Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 39 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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begriff nur, fein Papa wollte fortfahren, und da» war th« niemal» recht. Han» aber haschte nach seine» Sater» Hand nnd drückte fie argen fei« weiche, volle Ktuderwanae. — .Lieber Papa/ plauderte er »Srtlich, „wir haben ja noch Dich!' Hatte die junge Frau einen uu«u»gesprochenen Vorwurf au» den Worten de« Knaben herau»gehört? — Sie war wieder in da» Nebenzimmer geeilt und stand au der Wiege ihrer Tochter, al» ihr Philipp nachkam, um ihr Adieu zu bieten. Kühl und unbewegt ließ fie fich von ihrem Satten die Sttrn küss». Philipp wollte ein paar versöhnliche Worte sagen, aber sie wehrte hastig: .Laß, Du weckst mtt da» Kind, e« wird so heute Nacht keine Nutze haben.* Da« verdroß Philipp auf» ne«, er nahm den Reisesack über den Arm und ging schnell hinau». Amalie wartete, bi» fie seinen Schritt verhallen hörte. Bon ihrem Platz an der Wiege au» konnte fie durch da» Fenster auf den Hofraum sehen. Jetzt rollte der Wagen in den mit Büumen bepfiazten Hof, Philipp sprang in da» Gefährt, einen Moment stand er aufrecht und warf nach de« Fenster noch ein Wort und einen Kuß hinauf, Amalie that al» bemerkte fie e» nicht. Run war der Wagen fort, Frau Amalie lehnte den Kopf auf den Wiegenrand und begann wieder zu weinen. Jetzt überleg« fie fich'», fie war die .allerunglücklichste* Frau auf der ganzen Welt. .Rein, da« hatte fie nicht uüthig gehabt, da« nicht." Sie war ein reizende» junge» Mädchen gewesen, wie hatte mau fie immer verhätschelt und verwöhnt. Auf dem einzigen Ball, den fie al» Siebzenhnjährige mitgemacht, hatte fie beim Kotillon zwölf, sage ein Dutzend Bouquet» erhalten, und rund zwölf Verehrer wußte fie aufzuweisen, und da» will -etwa» bedeuten in unserer mänuer» armen Zettl Freilich richtige, ehrliche Freier waren nicht zwei darunter, denn ihre Schönheit war Matchen» einzige» Hab und Gut. Amalte wurde tu Berlin im Hause einer Verwandten erzogen, und^diese Tante, ei« geizige aber weltkluge Frau, sah e» außerordentlich gern, daß sich der ihr durch allerlei freundschaftliche Beziehungen gut bekannte Philipp Dann, ein reicher Mann au» der Provinz, der oft zu« ©n« kauf nach Berlin kam, sehr eifrig um Molchen bewarb. E» gab viele kluge Leute, welche sehr eindringlich beiden Parteien die Nachteile dieser Verbindung darzustellen wußten. Schon, daß da» lebenslustige Molchen nach einem Nest im Posen'sch« heirathete, war ein Gegenstand unaufhörlichen Spotte» für die guten Bekannten. Und daun hieß e»: Philipp ist ein ernster Mann und hat zwei mutterlose Knaben zu erziehen. Die hübsche, oberflächliche Amalie versteht vom Hau»wesen nicht«, und die Kinder »erden ihr ja sch«ll im Wege sein. So zischelten die Uebelwollenden und Neidischen, Die Wohlmeinenden dagegen zogen die Sttr« fron» und meinten: E» ist ein böse» Vergnügen, Stiefmutter spielen. Solch' harten Sack auf den weich» Nacken zu laden» käme da»^arme Mädchen noch in zehn Jahren zurecht. E» zeigte fich, daß Freunde und Neider allzu düster orakelt hatten; dmn da» erste Jahr ging» die Dinge ganz charmant. Philipp trug sei« junge Frau auf Händen, und Malch» strahlte wie ei« {feine Königin und führte Hauöscepier mit gaoandter Hand. Ja, selbst die Fineff» und die spitzfindige Wissenschaft eine» rituell» Haushalte» erlernte fie im Handumdrehen, und der frommalldibige Philipps der alle religiös» Pflicht« gleich ernst und streng «chm, Knute mtt seiner gelehrigen, klein» Wirtin, die in Hause der Taute uach Art der Berliner Jud» sozusagm kein» käschern Biss« gekraut, durchaus znfried» sein. Außerordentliche Freude hatte fie nun au all de« Wohlstand, d» fie nun ihr eigen nenn» dürfte. Philipp beschenkte fie mit d» schönst» Kleidern, mtt kostbare» Schmuck, da» arme Mädchen, da» unter der Anfstcht einer knauserig» Alt» mühsam und künstlich sein bisch» Putz