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Israelitische Wochenschrift · 1894-02-23 · 8 (23.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Li «nd Lo diese Bewegung den heutigen Umfang erreichen ließ und die Langmut der Behörden gegen rohe Ausschreitungen allerlei An, wozu noch der Umstand tritt, daß die erwähnte Be zeichung dem erlauchten Munde eine» Liebling» der deutschen Ration entstammt. Gewiß wissen wir, daß unter un» Senau in demselben Maaße, wie in anderen Lagern, auch hlechte, bitterböse Menschen existieren, aber wir müssen es imnier wieder betonen, daß die Morallehrer im Judentume und die bessern Elemente in ihm e» niemals haben an Er- Mahnungen fehlen lassen, welch« aber darum zum Theil erfolglo» blieben, weil der Staat deren Autorität systematisch untergraben ha«. Der Herr Vers., der sicherlich die Gelegeiiheit und den guten Willen dazu hat, möge sich über da» staatlich geschloffene Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde freeundlich unterrichten lassen und er wird dem Schreiben dieser Zeilen Recht geben und sein Urteil modifiziren. Auch heute lassen wir eS daran nicht fehlen, ja es wird ein noch viel größerer Eifer an den Tag gelegt, eS ist aber ebensoerklärlich, daß dieser Elfer jetzt wirkungsloser sein muß, als je zuvor. Dir Kräfte der leitenden Männer werden auch durch die Abwehr aller Ungerechtigkeiten zu sehr abgezogen und auf Viele wirkt das Mitleid mit den unschuldig Gehetzten bestimmend, diese nicht auch noch mit einer zweiten Rute zu züchtigen. Biele betrachten eS sogar als Verrat, wenn der Lehrer sich nicht hauptsächtlich damit abgiebt, das Allen zuiefügte und selbst dem Verständnis eines kleinen Kinder sich nicht entziehende Bewußtsein vom bittern Unrecht, entschieden abzuweiien, so daß er froh sein kann, einen Rückschritt zu Hintertreiben, an einen Weiteraufbau aber nicht im entferntesten denken kann — inter arma silent leges. . Der Herr Verfasser dürfte auch vorsichtiger sein, Männer wie Leopold Croo als Autoritäten anzuführen, ohne auch die Entgegnungen und Widerlegungen, die sie (z. B. in dies. Bl.) gesunden haben, zu studieren, u. auf sie Rücksicht zu nehmen; ״man muß sie billig hören Beede!" .... Daß der Herr Verfasser auch die sagenhafte, dem Judentume ״zur Verfügung stehende einflußreiche Presse" in seine Vorwürfe einbezichen wird, war mir von den, Augenblicke an klar, als ich in früheren Kapiteln bemerkte, daß er bekannte Schlagwörter wie ״Bourgeoispresse" nicht verschmäht, was ich seiner vornehmen Natur gar nicht zugetraut habe. ES war also natürlich, daß er aus dieser schiefen Ebene augelangt, auch obenerwähnten Ausdruck sich nicht entgehen lassen wird. Und dieses Abwärtssteigen endet mit der entscheidenden Frage: .,Warum verlegen die Juden z. B. ihren Sabbath nicht auf den Sonntag?" Was noch mehr, Herr Prange? Was hat unsere religiöse Einrichtung mit dem Germanentum zn teilen? Giebls nicht genug deutsche Christen, die keinen Sonntag heiligen und feiern? Haben bijetzt mehr Juden als Christen wegen Verletzung der Sonntag-Heiligung Strafen erhalten? Wen geht es etwas an, wenn Jemand an irgend einem zweiten Tag der Woche abermals ruht — was leider nur ein Bruchteil thut? Jede Einmischung in unsere religiösen Angelegenheiten müsien wir a limine abweisen. Wir geben dem Kaiser, waS des Kaiser» ist — d. h., wir erfüllen getreulich unsere Pflichten gegen den Staat, gegen das Vaterland — so lasse man un» Gott geben, >oaS Gottes ist. Sonst könnte man ia mit demselben Rechte fragen: ״Warum verlegen die türki» Men Christen nicht ihrenSonnlaa auf den Freitag, ihre Ostern in den Bairamu. ihre Weihnachten in den Ramadanmonat? Was den Christen in der Diaspora recht ist, sollte doch den Juden billig fein! Doch «ollen wir nicht weiter mit Herrn Prange rechten, zumal andere kleine Abweichungen unserer Ansichten nicht prinzipieller Natur sind, wovon, wie ich hoffe, ein recht «roßer Leserkreis verdienterweise durch eigene Anschauung überzeugen wird, was umso wünschenswerter ist, als chatsächlich ein guter