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Israelitische Wochenschrift · 1894-02-23 · 8 (23.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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lichkeit zu bringen um Ablehnung der Resolution gebeten, wurde dieselbe mit erdrückender Majorität angenommen." — Wir geben diese Mitteilung lediglich so wie fie uns zuge» stellt worden ist. (Der geschätzte Einsender wünscht unser Gutachten darüber zu hören: verlangt er ein robbinische», so hätte er e« doch näher, die 5 Berliner Gemeinderaddiner zu befragen und deren Ansicht mitzuteilen, oder sollte der Berliner Borstand seine Rabbiner in dieser Angelegenheit erst gar nicht befragt haben? Sollen wir aber als Redakteur unsere Ansicht auSivrechen, so müssen wir offen gestehen, bah uns in dem obigen Bericht zwei Punkte nicht stichhaltig erscheinen: 1) Ist der Vorstand einer jüd. Gemeinde nicht blo» dazu da, um für die Ausführung der rituellen Vorschriften zu sorgen — er ist doch auch — und nicht in letzter Reibe — DerwaltungSbehörde, und hat allen unter seiner Oberaussicht stehenden religiösen und Humanitären Bereinigungen und Gesellschaften seine gleichmäßige Fürsorge zuzuwenden. Da giedt e» nun einen großen Teil von Gemeindemitaliedern. der. ohne au« der Hauvtgemeinde auSzuketen, zu dieser seine Steuern zahlt, und nur eine besondere LulluSstätte für sich errichtet hat und für eigene Kosten erhält, dieser Teil nimm: es bekanntlich mit den rituellen Vorschriften nicht so genau, die Auhänger dieser Richtung beobachten da» Arbeitsverbot weder am Sabbath noch an den Feiertagen, vielleicht auch nicht an den 3 hohen Festtagen, warum soll nun der Vorstand für die dem Handwerk sich widmente Kinder dieser Gemeindemitglieder das Legat nicht annehmen? 2) ES ist oben von einen Zwang der »Jünglinge" die Rede. Weiß der Redner nicht, daß der!üdische Knabe mit seinem Einttitt in'S 14. Lebensjahr religiös mündig ist und gerade vom orthodoxen Standpunkt ftei und selbstverantwortlich sich ent׳ schließen kann und soll? ., Wir setzen bei diesen unseren Bemerkungen zum obigen Be richt die Richtigkeit desselben voraus: um ein abschließende» Ur teil abzugeben, müßte uns die TestamentSkl ivsel in ihrem Wort laut vorliegen.) _ _ , Birnbaum (Prof. Posen). 16. Februar. Das hiesige Wochenblatt vou heute bringt folgenden von den hervorragendsten Bürgern Unterzeichneten ,Aufruf": .In neuerer Zeit sind in unserer Stadt und nächsten Umgebung Bestrebungen aufgetaucht, welche bedauerlicher weise geeignet sind, die friedlichen und guten Beziehungen, welche unsere Bürgerschaft bisher unter sich gepflegt hat, zu stören und an deren Stelle Haß und Zwietracht zu setzen. Der Antisemitismus, welcher leider auch hier sein Haupt erhebt, hat bereit» seinen Ausdruck in mannigsachen Belästigungen unserer jüdischen Mitbürger gesunden; es ist sogar schon so weit gekommen, daß jüdische Frauen und Mädchen des Abends aus der Straße in gröblicher Weise insultirt worden sind. Wir wenden uns unter diesen Umständen an alle die׳ jenigen christlichen Mitbürger, welche human und tolerant genug denken, um derartige Ausschreitungen und die Gesinnungen, au» welchen dieselben hervorgehen, zu mißbilligen, mit der dringenden Aufforderung, bei jeder sich'darbietenden Gelegenheit dieser Mißbilligung klar und offen Ausdruck zu geben, um damit zu bekunden, daß der überwiegende Teil der hiesigen Einwohnerschaft den antisemitischen Bestrebungen, wie sie oben gekennzeichnet sind, fern steht und auch weiterhin Friede ulld Eintracht zwischen den verschiedenen Lonfessionen aufrecht zu halten gewillt ist. Birnbaum, den 14. Februar 1894. Berend. Beuck- Sngelmever. Hartwlch. S-niwUrat. A. Heffe. «anfmann. Hoffmann, Stkurrinlvkttor Jockisch, «M1»r,ch,er. v. «asfka. Bürgermeister. Kraule. P. LehmanwLoosL Lettow. G«»lar, 20. Februar. (Or.