Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 45 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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177 — Wjron richtete sich mühsam auf uud schaute im Semiuh «»her ohne |u sehen. Er sah auch nicht Sarah sei» Weid, uud einer plötzliche» Eingebung seiner Fieberphantasie folgend, sprang er au» de« B.tte. „Er wird vielleicht mit Lrah i» der Hiuterstube wart :», der Gehenkte," flüstert« er kaum vernehmbar und wankte ler Thür zu. Al» er dieselbe fast erreicht hatte, wurde fie von aus«» geöffnet uud Joel ttat in die Stube ein. Sofort sah er wa» hier vorgiug. Sketch einem kleiren Sind, nahm er deu Alten ans seine Arme und trug ihn in da» Belt zurück. »Laß mich," kreischte der Kranke, „der Gehenkte wartet -auf mich," nud jetzt bedurfte e» der kräftige» Arme Joel», um üen Kranken zurückzuhalten, der sich mit riesiger Kraft I«. Degen sträubte. Al» er dam» wieder ruhigergeworden, nahm Joel v»rfichtig, um deu Schlaf der alte» Frau nicht zu stören, einen Umschlag au» dem Wasser, preßte ihn behutsam au» uud lezte ihn de« Krapke» aus'» Haupt. Dauu setzte er sich a» da» Lager hin und schaute düsteipu Blicke» auf den Kranken und die schlafend« Frau. »Arme Leute," sagte er» „müssen da iu ihren alten Tagen, so gauz allein, verlassen sein. Und doch, wie so ganz aud-r» '«mßte e» hier au»sehen." — Di« alt« Frau erwachte plötzlich und ohne e» sich selbst «ingestehen zu wollen, daß sie eingeschlafen war, wollte sie schnell de» Umschlag zu erneuern. »Laßt e» nur sein," sagte Joel, „ich werd« die» fdion Lesorgeu, schlaft nur weiter, Ihr bedürft auch dringend »er Ruh«, sonst werdet Ihr «och krank." Jetzt erst hatte Sarah den Besucher gesehen. „Ihr Joel, Ihr Joel bei un»." rief fie fast erschrocken. „0 Ihr seid gut und edel- Ihr seid den alten Leuten nicht gram, nicht wahr." Und ehe er e» «ehren, konnte hatte sie seine Hände er» 'ergriffen »od geküßt. ,Wa» thut Ihr da, Frau? schämt Ihr Euch nicht, mir ' die Hände zu küssen?" rief Joel unwillig. »Schämen, schämen? Bor der ganzen Welt thäte ich'», dm» Lhr habt ein edle», großmüthige» Herz, wie selten." »Laßt da», Frau. Ich habe gestern von seiner 'Sp krankung gehört, zufällig; warum habt Ihr mir keine Nich- > richt geschickt, war «ohs notwendig, daß ich'» erfahre. i)iu -aber doch herüber gekommen, um vielleicht etwa» helfe» zu können. Ich werde dir Nacht hier bleiben und bei ihm wacken. Ihr seid,» so etwa» zu schwach und dann müßt Ihr ja selbst schlafen. Hoffentlich wird e» mit ihm morgen schon besser s -in. Je stärker solch ei» Fieber ist, desto schneller zieht e» wieder ab." ,O» Dank Euch, Joel, für Eure Güre. Glaubt Ihr, r wttd Gott ihn mir nicht nehmen? O! sagt, sagt, e» n äre * schrecklich, blieb ich allein zurück, allein und er ginge von m r." „Tröstet Such, Frau, Sott wird schon helfen. Sagt, >oa» kam denn so plötzlich über ihn." „Weiß ich e» denn selbst. Wir saßen Sabbat Ateud ,Leisammen und da kamen un» so ganz traurige Srinnerurgen - an die Vergangenheit, — Uud die» regte Ahron gewaltig a»f." Und jetzt begann die alte Frau all' die Vorkommnisse diese» 'Abend» Joel zu erzählen. l. „Ahron war zu Bode» gefallen", beendete fie ihr« Erzähl, ug, „und der fremd« Besucher, er «var mir rechtschaffen behilflich, {$* in» Bett zu bringen." ,,E» thnt mir leid, sagte er zu mir, daß ich vielleicht die bin an diese« Unfall Eure» Manne». Doch seht, ich in ganz anderer Absicht hierher. Ich «sollte mit ihm iiber »»sprechen, Iva» ihm vielleicht Frende bereitet hätte. Ich einen geschickten »lrzt sende« nnd mit Gotte» {Uft wieder genesen.. Sendet mir Nachricht, »i e» rl, de» König» Minister." -B-.hgchh.kzs» und gut. — Ich will morgen selbst zu ihm gehen und ihm Nachricht dringe»; vielleicht