Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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TagrS ruhelosem Rennen und Reckmen. Saum Hab' ich mich ein Mertelstündchen dem süße» Nichtithun hingegeden, naht mir der trockene Schleicher, ein Würzbürger Weinreisender, wie er sich nennt, und — meine Ruh' ist hin. mein Herz ist schwer: denn ein ganzes Meer von Neuigkeiten kramt er her, so viel wie ich ihm auch wehr'. Wa» mich am meisten betrübte, war di« Mttheilung. daß man bei den jüngsten kommunalen Wahlen t« Spree-Babel — wo er vor einigen Tagen gewesen sei« wollte — nicht verfuhr nach Idealen: dem Mann, der sonst so gern gebietet ,Schweigen", wollt' kein;kommunaler Kollege tanzen nach seinem Geigen: selbst zu der Stelloertreterschaft des Vorstand - will Niemand ihn inBorschlag bringen. Da half kein Ringen, Dringen, ״gold'ner Worte" Klingen. Ach. sie schwiegen allzumal in Bezug auf sein« Wahl, al» ob er das ״Schweigen" selbst befahl- Und warum widerfuhr dem Mann dies Mißgeschick? Nun, weil er alle Andern übertrifft an Reichtum gold'ner Worte, an Charakterstärke. Lauterkeit und mehr dergl- Tugenden. Doch nicht war Mßgunst, Neid im Spiele, nur Verkennung ließ ihn nicht zur Höh' empor; die Andern reichen nicht an ihn hinan, sie verstehen nicht den Mann. Wer vermag zu schildern, wie arch, wie ihn, der sich für ״all- »beliebt" hielt, das verdroß. Nur ein» in unsere wunde Brust unS goß ein Tröpflein Trost: Treue Truchsessen wähllen den Verkannten sich anderSwo, trotzdem vorher manch' einer in der Tasche sein: Faust geballt, trotzdem vorher manch' einer tadelte gar viel und schalt. Wackere Leute das! Noch zur rechten Zeit besannen sie eines Bessern sich und ließen ihn nicht im Stich. Wie gut kenn' ich doch meine Pappenheimer! Erinnern Sie sich noch meiner Kennzeichnung ihrer Treue? Und ich freue mich über diese Treue, einmal »eil sie einer schätzbaren — oder oder vielmehr unschätzbaren und darum von der Kommune noch nicht genug geschätzten — Kraft ein Fe.'o gewährte, wo sie fich so schön, dethätigk und bethätigen wird: ferner weil sie eine bittere Pille ein wenig versüßt. Gestatten Sie mir nun einige Bemerkungen zu den jüngsten Ansichrsäußerungen und Mittzeilunge« Ihrer großstädttschen Mitarbeiter: ich lehne mich so gerne an diese an: wir Kleinstädter fühlen uns im gedanklichen Verkehr mit ihnen über den engen Rahmen unseres kleinlichen und peinlichen SnschauenS und Em. pfindenS binaubgehoben. und da», sollt' ich meinen, ist doch schon etwas werth, wenigstens für ,Leute zweiter Güte", wie der Berliner mit weichem G sagt- Ach, e« gebt doch nicht» über die Großstädter und ihren weiten Slick und ihr sieghaftes DarstellungSgeschick! Ein Leitarttkel in Nr- 52 Ihrer gesch- Wochenschrift erwähnt sehr wahr, daß die orthodoxen, selbst die exttem orthodoxen Zuden Deutschlands in Gewinnung vqn Einfluß und Macht innuer» halb der jüdischen Gemeinden Fortschritt machen. Kein Wunder, wenn die Männer der Fortschritts anscheinend Rückschritte machen, um — wenigsten» bei den Wahlen nicht zu» rückweichen zn müssen. Hier in Berlin nennen sie die» Scheinwesen — Schinken orthodox! e. Nebenbei bemerd, eia geschmackvoller Ausdruck, wie er nur dem fetagebildeten Großstädter entquellen kann- L o r der Wahl: Begeisterung für Pflege de» Hebräischen in der Schule, Verbot jeder Abweichung von der FriedhofSliturgie, selbst wenn sie die z u m S t tz e a genöthigteu Trauernden die Bahre ״schmerzerfüllt umst e h e n " läßt und noch sonst zu Bemängelungen Anlaß bietet, eie. —: n a ch der Wahl: Annnahme eine» Fonds, der für Lehrlinge bestimm! ist, die den Sabbath entweihen, etc. Ob übrigenS eine Kirchengemeinde al» solch«, wenn auch noch so iberal, einen Fonds, desttmml für Lehrlinge, die den EoNntag entweihen, annähme? Wir Kleinstädter glauben e» nicht- Ja, mnnttteldar v o r den Wahlen habe» hier mauche Personen und D^uge eine ganz andere Physiognomie, als n a ch den Wahlen. Erklärt «tr, Gras O«rtab»r, Diesen Zwiespalt der «war? — 44 — Nein, um diesen Zwiespalt zu lösen, bedarf es wahrlich de» Geschicke» eine« Oedipu» nicht- Wenn erst dir Poseuer Faiseur» sich bet den Berliner Ge» meinde-Wahlen energisch in'« Zeug legen, dann wrrden die Liberalen Wunder und Niederlage» erleben, meint der Las. de« ge» dachten Leitarttkel». Und wtt Kleinstädter meinen, daß solch« Riederlagen ungleich heilsamer wären, al« die Pyrrhu»stege unserer Scheinliberalen: jene Niederlagen würde» gewisse Leute zur Besinnung bringen und einen LäuterungSprozetz herbeiführen und noch manche» andere Gute veranlasseu. q Warum zählt der Verfasser ein Dutzend preußssche Großstädte auf und bemertt, daß sie, im Gegensatz zu Berlin, d e u ts ch e Rabbiner «״gestellt haben? Warum wird denn da» ״stet« sehr merkwürdig bleiben"? Die Sache ist doch leicht zu erklären: Die Vorsteher de» betteffendeu und diverser anderer Dutzend Großgemeinden verstehen nicht ein Hundertstel de» Hebräisch, da» unsere Berliaer können: oder lesen e» jene auch etwa auch,^ selbst wenn sie das Machsor verkehrt Hallen? Solchen He» braistrn können doch deutsche Rabbiner nicht genügen,'die im zehnten Lebensjahre noch de« •*» unkundig sind! Außerdem können deussch« Candidaten vor der Rabbinerwahl nicht all» wöchentlich nach Berlin kommen, um dort Ding« zu üben, welche den Besitz eine» Rückgrat» sehr in Frage stellen. Wollen Sie meine kleinftädttsche Ansicht über dir viel erörterte Frage der Anstellung von magyarisch:», rumänischen und ausländischen Rabbinern überhaupt vernehmen? Diese Ansicht wird allerding» der großstädtischen gegenüber eigenartig genug et» scheinen, aber eine» Tropfen» Tinte ist sie vielleicht doch werth. Wtt Kleinstädter meine», wenn ein «»»ländischer Kandidat in deutsche» Wesen fich mindestens soweit vertteft hat, daß - er dem wirklich gebildeten deutschen Juden auf der Kan- ׳ zel und im gesellschaftlichen Verkehr nicht unsympathisch ist. nicht unnatürlich erscheint: wenu er die nvthige Geiste»-, Gemüth»- Fach- und Eharafterbildtmg besitzt, welch letzter« fich namentlich auch darin zeigt, daß er um keinen PrttS eia Rabbinat in einer. Weise zu erlangen strebt, die ihm die Selbstachtung und die Achtung ehrenhafter Menschen rauben und eine wahrhaft ersvrießliche Wirksamkeit unmöglich machen muß — dann ist un« dieser Ausländer ebenso willkommen, wie jeder Jnländec. Wenn jener aber die erforderlichen Qualitäten nicht besitzt und dennoch zum. Gaudium der Snttsemtten und ähnlichen Gelichter» g r u n d s ä tzlich dem befähigten Deuttchen vorgezogen wird, «eil der Au»- länder Eigenschaften enttallen kann, bieder Eitelkeit, der Herrsch- ] sucht und andern häßlichen Leidenschaften Rechnung ttagen — j dann muß da» allerdings ״stet» merkwürdig bleiben."!{ Der Vers, de» Leitarttkel» in Nr. < (I. B) hat da» Gefühl.1 daß da» deussch« Judenthum seine führende Rolle au»gesptelt1 habe. Wie irrt fich der Herrl Gr solltt nur die Berhältntff« der! für die deussch«Judenhettdoch maßgebenden Berliner Graßge-1 meind« kennen, und er würde ander» urtheilen. Such der Herr,/ der etwa Anfang« vorigen Jahre» diese Sroßgemeinde al» »null fizirt" bezeichuete. hat sie nicht recht gewürdigt. Ihre hsrcüchel Blürhe hat sie zumeist der Arbeit am grünen Tisch und im sogen.1 jüdisch-liberalen RedakttonSbüreau hier» also nicht wesentlich derl hiesigen StpSstraßeu. Mainz, zu verdanken: welche» Faktor»fies außerdem zu Dank verpflichtet ist, darüber sonst einmal. Ich muß schließe«, weil ich nur Hefter an St« schreiben wtllj und ich e« heute nicht Wetter kann. Soeben sehe ich ans Straße die Dame, die ich gestern vor dem Tempel in Bezug auf! eine von un» beiden augehörte Predigt mißvergnügt sagen hörte,/ sie habe bei der Predigt ״nicht einmal da» Taschentuch benetzt."/ O arme» Weib, wie dauerst du mich! Wie konnte Dich Prediger nur so um de» Hochgenuß der Rützseligkett bringen! Predigtkrtttkeu ähnlicher Art sind hier nicht selten; wer wa» ihnen Vorschub geleistet, auch darüber sonst einmal- Ihr ergebener Kleinstädte!