-Eorr.) Am Sonnabend Hiest hier der bekannte Wanderapostel des Antisemitismus Leuß eine antisemftische Bersammlung ab, natürlich gegen da« übliche Entree. Da die« da« erste öffentliche Auftreten de« Antisemitismus in GoSlar war. hatten sich etwa fünf- Hundert Personen zu dem Bortrage eingefunden, von denen indeffen die überwiegende Mehrheit entschiede,:- Gegner jede« Antisemitismus waren. So bemerkten wir auch den in den weitesten Kreisen außerordentlich populären freisinnigen StadtsyndicuS Quensell. Leuß hielt, vielfach unterbrochen, eine feiner gewöhnlichen Lügenreden. Ihm wurde von freisinniger christlicher Seite entschieden entgegengetreten. Sodann kam au» der Mitte der Versammlung der Ai.trag, den Ueberschuß aus denEintrittSgeldern den armen Konfirmandenkindern der Stadt Goslar zuzuweisen, wozu sich Herr Leuß und sein Bärenführer, ein Apotheker auder Nachbarschaft, wohl oder übel mit süßsaurer Miene verstehen mußten. Ein Schluß» wort deS Leuß anzuhören, lehnte nian einmütig mit stünui» schem Unwillen ab und in dem dabei entstehenden Tulmult löste der überwachende Beamte die Versammlung auf, aus der sich nun Leuß mit fernem halben Dutzend noch in recht jugendlichem Alter stehenden Getreuen betrübt über das glänzende Fiasko eiligst entsernte. ®Mtitigeif. <xs ift Herr Liebermann v. Sonnenberg wieder hier erschienen. Aber er hat sich nicht, wie er au»- drücklich versprochen hatte, wegen seiner glänzenden Blamage vor länger als einem Jahre verantwortet, sondern ist diesmal dem Talmud in weiten Bogen aus dem Wege gegangen. Sein Thema lautet harmlos: ״Die akademische Jugend und die deutsch-sozialen Aufgaben der Gegenwart". Die Bersammlung war auch nur schwach besucht Weder vou sozialdemokratischer noch voi! akademischer Seite noch von jüdischer Seile würdigte ihn irgend jemand einer Antwort Seine Rolle ist hier vollständig auSgespielt. Ueberhaupt steht die Sache so: der Geschmack an antisemitischen Bersammlungen ist käst ganz geschwunden. Die Sache ist l a n gn,eilig geworden, da es immer dieselben Phrasen, immer derselbe Radau ist, aber die antisemitische Stimmung, das antipathische Gefühl gegen Juden ist um nicht» geringer geworden, sondern hat sich eher verschärft. Und so, glauben wir, ist eS autr andern'ärts. Dresden, 15. Februar. (Pro zeß Li-L o.) Indem von uns in voriger Woche mitgeteilten Prozeß der beiden Antisemiten Dr. L o ha n und Liman fand heute die Urteils- Verkündigung statt. Das Urteil lautete gegen Herrn Dr. Lohan wegen Beleidigung auf 300 Mk. Geldstrafe, gegen Herrn Dr. Liman ebenfalls wegen Beleidigung auf 250 Mk. Geldstrafe. Von den erwachsenen Geri blskosten hat Dr. Lohan zwei Drittel, Dr. Liman ein Drittel zu tragen. Ferner wird sowohl dem Beklagten als dem Widerbeklagten die BefugniS zugesprochen, den Tenor des Erkenntnisses in der Zeitung zum Abdruck bringen zu lassen, durch welche seinerzeit die Beleidigung erfolgt ist. Aus der Begründung des Urteilheben wir als das Auffälligste die Thatsache hervor, daß dem Dr. Lohan der Schutz des §193 Str.-G.-B. (Wahrnehmung berechtigter Interessen) versagt, dem Dr. Liman dieser Schutz dagegen gewährt worden ist. Der betreffende PassuS der UrieilSgründe lautet: ,Dr. Liman stand im Interesse seiner Sache das Recht zu, sich gegen die Vorwürfe Dr. Lohan» zu verteidigen, auchk wenn er wußte, daß nicht allein seiner Verteidigung wahr war. Insbesondere sei Dr. Liman, trotz» dem er sich seiner jüdischen Abstammung bewußt war, berechtigt gewesen, dies in Abrede zu stellen." Aarl-ruhe. 15.-Februar. In der heutigen Sitzung der 2. Kammer stand das KultuSbudget zur Beratung. Für den isr. Kultus ist gefordert ») im ordentlichen Etat: 7000 Mk. (auf 1 Jahr) d) im außerordentlichen: 18,400 Mk. auf 2 Jahre). Die Positionen deevang. Kultus (im Summa 577,465 Mk.) wurden debattelos angenommen. Beim israelitischen frägt v. Stockhorner (kons.) an, ob d»r israelitische Oberrat nicht der Regierung Gutachten zu erstatten habe und ob der Oberrat nicht auch anläßlich der Petition de« hiesigen anttsemittschen Verein«, die dem Hause Vorgelegen, ein Gutachten erstattet habe. Aus den Berhandlungen der errett

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