erfahre ich gleichzeitig einen Zusammenhang. Doch jetzt gcht zur Ruh« alte Frau, e» ist ge. nug geplündert und morgen früh wenn ich von hier gehe, müßt Ihr bei Kräften sein." Und während Sarah sich zur Ruhe begab, setzte sich Joel wieder an da« Lager de« Kranken und richtet« den Blick zur Decke de» Gemache«. ,,E» ist merkwürdig" sagte er zu sich, „dieser Flecken dort oben sieht gauz einem menschlichen lllntlitze ähnlich. Rase, Mund, Auge« — alle» genau al» wäre«» gezeichnet. Nebenan muß muh solch eia Flecken sein, wahrscheinlich ist er jetzt durch den Schatten der Lamp« verdeckt, er muß dort sein, ich erinnere mich genau wie oft ich danach blickte. — Warum sollte ich «ich eigentlich nicht mehr erinnern, wie lange ist e» denn her? Sech» Jahre, nicht länger.* (Amisetznofolgt.) Die Antisemiten bei Bismarck*). „Ich war anfangs nicht mit mir im Reinen, ob ich Sie, meine Herren, empfangen »der J>ie Ehre ihrer Begrüßung ablehnen sollte. (Fürst Bismarck sprach mit gedämpfter Stimm«, ml« immer am Aasaig« einer »tede. «ns» an» »er Versammlung: Lanier, lauter.) Allein ich habe «ich doch entschlossen, gewisse Empfinduugeu zu überwinden uud di« Begegnung mit Ihnen ist mir sogar willkommen (Bravo, Bravo I). weil ich nicht will, daß mein Porträt eurstellt und verzerrt durch Ihre Hand (Pro««», rufe) der Nachwelt überliefert werdr. E» wäre doch ein Unrecht au mir selber, wenn der Glaub« entstünde, daß ich mit der „Wauwanpattri" sqmpathifir«. Sie find erstaunt, daß ich Ihne« diesen Namen beilege; da» will ich Ihr«, erklären. Ich soll iu meinen ersten Leben»jahren et» ungeberdiger Jung« gewesen sein. Die Amme gedrauchte damal» da» erprobte Mittel der Kinderstnbe, da» zuweilen auch iu der Staat«kuust Verwendung findet, und sagte: „Der Wanwau kommt" und znweiln sagte fie auch: „Der Jude kommt und steckt dich in den Sack." Ich wußte damalö gar nicht» von einem Jude»; aber die Amme gab mir ejue nähere Schilderung und bereicherte auf diese Art meine ethnographischen Kennt,üffe. Sie, meine Herren werden mich jetzt verstrheu. T>«m deutschen Volke sage« Sie: „Der Jude kommt, der geh: Hern« mit einem großen Sack und steckt Alle» hinein, eure Felder, Schlösser, Häuser» eure Pferd«, euer Geld" und e« gibt viele große Kinder, die daran ebenso fest glaube», wie di« kleine« Sinder an den Wauwau. Ich habe die deutsch« und preußische Geschichte so ziemlich in meinem Geist« gegenwärtig. Ich weiß, daß die Juden den schrecklichsten Verfolgungen prei»gegebe» waren und daß ihr gau^» Stteben darauf gerichtet sein mußte, sich temporäre» Schutz und temporäre Sicherheit zu erringen. Denken Sie sich, meint Herren, in diese Lage hinein und erwägen Sie, wa« au» einem anderen Volke unter solchen Ler» hältniffeu geworden wäre. Die höchste Gewalt sagte damal» |u den Juden: „Ich verstehe nicht» von der '{apitalSnitt. schüft; ich brauche Geld. Du mußt für mich Geld auftreiben, du mußt für mich wuchern und dafür verspreche ich dir meine« Schutz. Da» Volk wird dich mit seine« Haffe »erfolgen; dn aber wirst zum Range eine» Schutzjnden uud Summerknechte» erhoben" (&>«tt Heittrtctt.) Da» ist nicht zum Lachen, meine Herren, der Staat sagte nicht, du darfst wuchern, der Staat sagte: „Du mußt wuchern" und Wucher hieß Mund» Alle», wa» Zinsen brachte. Mein« Herren, über Sklaverei, Leibeigenschaft, Hörigkeit, Wucher, über Institutionen, «Sewohnheue», Mißbräuche läßt sich nachträglich vom Standpunkt« einer höhere« Eioilisatioa au» ieicht abnrtetlea. .Ich aber sage Jhnen, die knarrenden Räder der Weltgeschichte werden mit - gar verschiedenartigem Oel' geschmiert nnd die Büchse», in NlaPeofent z» de« b^challeantisemüischen BIWrra NvoaLorBewer.' „DtrJnfenfei Biämoeä^, bifegl Ü lche." »Mft VHworck fe hea ManN fetopt Stofe «