Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1894-01-12 · 2 (12.1.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492344-5935089-5962311--1871-5376141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

dem rabbinischen Studium widmete, war die Verwaltung ungeordnet, aber das rabbinifche Amt hatte ungleich mehr Ansehen, mehr innere Kraft, und eS wäre wahrlich noch schlimmer geworden, wenn nicht die Scheu vor der öffentlichen Meinung in nichtjüdischen Kreisen, da- »nspiel und die religiöse Ordnung der nichtjüdischen Bevölkerng von Ausschreitungen zurückhielte. Adolf Jellinek freilich bedurfte de« Haltes nicht, de« die amtliche Stellung ihm gab, er fand den Halt in seiner eigenen Persönlichkeit. Gott sprach zn Mose: ne SV סי ״ לאדם,הלא אנכי ה׳Wer hat dem Menschen Beredsamkeit gegeben? bin ich es nicht der Ewige?" Es giebt eine Kunst der Rhetorik, die allerlei Regeln aufstellt, als sei der Erfolg de« Redners durch die Erfüllung dieser Regeln bedingt. Aber es kann Einer alle diese Künsteleien aufs sorgfältigt sie üben, und seine Worte werden un« dennoch anftösteln und weder Geist noch Gemüth bewegen. Dagegen hat schon Deutschlands größter Dichter alle Homilekik in die kurzen u. allbekannten Worte zusammengedrängt: ״Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor." Gott giebt Beredtsamkrit; Mose war in dem Augenblick ein Redner, als die Flamme de« Dornbusch'- in seine Seele schlug und in ihm glühte al« ein heiliges Feuer; er spürte in sich die Gluth. deren Gleichniß er im Dornbusch sah, brennend und nie verlöschend. Dawar auch Jellinrks ganze Kunst; er kannte und er liebt« das Judenthum. Wie geistvoll hat Jellinek in einer Rede, die er vor länger als drei Jahrzehnten über Mose gehalten, die Rabbiner gemahnt: ״Man macht hie und da in manchen Gemeinden die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Alten geltend, die sich an gewifle Einrichtungen einmal gewöhnt haben. Die Lehrer aber in Israel, die treuen Hirten der Gemeinde, müssen die zarten Lämmer, die Jugend, vor Augen haben, müssen darüber wachen, daß fiesich nichtvon der Herde entfernen, um ihren GlaubenSdurft an fremden Quellen zu stillen, und 'sie durch edle und schöne gottesdienstliche Formen zu fesseln suchen. Die Alten bleiben treu, verlaufen sich nicht so leicht» wenn auch ihr Verlangen nicht erfMt wird. Die Jugend aber muß man behüten, daß sie nicht in die Irre gehe." Jellinek halt« wie jeder, dessen Herz von einem dichterischen Hauch« b--4hrt ist, ein Gefühl für die Romanttk des alten Judentum», aber er begriff, daß Männer nicht in die Kinderschuh« zurücktreten können, daß wie Leopold Zunz «« aurdrückt, der Sieg der Reform unwiderruflich ist. So hat er die Alten nicht verletzt, nicht verhöhnt, «ad dennoch der Erneuung des Judentum« mit Leidenschaft da- Wort geredet. Länger al» ein Jahrzehent hat er in der Mitte diese- Jahrhunderts in Leipzig gepredigt; die Gemeinde war klein, trotzdem dringen die Lichtstrahlen seines Geiste« wetthin; denn damals waren die Leipziger Messen von vielen J-raeliten aus -alle» Weltgegenden besucht; diese Kaufleute hielten sich zu damaliger Zeit viele Wochen dort auf und da sowohl die Frühlings» wie die Herbstmessen in die Zeit unserer hohen Feste fallen, so hatten sie oft Veranlassung, den trefflichen Prediger zu hören. Dessen Gedanken nahmen sie in sich auf, und trugen sie in ihre Gr- «eisden, die oft