Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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ie Redaktion der ,Deutschen Wacht' alsbald verlassen. Im Laufe des an diese interessante Geschichte sich knüpfenden ProzesieS stellte sich aber noch etliche! besonders BemerkenSwertheS heraus. Der Prozess hat nämlich ergeben, daß der Verleger der »TreSd- Nachr ' und der Dr. Lohan von der jüdischen Abstammung Liman's längst wussten. Zu derselben Zeit, als die Artikel Liman'S im Sinne des Raflen-AntisemitiSmuS den ,DreSd. Nachrichten' besonderes Interesse im Publikum erwirkten, wusste man auf der Redaktion dieses trefflichen Blattes ganz gut, dass der Mann, der diese Arnkel schrieb, selbst zu jenen bis in den Abgrund der Hölle verpfluchten Sudensvrößllingen gehörte. Ter »Jude Liman' war ihnen ei» würdiger Genosse, so lange sie seine Artikel brauchen konnten, so lang« er in ihren!kreisen wirkte. Zn dem Augenblicke aber, da er zur Konkurrenz ging, da litt es ihr zart besaitetes Gewissen nicht länger, den »Juden' als Antiiemiten-Borkämpscr zu dulden- Sie erzählten von moraliichen und politischen Qualen', die der Verkehr mit dem ,Juden' Limann ihnen bereitet hätte, vergaben aber, hinzuzufügen, dass sie diese Qualen gern nach wie vor ertragen haben würden, wenn dieser Dr. Limann nicht just zur Konkurrenz gegangen wäre. So sieht cs bei den .Reformern' aus, bei den braven Urgermanen, weiche Deutschland zu Recht und Sitte bringen und von dem »jüdischen Schachergeist' befreien wollen. Bei ihnen gilt es, wie bei allen Geschäftsleuten: ,Ob Christian oder Jtzig, das Geschäft bringt'S mal so mir sich.' Neben dem Christian Lohan hatte der Jtzig Liman antisemitische Waare zu liefern; die Waare wurde gern genommen und vom Publikum gut bezahlt, — was schadete eS. dass sie durch und durch unreell war? Der Sohn drS Besitzers der »Tresdn- Nachr.' hat vor Gericht ausgesagt. für sein Blatt käme nicht die Politik, sondern nur das Geschäft in Betracht. Das ist nichts UeberraschendeS, aber eS ist von Neuem bezeichnend für die antisemitische Agitation im Ganzen, die eben nichts als Geschäft ist. Ein Geschäft, das um so unehrlicher betrieben wird, je dreistere Phrasen von »deutscher' Ehrlichkeit und .jüdischem' Schwindel dabei zu Tage gefördert werden. Eine zerlumpte Moral, Lug und Trug und ein Uebermass von Unverftorcnhcit, das sind die Bestandtheile einer Agitation, die heute Manchem den Kopf Venebelt, der man aber den Rücken kehren wird, wenn ihr skandalöser Charakter mehr und mehr zur Äennlnih der Verführten gekommen ist (v. Z.) Berichte und Correfponvenzen. Deutschland. Magdeburg. Im hiesigen »Verein für jüdische Ge» schichte und Literatur" sind nunmehr auch Diskussionsabende eingeführt. Ter erste derselben fand Sonnabend am 17. d. Mts. iin Vereinlokal (Kaiserhof) statt. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Rabbiner Dr. Rah wer, hielt einen Vortrag über das Thema: ״Hat das Judentum Geheimgesetze?“ und führte unter Anführung von Bibelstellen aus, daß die jüd. Religion weder irgend ein Geheimgesetz, noch etwas zu Ver» Heimlichendes habe. ״Nicht wunderbar und geheimnisvoll ist sie' (ö.B. M.30,11). »Nicht imGeheimenhabeich zu Euch gesprochen (Jes. 45,19); auch der Talmud spricht sich in Shnlichem Sinne ags: ״In der Wüste fand die Offenbarung statt — nicht ans einem national abgegrenzten Gebiete — öffent» lich vor Allen, für Alle; die Thora liegt offen da, wer will komme und nehme sie!" Aber wenn das Judentum auch keine Geheimgesetze hat so hatte sich doch wie bei allen Religioneu — eine theosophtschmystische Geheimlehre im Mittelalter als Gegensatz zum flachen Rationalismus herausgebildet, die sogenannte Kabbala. Allein gegen diese Afterwiffenschast haben von jeher die klar denkenden Rabbiner ihre Stimme erhoben und den Grund» satz aufgestellt: ״ אין למדין מן הקבלהDie Lehren der Kabbala diftfeu nicht den geringsten Einfluß auf die Halacha (gesetz- Aschen Teil) ausüben >" Daß dir reinen sonnenklaren Religionsgesetze de« Judentuins, dessen Stolz eS ist kein Mysterium