Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 41 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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k „Und wa» sollen, wa» müssen wir befürcht««?" p ,Ma« wir befürchte« müssen? Schau hi» «ach Devtfch- '■f land, «ach Frankreich, nach Italien, wende deinen Blick rach ' allen Hiuuncl»richtungen und deine Frage findet schrecklich« \ Antwort. Unsere Brüder werden nach Tausenden gemordet, da» Herz blutet und wir können nicht helfe«. „Diese schaurigen Bestien, fie schaarea stch unter dem;)ci> - chen de» Kreuze« zusammen, um zu morde», zu plündern, zu . brennen und keine Hand streckt stch ihnen zur Abwehr entge» Sen, „Nehmt da» Taufwasser oder fahret zur Hölle", brüllen e, dies« Elenden. Schutzlo» find wir ihrem Anstürme pret»- grgeben. Und an ihrer Spitze stehen die sogenannten „xottgewrihten Priester" mit dem Kreuz« in der Linken, di« Mrrd- «affe in der Rechten, voranstürmend, die Kleidung mit dem Blute ihre» Nebenmenscheu besudelt, da» Erficht verzerrt von ' den schlimmsten Leidenschaften, den Mördern den Weg weisend, wo reiche Beute zu finden» wo schuldlose» Blut in Menge vergossen werden kann. Und da» find Diener Eotte», die von Nächstenliebe predigen? Und warum all' diese Verfolgungen gerade über da» jüdische Bolk? Warum? „Etebt e» denn ein Wellengesetz, da» einzig »>ur für denjenigen geschaffen ist, der stch Ehrist nennt, und find denn all' dir Millionen Aud«r»gläubtgen, lauter Paria»? S t n d d t n n nicht alle Menschen Kinder eine» Gott«»!? Mein Geist geht irre, denk' ich de» Jammer» all' und all' der Schrrach, f die seit Jahrtausenden mein Volk erduldet. Al» Knechte Pharao'» waren sie freie Männer und heute find fie weniger noch al» Sklaven, wo jeder freche Wegelagerer da» Rech! besitzt, zu morden, ja wohl da» Recht, denn Raub und Mord wird laut im Gotte»hau», auf offner Straß' gepredigt, den Gläubigen zur Pflicht gemacht. . . ." Schüchtern wurde jetzt au di« Thür geklopft un> im Nahmen derselben erschien die Hohr Gestoft Joel«, de» l)och-? zeit»narren. »Willkommen, willkommen", rief ihm der Rabbi und testen Frau entgegen, und zogen den späten Gast zn einem Sitze hin. „Mußt wohl unsre Gedanken «rrathen haben. Gar :rübseltg find uns're Herzen gestimmt und heilend' Balsam sollst du thnen bringen durch deine Fröhlichkeit. Wo kommst du f er?" £ „Wo komm' ich her? Laßt mich'» bedenken. Doch nein, woher ich komme ist Nebensache, wo gestern ich gewesen, lavon wollt' ich mit dir sprechen und de»halb komm' ich auch hierher. Ich saß im Wirtvhau» drüben, so ganz allein, ganz allein > in einem Winkel und dachte der Vergangenheit." „Unrecht war die» von dir, Hab' dich so oft gemichnet, k du mögest nicht allzusehr dich überlasten der Erinnerung." ,Hch dachte der Vergangenheit", fuhr Joel fort, al« hätte j-, . et dir Worte de» Rabbi überhört, „bei diesem Denken fie! auch £ sie mir ein. Hab' grad wie du Rabbi in der Laubhüte ge- V festen, grad so wie du an der Seite eine» schönen, gelebte« Ü' Weibe», und diese» Weib, Rabbi — O Rabbi, wann wird i der Schmerz, da» Weh denn endlich au» meinem Herzen ziehen» wann wird e» todt und leer!? Daß nimmer ich mehr denken, fühlen muß, von dieser Welt nicht» sehe mehr und ewige sinst're fc. Nacht «ich umschließt. Muß denke«, immer wieder denken, nur an sie, an fie, die mich zu dem gemacht, wa» heilt' ich £ hin, „der Hochzeit»narr, der Leute Spott und H rhu." % „3*11 Wie so oft schon sagt ich dir, Bergangen,» laß jf\ - vergangen sein." j ,H»ann ich denn, kann ich denn? Bergangeue» ist ver- ** gangen, wenn in der Fern« man die Zukunft schaut! Für s! »ich giebt« aber keine Zukunft mehr» nur da» Grab allein? ist », wornach sich meine Seele sehnt, drum kann ick auch «immer mehr vergessen."