noch ganz in den Fesseln der Orthodoxie lagen und die deutsche Predigt entbehrten. So > sprühte« die Funken de« Jellinek'schen Geiste» überall hin; durch die geschäftlichen Verhältnisse begünstigt, drang sein Won weithinaus über den engen Bezirk seines Amte»; später kam er nach Wien und an der Seite Mannheimer«, im Wetteifer mit diesem hohen Meister, entfaltete sich sein Talent nur um so herrlicher. Er hat eine Menge vou Predigten herausgegeben, die eine Fundgrube sind der religiösen ErkennturS, der Lebens- Weisheit, demilden Humor», der treffenden Satire. ״Wer hat den MenschenBeredtsamkeit verliehen? Bin ich e» nicht der Ewige!" Jellinek war beredt, weil er für Sott redete. Der Midrasch sagt: ״Ich lege in zdeinen Mund Worte, die wie Pfeile kessen." So hatte Jellinek den hohen WahrheitSmut, daß, wenn das Judentum angegriffen wurde, er gegen den Gegner Worte schleuderte, die wie die scharfe« Pfeile trafen. Auch der jüdischen Wissenschaft hat er nicht geringe Dienste geleistet und verborgene Weisheit anS Tageslicht gebracht. Er hat durch mächtige Geistesarbeit dafür gesorgt, daß an seinen Namen sich die Liebe seine- Volke» knüpft, daß noch in späten Zeiten Ehre und Ruhm ihn umleuchte« werden! Amen. 8. R. >.* 8 17»! Da« ungebührliche Gebühren der Antisemiten 1>or Ge» richl in vergangener Woche hat mehreren Blättern Beranlassung zu mehr oder minder hefttgen Artikeln, sowie zu Rathschlägen um Abhilfe gegeben. Wir reproduciren Einige» au» einem sehr gemäßigt gehaltenen Artikel, um zum Schluß auf da« in der Gerichtsverfassung selbst angegebene Hilf»« - mittel hinzuweisen. Als die antisemitische Bewegung in Berlin in ihren Ansängen stand, da war e« ein inzwischen verstorbener dunkler' Ehrenmann Namens Ruppel, der den Sport betrieb, so oft er angeklagt war und vor einem Schöffengericht er-.׳ scheinen mußte, den betreffenden Schöffcmichter al» befangen j abzulehnen, weil dieser Schöffenrichter Jude war. Auster« dem sportlichen Interesse halte jener Rupp«l hierbei noch > einen praktischen Zweck im Auge: er erzielt« eiue Berschlepp-i ung, denn über den Eiuwand der Befangenheit des Richters^ hat nicht der Schöffenrichter selbst zu beftndeu, sonder« eine! andere Instanz. Der Einwand wurde regelmäßig zurückge- ' wiesen, aber es war immer Zeit gewonnen. Bor den Gtvif-L kammer» des Laudgericht« bringt der Einwand der Befaugrnheit nicht unbedingt einen Zettgewinn, denn die Straf- 4 kammer entscheidet selbst darüber, ob der Einwand berechtigt^ ist oder nicht. ** Gestern (den 5. b. Mt».) stand in Berlin vor der er Strafkammer de« Landgerichts I. der b. kannte Kompag Ahlwardt's beim ״Judenflinten-Geschäft", P. G löß aus Dre«-) den, der den Antisemitismu» buchhändlerisch iructificirt, nebst I einer Anzahl anderer Buchhändler gleichen Schlage«, weg«! Beleidigung de« Reichskanzlers angeklagt. Herr Gl Sh griff! auf das alte Sportsystem zurück: er erklärte diejenigen Mit-1 alieder des Gerichtshofe« für befangen, die etwa jüdischer! Religion oder jüdischer Abstammung seien oder jüdische! Verwandtschaft hätten. Er konnte keinen Richter b•»! raufhi« namhaft wachen, sondern hatte die Prätensio«, vo« l dem Vorsitzenden zu verlangen, daß dieser durch Umfrage^ feststelle, ob einer von den beisitzeuden Richtern unter bi ' Befangenheits-Borwurf falle. Als der Borsitzende es ablehnte, auf diese Zumutung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.