» Judentum» — — — Rufe: Schluß! Wir wissen längst, was jene Rabbiner hier io der Großgemeinde bedeuten, welch« Ehre e» ist ... . WaS noch Wetter gesprochen und gerufen - und geschrie» wurde, konnte man aus dem enttetzlichen Stimmengewirr nicht heraushören. Nach langem Für «nd Wider ward mdllch »poe m^jon“ beschlossen, dem Vorstand und der Repräsentant der Jüdischen Großgemetode die entschiedenste Mißbilligung wegen der Annahme de» ftagücheirFond» auSzusprechm. Nun, »wat ik mir dafpr kose!" sägen di« Berliner und denken

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