Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 5 (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Stefanie zu suchen gekommen sei. Ja, meinte er, er sei Russe und leide au Rheumatismus. Sein russischer Arzt habe ihm gesagt, das russische Klima sei feinem Leiden schädlich; er solle eine Seefahrt unternehmen und nach dem Süden gehen. Um diese Verordnung kostenlos durchzuführen, habe er sich in die argentinische Kolonie tranSportiren lassen. Natürlich kaufte man dem heilungsbedürftigen Kolonisten ein Rerourhillet und spedirte ihn schleunigst wieder in die seinen, Rheumatismus so schädlichen nördlichen Breiten zurück. Aber Fälle von dieser Art haben sich hundertfach ereignet. Und, wie gesagt, wir hatten zuerst alle Hände voll zu «hun, um überhaupt nur die echten Kolonisten von den falschen unterscheiden zu können. Jetzt sind wir endlich auf dem besten Wege. Die Kolonie in der argentinischen Republik enthält gegenwärtig etwa dreitausend Leute, die durchwegs vom besten Willen erfüllt scheinen. Dieser gute Wille beginnt bereits Früchte zu tragen. Es wird fast nur Landwirtschaft in der Kolonie betriebe.!. Und trotz Allem, was die Gegner unseres UnternehmenS in die Welt gesetzt haben, kann man jetzt dort das seit langem in der Geschichte nicht gesehene Schauspiel gewahren, wie der Jude hinter dem Pfluge hergeht, säet und erntet. Die mir von der Kolonial-Direktion zugehenden Berichte nielden, daß die Ernte eine gute war und daß besonders Weizen und Skukuruz eine stattliche Ziffer von Hektolitern ergeben haben. Eine weitere Schwierigkeit kommt von der Direktion der Kolonien selber her. Ich bin hier zu häufigem Personal- Wechsel genötigt, und trotzdem ich schon mit manchem tüchtigen und von den besten Intentionen erfüllten Manne zu chun gehabt, ist eS mir doch noch nicht gelungen, zur Leitung des Unternehmens »den rechten Mann am rechten Platz" zu finden. Ich habe als Direktor der Kolonie einen vortrefflichen Gelehrten gehabt, aber er besaß zu idealistische Anschauungen, um einen praktischen BerwaltungSmann abzugeben; ich habe dann einen Mann mit ausgesprochenem VerwaltungStalent gehabt, der sich aber aus persönlichen Gründen nicht hat halten können. Durch die besondere Liebenswürdigkeit des englischen KriegsminffteriumS ist eS mir hierauf gelungen, einen der wenigen jüdischen OKcier8-64v4r«n von der engl. Armee, den Eolonel Gol ds mi t h, zu gewinnen. Der Oberst der bei de« Horse-GuardS steht» wurde auf ein Jahr beur» laubt und trat an die Spitze der Kolonie. Aber bald stellten sich prinzipielle Divergenzen zwischen unheraus. Der Oberst ist ein eifriger Anhänger der At»«S* T»ee, welche die ZurttetfAhrmiG »er!)akeR «ach Maletfti«a will.*) Ich, der ich den Orient und besonders Palästina kenne, weiß, daß diese -»ee ei«er Thi«iire gleichkommt, da Palästina i» kei»er Weise ein zu TolonisationSversuchen geeignetes Terrain ist. — Gegenwärtig wir ddie argent. Kolonie von zwei Direkt, geleitet, zwei hervorragenden Pädagoge», die sich während ihrer Lehrtätigkeit an den Schulen der Alliance JSraölite ausgezeichnet haben. Der eine hat bisher das landwirthschastliche Institut in der Nahe von Paris dirigirt, der zweite hat an der Allianzschule in Tunis gewirkt. Aber ich sehe eS immer mehr: *) LaS mb allerdings »0 r feiner tzlbfendnng »ach