Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wo die anderen religiösen Gemeimchaften ihre vom Staate anerkannte Ordnung haben, kann sich daS Judentum iu seiner Atomisierung schwerer behaupten; von einem allgemeinen Standpunkt aus ist es wünschenswert, daß der Staat sich um die Religion nicht kümmere, daß jede Vereinigung der Religionsgenosien sich in völliger Freiheit vollziehe. Aber wir Juden, der hundertste Teil der Bevölkerung, können nicht allein ein Prinzip verwirklichen, während alle anderen Bürger ihr religiöses Leben nach anderen Grundsätzen ordnen. Da scheint es am ehesten angemessen, die Gleichberechtigung zum Maßslab unserer Wünsche und Bestrebungen zu machen und vor den Gesetzgeber mit der Forderung zu treten: Wir wollen, so weit es angchr,eine staatlich anrrkannte kirchliche Verfassung Ter Centralverein will auch Beschwerden über Borgänge, die uns kränken, zur richterlichen oder administrativen Entscheidung bringen. Auch hier würde es uns am besten passen, wenn in unserem Lande uneingeschränkte Preßfreiheit waltete; dann würden wir all die Schimpfereien und Berleuutvungen durch Wort und ^chri't bekämpfen und nicht danach verlangen, daß Polizei und Gericht für uns eintreten. Aber wir leben nun einmal in einem Lande, in welchem das Wort nur eine eingeschränkte Freiheit genießt. Wenn nun gegen irgend eine Einrichtung oder Persönlichkeit freche, zügellose Rede sich erhebt und ungeahndet bleibt, so hat dies eine andere Wirkung als in Nordamerika, so glaubt die Bevölkeruna, diese Verläumdungen seien gegründet, weil in ähnlichen Fällen sonst der Strafrichter einschreitei. Wir wollen nicht nach jedem Hunde, der einen Juden anbellt, mit Steinen werfen; aber hin und wieder wird auch der Eentralverein Gelegenheit haben, die Behörden gegen öffentliche Verleumdungen anzurusen. Die Rede des Herrn Dr. Mendelsohn erweckt in uns die besten Hoffnungen. Wir wagen keine Prophezeiungen wegen der Erfolge; aber wenn der Verein uns selbst f e st i g r, wenn er den Muth weckt, vor dem Lande für unseren Glauben einzutretea, so hat er nicht vergebens gewirkt. B. R. Der Deutsche jüdische« Bekeuutuifies. Herr Rechtsanwalt Lehmann hat einen Vortrag, den er unter diesem Titel vor einiger Zeit in Berlin gehalten hat, durch den Druck veröffentlicht. Der Bortrag ist l e se n s w e r t, wenn auch nicht in allen Stücken beherzigenswert. Wo immer wir ein heißes und inniges Empfinden für Religion, für Wahrheit beobachten, da freuen wir uns dessen mag auch in manchen, ja in vielen Punkten unser Wider-' spruch rege werden; Lehmann ist ein treuer Jude und wir trauen ihm zu, daß er lieber das Aeußerste erdulden würde, als sein Judentum verleugnen. Solche Charaktere fragen wir nicht ab, ob sie jeden Tag Tephillin legen, ob sie daS Speiseritual beobachten, und wir betrachten eS als einen Segen, daß sie zu uns gehören. Lehmann hat die Rohheit des Antisemitismus an sich erfahren, denn er ist in Sachsen auS allen öffentlichen Ber» trauenSstellungen hinausgedrängt worden, obgleich Niemand '״.ne Persöräichkeit anzutasten wagt, er beschäftigt sich mit der Frage, wie der Antisemitismus zu überwinden sei, welche Pflichten, welche Opfer uns Juden die Situation auferlegt. Es girbt brave Leute, die einfach auf ihren Schein bestehen, die kurzweg behaupten: ein Jude, der seine Steuern bezahlt und seiner Soldatenpflicht genügt, hat damit seine ganze Plicht gegen Deutschland erfiillt; wenn er sonst auch Zionist ist, so ist das harmlos, denn, die Zionisten werden nie dem deutschen Reiche gefährlich werden. Lehmann steht wieder aus dem entgegengesetzten Flügel; er fühlt die Pflicht, das Deutschtum ganz in sich aufzunehmen, so stark, kaßer dem Judentum für diesen Zweck ganz unnötige Opfer znmutet. Ter Jude soll, so wünschen diese Herren, seine Feiertage, seinen Sabbat verlegen, nur damit der Deutsche nie an einem Werktage durch den Anblick festtäglich gekleideter Israeliten gestört werde. Herr Rechtsanwalt Lehmann sagt schroff: dem Deutschen jüdischen BekenntniffeS kann die hebräische Sprache nicht mehr die Gebetsprache der Zukunst sein. Wir habe« «S stet« versucht, zwischen dieser. Extreme» zu vermitteln. Kein Deutscher thut genug gegen sein Vater» land wenn er Steuern zahlt und Soldat ist; dazu wird er überdies gezwungen: sondern jeder Deutsche, also auch der jüdische, hat die Pflicht, seine Seele zu tauchen in deutsche Kultur und Sitte; aber auch die jüdische Tradition kan» nicht; abgestreift werden; der Talmud ist für das jüdische Leben'nicht gleichgültig; unser« ganze Gedetordnung selbst in aufgeklärte» Gemeinden basirt auf talmudischen Bestimmungen; modern erdachte und empfundenene deutsche Gebete allein geben keine« jüdischen Gottesdienst. ,Wa» ich in meinem Zimmer treibe, das kümmert keinen Andern was*; aber der öffentlich« Gottesdienst ist der Ausdruck nicht nur des religiösen, sonder» auch das nationalen Bewußsein». Da» Judentum ist keine Religion von heute und gestern: Jahrtausende war die hebräische Sprache da« Gewand, in dem die» Judentn« der Welt sich zeigte; darum geht e« nicht an, da» Hebräische auS dem Gottesdienste herauSzureißea; aber wer in Deutschland in ein jüdische» Gotte-Han» tritt, der soll e« herau-hören, daß ei Deutsche find, die hier zu ihrem Gotte beten. — Herrn Lehmann» großer Fehlers ist, daß er ein richtiges Princip übertreibt, er will zwar.- selbst da» Beste, aber durch seinen Radckalitmu» ist er,! wie wir schon vor Jahren e» ausgesprochen, ein unfreiwillij Helfer der Orthodoxie. B. R. Das ״Gebetelese«" i« der Religiousschmle^ von I. Herzb«rg-Veo«berg. Die Bedeutung und die Notwendigkeit de» Bibellesen»^ für unsere ReligionSschule ist namentlich in letzterer Zeit׳'; Gegenstand eingehender Erörterungen gewesen. Wen» wir^ wollen, daß unsere Religionsschüler mit dem ganzen J»»Z halte der Bibel bekannt gemacht werden sollen, daun könn«»H wir da» Bibellesen keineswegs entbehren, da weder bei« bibtischen Geschichtsunterrichte, noch beim Bibelübersetze» die; Bibel in allen ihre» Teile» Berücksichtigung finde« k, Wie gering da» Maaß de» Bibelinhalte» ist, da» aus I ÄdeS Üebersetzen» de« Schüler znr Keimt»!» und z ndnir gerächt wird, bedarf wohl nicht der <־ Aber auch der biblische Geschuht,