znsammengestellt, konnte jepi am Ar« ihre» stattlich« Raune» tu geschmackvoller Toilette sich zeig» und d» Neid anderer Frau« in die Aug» stechen. Uebrigeit» war Malch» ein ante» Manu au» .Herzensgrund und spielte mtt den beid» Knaben wie ein geoße» Mädchen mtt sein« Puppen, fütterte^ fie auf» beste und putzte fie auf» niedlichste heran» und wenn' die beid» klettren Kerlchen, wie zierliche Matrosen gekleidet, de» Nachmittag» an ihrer Hand spazier» ging» und um dieH Wette: Mama! Mama! rief», da hatte die junge Frau au ihn» ei« besonder» stolze Freude. Ein Jahr darauf wurde Amalte Mutter eine» Mädchens.' Leider verfinsterte diese» fr»dige Ereignis die Situation sehr" stark zu Ungunst» der klein« Knaben. Da» Nengeboru. bedurfte so viel Abwartung und Pflege, da blieb wirklich keine Zeit, die groß« Jung», btt schon recht gut hält» selbständiger sem köunm, länger zu verwöhnen. Nicht, daß die Kinder veruachläffigt wurden» behüte! Sie bekam« ihr Eff» und Trink» wie zuvor, nur bildet» fie nicht mehr d» Mittelpunkt de» Hause», wie ehedem. Kinder besitzen oft ein' außerordentliche» Feingefühl; die beid« Bübchm hatt» e» s bald heran», daß die Freundlichkeit der «um Mama, leichtwie edi Bei«t Sommervogel davon geflogen. Desto inniger vs klammert» sie fich an ihr« Papa, der war ihr unbestritt«» Eigentum und mußte herhalten und anrhelfen, wo fie fich in ihr« klein» Ausprüch» verkürzt glaubtem Han», der ältere war ein außerordeuttich kluger Junge, er bemutterte und pflegte dm klein» Harry mtt rührmder Zärtlichkeit. Amalie, statt die Besonnenheit und Fürsorge de» Knab» anzuerken«^; wurde ihm fast darob gram, sie verargte ihm sei« Klugheit,^ nahm diese für Hinterlist und glaubte: Han» spiontre und klatsche, wenn er in aller Unschuld dem Papa diese oder je« * Beobachtung anvertraute. Daß der Knabe oft nur d» Mederschein ihre» eigen» Wesen» znrückspiegelte, merkte sie nicht. vor einiger Zeit war fie wieder einmal mit d» Kinde»' spazier» gegangen, Han» und Harry Hand in Hand voran»,; neben ihr die Amme, da» Baby auf dem Arm. Ei« Berliner, Bekannte, btt just besuchsweise nach der klein» Stadt einmal s verschlag» war, war ihr begegnet, hatte fie begrüßt und freundlich verwundert, Malch», die sie von Jugend auf kaunt, al» Frau und Mutter wiederznfindm. .Die» sind Ihre Kinderchen?* hatte die Fremde teilnehmend gefragt, nein!'' antwortete Amalie abwehrend, »nur da» Ei« ist mein.» Am selb» Abend, da Han» sein» Elte» gute 5 bieten sollte, faßte er sein« Vater stürmisch u« d» und sagte heftig: .Nicht wahr, Papa, w»n fie dich wie viel Kinder du hast, du sagst drei!* Philipp verwundert von de« Knaben auf sei« Fran, Amall» glühmde Rüthe in» Geficht,. jetzt war sie. überzeugt, daß tu dem Jung« ein Hauptfetud hinterhergehe. Gereizt und j süchtigt ctgrtff sie die Offensive und begann Han», der türltch Unart« zeigte, wie jede» andere Kind, schärfer auf I Finger zu sehen. Wo fie i« Recht schien, ließ ihr Mann seufzend gewähren, al» sie sich aber Unterfing da» Kind zu plagen, erhob Philipp Einspruch dagegen, einmal aber sä und fest .Laß mir dm Han» tu Ruhe," rief er, .Du: ihn ganz wirre durch Dein nuabläfftge» Strafen. Der , sieht schon auf seinen eign» Weg, der kann nicht miß er hat von seiner Mutter ein vorzügliche» Herz.* Da»' dem Faß den Bod» au». Wie die Mehrzahl junger Fra konnte Amalle e» nicht vertragen, wenn ihr Manu ein spendete, da» ihr nicht galt, von Ander« wußte er i» viel Rühmen» zu «ach»! Noch «ehr wie sei«Wortes fie der weiche, sehnsüchtige Ton, mit de« Philipp von Tot« gesprochen. .... Ja, er liebte fie wohl immer? Amalien» bemächtigte fich ei« nagende, Eifersucht auf die Tote. Hebmllch, aber um so an»d unternahm sie ein» klein« Feldzug geg» alle alt« Porzellansticke und die kleinen, unschuldig» Andenk», ' der verstorben» stammt». Schlau und vorsichtig, ol de» Man« als Verschwenderin zu bestehen» gestaltete1 dem Vorwände zu modernisieren und zu verschöne»