zu haben, dennoch als Geheimgesetze verdächtigt wurden und noch werden, Hab« seinen Grund darin, daß die Bekenner deS Judentums oft durch Verfolgungen und Religionszwang sich genötgt sahen, ihre Religion svorschriften im Verborgenen im Versteck auSzu» üben. (Man brauche nur an die Geschichte der Marannen zu denken.) DaS Judentum kenne nur zwei Geheimgesetze: Wohlthätigkeit soll man iin Geheimen üben (Spr. Sal.), und jemanden auf seine Fehler aufmerksam machen, solle man im Geheimen, und ihn nicht öffentlich beschänien. In jetziger Zeit sei es ganz besonders jedes Israeliten Pflicht, seine Religion nicht zu verbergen, sich ihrer nicht zu schämen, .,denn sie ist euere Weisheit vor den Augen der Völker"; Alles zu vermeiden was sie in den Geruch der Ge» heimnisthuerei bringen könne. Auch exklusiv jüdische Geheim» verbände sind deshalb jetzt nicht an der Zeit, und mögen sie die schönsten Ziele verfolgen, nian verdächtigt das Judentum dadurch als Geheimreligion. — An diesen interessanten Vortrag knüpfte sich eine Besprechung, wobei auch manche abergläubische Mißbräuche im praktischen Leben zur Sprache kamen, deren Abstellung im Jntereffe der Religion geboten sei. Mittheilenswert dürfte es sein, daß der hiesige Verein die Unterscheidung zwischen ordentlichen und außerordentlichen, resp. aktiven und passiven Mitgliedern aufgehoben hat. Für da- Jahr 1894 besteht der Vereinsvorstand aus den Herren Rabbiner Dr. Ra hm er, Oberstabsarzt Dr. Rosenthal, Max Singer (Rend.), Schriftführer Lamm, Bibliothekar F Rosenheim, und Beisitzer: Ä. R o s en h e i m und Zahnarzt Bendix. Berlin, 20. Februar. Wir werde:! nm Aufnahme : folgender Notiz ersucht: Ein hiesiger',Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde" hatte eine Versammlung der ־; Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeind« einberufen. Der Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde haben nämlich ein Legat des kürzlich verstorbenen Medizinal» ratS Dr. Cohen, 400000 Mk. betragend, angenommen, dessen Zinsen nach dem Willen des Testatornur solchen - jüdischen Handwerkslehrlingen zu Gute kommen sollen, welche. Willens sind, auch am Sabbath, sowie an den jüdischen Fest-., tagen (mit Ausnahme des Neujahrs- und Versöhnung-feste-) i die Arbeit nicht auszusetzen Diese Angelegenheit bildete den " einzigen Gegenstand der Tagesordnung der sehr zahlreich be» suchten Versammlnng. Der Referent, Herr Sch eye r, wies in 1 packender und oft von Beifall unterbrochener Rede auf da- Z Unzulässige der Annahme eines Legatmit derartigen Be- Ä stimmungen seitens einer Religionsgemeinschaft hin. Er Jj geißelte eS scharf, daß die Verwaltung einer jüdischen Ge- 2» meint)«, die von den Mitgliedern in erster Reihe dazu einge» 3B setzt sei, um für die Ausführung der rituellen Vorschriften zu H sorgen, sich dazu hergebe, Jünglinge, die sich in einer Rot» W läge befänden, zu zwingen (?), ein strenges Gebot, die Heilig» M Haltung des SabbathS, zu übertreten, nur um der Segnung M des Egales teilhaftig zu werden. ES wäre dies gewisse» M maßen ein Prämie für die Ueberttetung. Tr suchte zu be- JS weisen, dass auf diese Weise gerade di« sogenannten Liberale» :ז■ sich der unerhörtesten Intoleranz schuldig machten. Nicht vom "W Standpunkte der Orthodoxie, sondern von den« der Gerechtig» Ä» kertSliebe müsse man ein energisches Veto gegen die Annahme'» diese« Legates emlegen. Jeder Privatmann könne thun, was er vor sich und seinem Gewissen verantworten könne, nicht so die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde, die lediglich i« HW Sinne der religiösen Vorschriften zu handeln habe. Er schlua sW die Annahme einer Resolution vor, die darin gipfelte, daß^W den Mitgliedern der Repräsentanten-Bersammlung. welche fürmD die Annahme de- Legatgestimmt haben, eS waren 13 f ü rW und nur 6 gegen, ein Mißtrauensvotum erteilt werde. RachsM lebhafter Debatte und nachdem mehrere der anwesenden Repräse»»^! tasten, die zwar gegen Annahme de- Legates gestimmt hatteyj^^ um die Angelegenheit nicht vor das Forum der Oeffentlich^W