Geist de- Herrn Verfasser» Feder bei seiner Arbeit geführt hat. Die antisemitische Bewegung in Deutschland lechzt nach so» genannten ,jüdischen Skandalen", und so unbezähmbar ist diese» Verlangen, daß man mit aller Gewalt und mit dem Aufgebot aller Erfinbungs- und BerdrehungSgabe solche Skandale künstlich rn schaffen sucht. Aber da» Schicksal ist eben offenbar auch schon verjudet. Es läßt Skandal auf Skandal zu Tage treten gerade i m antisemitischen Lager: die Chronik davon schwillt mit jedem Tage mehr an, und eS ist die Frage berechtigt, wo denn überhaupt unter den verführenden, freilich wenig verführerischen. Gestalten der mit der Parole ,Juden raus" ihr Geschäft detreibenden Gesellschaft noch unbemakelte Männer zu finden sein mögen. Der neueste Antisemiten-Skandal-Prozeß kommt au» dem Königreich Sachsen, dem gelobten Lande der Ahlwärdterei. Der »Hellen" Sachsen hätten den Antisemitismus eigentlich am wenig» stcn nüthig. Denn es giebt bei ihnen nur einen verschwindend kleinen Bruchthcil von Juden in einigen Städten des Lande», und jene geschäftliche Gerissenheit, gegen welche sich als eine vermeintlich ausschließlich jüdische Eigenschaft die meisten antisemitischeu Angriffe kehren, findet sich bei den Sachsen in nicht geringem Grade. Jndcß jenem bauernvfiffigen und hinterhältigen Wesen, welches sich bei vielen Sachsen vorfindct. ist der Antisemitismus ein willkommener Bissen, und so ist'S dort mit allen Schatti» rungen dieser Station vorwärts gegangen Das gelesenfte Blatt d-« Landes, jene ,Dresdener Nachrichten", welche so viel zu der politischen Berderdniß in Sachsen beigerragen haben, hat hat schon seit längerer Zeit den Antisemiten vorgearbeitet. E» hat sich dann der Bewegung mit vollem Nachdruck hingegeben, als fick bcrausstellte. daß damit geschäftlich besondere Erfolge zu erzielen seien Die Geschäftsrücksichten fitzen bei dem gelesensten Blatte Sachsens an erster Stelle. Die ,Dresdener Nachrichten" haben nun neuerdings den Antisemitismus in einer Form betrieben, vor der selbst die »unvarteiische" .Tägliche Rundschau" und die ,StaatSbürger-Ztg." sich verkriechen können. Zwei Leitartikler mühten sich Tag um Tag ab, die Svalten des Dresdener Blattes zu einem Schindangcr für alle« Jüdische, Judenknechtische, Judengcnöisisch«. Derjudende und Berjudete zu machen. Der Eine mit Namen Dr. Liman. der Andere mit Namen Dr- Lohan. Sie Unterzeichneten ihre Artikel mit den Anfangsbuchstaben Li und Lo, und Li und Lo wurden bald die volkSthümlichstcn Männer der großen Duck» mäutcr- und Lakaienstadt, und die Dresdener Spießbürger konnten ftöhlich singen: Hallih, hall oh. hallih. hall ob. bei un» geht'» immer hcp, hcp, hep." Besonder» that sich Dr. Liman durch den Eifer hervor, mit welchem er die Juden als »Raffe" bekämpfte. Er ging in seinem Fanatismus so weit, daß er auch die Taufe nicht als gütig anseben wollte zur Beseitigung de» JudenthumS bei einem bisherigen Juden. Niemals konnte, nach seinen Verkündigungen, ein Jude, ein Judensprößling rin ,Teutschcr" werden. In Sachsen freute man sich des wackeren Deutschrasenorn. Ein antffevnlischcr Verein in der Lausitz übersandte ihm ein Diplom, welches ihn als den tavferen Deutschen von echtem Schrot und Korn feierte- Und Li und Lo waren ihres Leben» froh. Da aber kam Zwiettacht in das Verhältniß zwischen dem Besitzer der »DreSd- Nachr" und dem Dr- Liman. Der Letztere ging an das Blatt des antisemitischen Abg. Zimmcrmann. die ,Deutsche Wacht", und setzte hier seine wüthende Judenfrefferei und feine Thätigkeit für den RassenantifemitiSmu» mit unge» schwächter Kraft fort. Den »DreSd. Nachr." wurde die Konkurrenz unbequem, und da entschloß man sich auf dieser Seite zu einem Racheakt, der die Existenz des Dr- Liman al» raffenantisemitischer Schriftsteller vernichten mußte, — man enthüllte da» Geheimniß, baß Dr. Liman, der unerbittliche Verfolger der Juden und Judensprvßlinge, selber von Juden abstammt, selber ein Juden-Sprüßling ist. Natürlich mußt« der .Jude" Liman

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