Nracntinie» Ich», »»» den »iontftischea Bllitirrn n»d Vereinen, die «ir id« einen Ptrf,«»-G»UnS triebe» »nd jetzt erst recht treibe», auSPofnnnt worden. ich selbst werde die Sache mit der Zeit ganz in die Hand י. י nehmen müssen. Ich bin damit beschäftigt, mich allmählich einzuarbeite», und ich will späterhin meine ganze Zeit und meine ganze ArbestSkrast einem Unternehmen widmen, in deffen Gelingen, wie gesagt, ich festes und unerschütterliches Vertrauen habe. Die Hauptkoloni^ soll auch weüerhin in der argenv ti nischen Republik verbleiben. Dort sind alle Bedingungen am günstigsten: Güte der Bodens, Entwickelung der Ber« kehrsmittet. geringe Dichtigkeit der Bevölkerung rc. In Eanada und in den Vereinigten Staaten haben wir wohl auch kleinere Versuche gemacht. Aber besonders in den Bereinigten Staaten kann man dem Unternehmen kaum eine größere Ausdehnung geben. An eingeborener Bevölkerung ist kein Mangel; ferner haben .sie edort auch glücklich bis zum Antisemitismus gebracht, und das ist wenig einladend." Die russische« Jude«. -r Angesichtder Rot, die die Juden in uncivilisirten Ländern heut erdulden oder fürchten, vergessen wir zuweilen daS ungeheure Elend unserer russischen Brüder. Täuschen wir uns, geistiges Aufblühen oder Welken ist nicht ganz unabhängig von materiellen Plagen und Schmerzen; dieser fortwährende Mangel entmutigt, entnervt, entwürdigt, und wir sind entsetzt bei dem Gedanken, e» könnte unseren Gegnern gelingen, die russischen Juden, durch unechörle Marter auf ein tiefes geistlichennd sittliches Niveau herabzudrücken. Zur rechte« Zeit erhebt Prof. Leo Errera in Brüssel seine Summe und redet in warmen eindringlichen Worten für die Verstoßenen. Aber der Proseffor Errera ergeht sich nicht in Deklamattonen, eS ist ein stattliche» Buch von zweihundert Seiten, da» er der gerechten Sache widmet. Da» Mitgefühl verleitet ihn nie, auch nur eineHandeSbreite von der Wahrheit zu weichen» eS bedarf leider keiner Uebertreibung um die Gemüter zu erregen. Wofür wir Herrn Errera besonder» dankbar sind, ist sein Bestreben, die Illusionen zu zerstören, als könnte der jüdisch-russischen Bevölkerung durch Auswanderung geholfen werden. Wir leugnen gar nicht die Uebelstände, die auch für den gesammten Staat sich ergeben, wmn alle Juden Rußlandin die Städte de» sögenannten Territorium» zusammengedrängt werden. Aber nicht die Auswanderung «ach fernen übeeseeffcheu Lande» kann . helfen sie kann besten Fall» 'nur einen geringen Bruchteil 'V nützen. Aber die Kolonien in Palästina und Argentinien 'v haben die Probe noch nicht bestanden. Helfen lann nur der .? russische Staat selbst, und indem er den Juden Hilst, würde er sich und der Kultur die größten Dienste leisten. Freizügigkit durch das ganze Reich, da» wäre ein Segen für die Inden und ein Segen für Rußland. Bor dem Ezarea allein und vor der öffentliche« Meinung in Rußland ist unsere ' Sache zu führen und zu gewinne«, und das Urteil der civi- ■ y lisierten Welt muß aufgeregt und unterrichtet werden, daß e» Ä dem Ezareu offenbar werde, wie En ropa über diesen Jammer denkt. Baron Hirsch will da» Beste, aber sei» Geld kan» die russischen Inden nicht erlösen; Errera hat ausgerechnet, /Ä daß auf dem Wege, dm Baron Hirsch einschlagm will, M vir zwei Milliarden brauchm würden. Selbst solche ecorbi-