? „3*1!" „Sieh' Rabbi, du warst mir stet« ein Freund, «in treuer Gb\ Freund, selbst in der schwersten Stunde meine» Leben», al» mt, ich schon nicht mehr wußte, wa» recht, wa» nicht. Alk «ich M der Wahnsinn schon mit seinen gierige« Krallen z» erfassen W^drvhtr, al» ich vor Schmerz und Grimm schier zu wrgehen meinte, da richtetest d» «ich wieder ans, du »achtest wiedet zum Menschen mich, da ich bereit» zum Thier herabgrsunke» war. Damal» Hab' ich'» geschworen zum Allmächtige», der über dem Sternenzelte friedlich thront, zu vergeVeu all' di« Lieb« dir und würde e» auch moin Herzblut kosten." „Laß /ei«, heute ist Hütteufest und all' die traurige» Gedanken» wir wollen fie beiseite laste». Sie haben auch vorher mich übermannt, e» ist wahr, ich konnte mich ihrer nicht erwehren." „Ein netter Narr bin ich, nicht wahr! Verderb« mit meinem Grie»gram anderer Leute Frohfiun, statt zu erheitern fie. Laß mich fort, sag' ich. bi» kein froher Gast, kann nimmer heut' meine toll« Laon« finden, muß doch immer nur an fie denken." „Trink' Dein", sagte der Rabbi und reichte ihm «inen Becher, „verscheuchen wird er Dir die bösen Grillen, und Fröhlichkeit zieht dann ein in Dein Herz." „Fröhlichkeit! meinst Du", lächelte 3*1 trübe und ergriff den »Zecher, „meinst Du? Hab' in der Schenke drüben gestern getrunken, allein nur trübselig« Gedanken erzeugte mir der Wein, doch Ist Dein Rat nicht schlecht. „Sin lange» freudig Leben denn Dir und den Deinen!" rief er und leerte de» Becher» Inhalt. „Dank' Dir, J*l, und jetzt erzähle frisch darauf lo», wa» giebt e« Neue» in der Welt?" „Wenn ich erzähle, wa» «» Neue» giebt, müßt' ich da» Alte wiederholen, und machst Du auf Lustige» Dich gefaßt, so wirst Du arg enttäuscht. Doch Neue»? Mein Kopf ist manchmal wirr und die Gedanken laufen mir davon, »'ist eine Folge noch vcn jenem Streiche, der mich in'» bessre Jensett» sollte senden. Hast Du davon schon gehört?" i.Der Mann drüben er ist krank geworden. Weiß Sott wie die« kam. Don Samuel hatte de« Unwetter» wegen, Zuflucht gesucht im Hause drüben. Kaum hatte er jedoch die Stube betreten, so stürzte der alte Mann ohnmächtig zur Erd« nieder. Ein Wunder ist'« wohl nicht. Gar viele» schwere« Leid hat er auf Erden schon mitgemacht und Gram und Kummer zehrt an seinem Leben. Muß heute noch hiuübergeh'n. E« thät' mir wahrlich leid, sollt' schlimm e» stehn mit ihm. Ich Hab' fl« lieb dir beiden Alten, und wahrlich, rin beff're» Loo» hoben fie verdient. Doch nicht da». Ich Hab' bereit» erzählt wo >tch gestern war. Ol fürchte nicht, daß abermal» ich beginne von früh'ren Tagen, alten Geschichten. Rein. Zwei Männer Hab ich dort getroffen, die leise miteinander flüsterten. Ich könnt'» nicht hören und nur abgeriffen drang ihr Gespräch zu mir. Doch schwören will ich'« auf die Thora, nur Unheil planten sie. Und weitzt Du, wer die Beiden waren! Die Bube« stehen im Solde der Königin und in seinem. . . Und fremd« Söldner saßen dort zt Gast, die an. gekommen waren au» fremden Landen, stch rühmend aller der Gräuelthaten, die fie bet Judenmetzeleien verübt. Die» wollt ich Dir mittheilen und deshalb kam ich hierher." .Hast recht gethan, 3*1", sagte der Rabbi, ,^ar ernst ist die Gefahr, und da» Unheil, da» längst wir ahnten, ist eingezogen in unsre Stadt." „Hör' Rabbi jetzt de» Narren Meinung. Recht magst Du wohl haben, gefährlich ist dt« Sach«, doch nicht so wie Du es meinst. So lange Don Pedro auf dem Thron, hörst Du. so lange haben wir von diesen Leute« nicht» zu fürchten, weil sie machtlos find. Drum droht, so glaube ich, de« König und Don Samuel di« Gefahr. Sind diese erst beseitigt, ja freilich daun getrauen stch die Wölfe hervorzukommen au» ihren versteck, um herzufallen über an». Wir stad daun eine gute Beute. Drum gilt e» erst die Beiden vor der Gefahr zu bewahren." „Die» ist ein Lichtstrahl, der da» Dunkel schwinden macht", rief der Rabbi, „ja. Du hast recht. Ter Anschlag muß gegen den König und Don Samuel gerichtet sein." „Für alle Fälle, Rabbi, trachte dahin, daß uofn Glaubensgenossen sich wehrtaft machen. Ein Helm» ei» kl aozer, «ine