Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 38 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 3)
- Language
- German
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Unter andere« bedauerte «ein Kollege }«ai die /frohen Excefle zu Kolin; allein ich glaubte in seinem Benehme» ae gewisse Reserve bemerkt zu haben» al» diese» Thema auf« Tapet kam. Ich fühlte ihm auf den Zahn, den» e» interessierte mich in erfahren, wa» dieser freifinnige Mann von der Butge» schichte hatte, die den Hintergrund der Koliner Affaire lildet. Er zögerte anfang» und suchte Su»stüchte — uustrettig be»* halb, um mir durch seinen diesbezüglichen Argwohn »ich: weh -u thun. Endlich rückte er aber dennoch mit der Färb, her« au«. »Ich kann mich-, — sagte er, — »leider de« verdachte« nicht erwehren: an bejp Ritual.., ac) wie soll ich e« eigentlich bezeichnen?" — »Ritualmord- — ergänzte ich kaltblütig. — »Meinetwegen- — setzte der College fort, — »nennen wir e« so. Mt diesem Ritualmord: als» kann ich nie in'» Reine kommen. Gern glaube ich, dc.ß die -aufgeklärten Israeliten mit diesem gräßlichen EulluS nichtgemein haben, allein wenn ich an die finstere, fanatische und infolge unmenschlichen Drucke« von allen Seiten geg:n die ganze Welt haßerfüllte Masse der Juden denke, da muß ich denn doch zweifeln, ob wirklich die schwere Blutbeshnldi. -gung ganz grundlo« sei. Steckt doch ein Keim der Wtchrheit in jeder Sage: warum sollte gerade hier eine Lu-uahme bestehen. Die dunkle Stelle au« dem Talmud» auf welche Rohling aufmerksam macht, kommt mir nicht an« dem Ein»; der Eid, den er aubietet, giebt mir viel zu denken. Die n:uesten Enthüllungen Deckert'» haben mich schon entschieden in Verlegenheit gebracht. Ich gebe viel darum, wenn ich über Diesen Gegenstand volle Klarhett erlangen könnte. - W'.r schwiegen, er blickte zu Boden, denn er w«gte e< reicht, mir in» Gesicht zu schauen. Endlich unterbrach ich da« Schweigen. »Höre Freund — ich will Dir All,« verraten; aber Du darfst e« nicht weiter erzählen; Du b:greifst doch, e» kännte mir theuer zu stehen kommen. - Der Kollege drückte mir verständnisinnig die H«ud; er «erficherte, da» Geheimniß, welche« ich ihm auvertraueu sollte, hi» zum letzten Athemzuge treu in der Brust zu betrahren. »Run so höre- — begann ich im Flüstertöne. — »Ob •c» wo vorgeschriebe» ist, habe ich uie eruire» können; k ber ich war Augenzeuge einer.nun mein Gott Bi nenne ich e»? — ... einer solchen Blutscene — und da» genügt doch.- Der Kollege konnte eine Bewegung nicht unter drücken. ,,E« war vor zwanzig Jahren-, — fuhr ich weiter — »,ich steckte damals in den Kinderschuhen. An einem hettern Nachmittage, ungefähr eine Woche vor dem Feste de» ungesäuerten Brode», rummelte ich mich mit einigen Spielkameraden im großen Hofraume heran, welcher durch einer Holzplanken vom nachbarliche» Wohnhause abgegrenzt war. Die «deren Kinder gingen nach und nach zn» Abendbrot nach Hause. Ich blieb allein zurück. Da hörte ich au» dem nacht arlichen Hofe ei» eigenthümliche« Stöhne». Ich lief zum Planken und blickte durch eine Ritze. Wer beschreibt mein llntsetzen, al» ich vor diese» »einen eigenen, leibhaftigen Augen eine... jawohl, eine richttge Blutscene fich abspiel«, sah." „Nicht möglich!!" — sagte der Kollege. „Geduld!" sprach ich, „denn — ich bin noch nicht zu Ende. — Ich erblickte, wie gesagt, selbst die Schaudersceue und will sie Dir getreu beschreiben. Da» Opfer lag gefesselt auf dem Grase. Zwei Juden» beide in langen, ftttige«: Röcken, mit de» unvermeidlichen Schmachtlocken an den Schläfen und den spitzzulaufenden Sammtmützen auf de» Haupte, kauerte» mir aufgestülpten Aermeln daneben. Der eine hielt in der Linken ei*e brennende Kerze, die ein fahle» Licht auf da« widerliche Bild warf; mit der Rechte» drückte er de» Kopf de» Opfer» fest zur Erde. Der zweite Jude hotte ,iu« bea Busen ein lange», breite» und scharfe» Messer hervor und prüfte e», indan er damit ei» Haar in der Lust spaltete, ergriff er da» arme Opstr an der Kehle, sponme die nnd führte einen rasche« tiefe« Schnitt. Ein Slutgnell speautz hooau«. Der^'Jnde Usg da« Blnt i» fine« Schaß» auf, indem da» Odfer uttt gebrochenem Rüge »r röchelte. - .Um Gotte«»illeu" — rief der Beamte, — .wer war den» da» arme Opfer diese» fanatische» Wahne«?" »Ein Kalb-, erwiderte ich in aller Gemütsruhe. Der Kollege lächelte; aber er hiett sein Besprechen, den» so viel mir bekannt ist, hat er meine Enthüllung nicht weiter kolportiert. Nabbiwische ^ommctbritht. An Harr» U(dii<««Mli Dr.«. in fietli«. II. Daß die Vorwürfe Deine» Briefe« gegen!*n Stand der Rabbiner in ihrer Allgemeinheit falsch und ungerecht find, wirst Du mir schon deshalb zugebeu, weil auch hier wohl die Regel nicht ohne Ausnahme sein wird. Ich will ober zur Vereinfachung der Diskusfion soweit gehen, von diesen Ausnahmen abzusehen und Dir darin Recht geben, wie die üb.igcn find und wie sie sein sollten. Indessen, wenn wir nicht in anti» semittsche Logik verfallen wollen, so haben wir zu stagen: Wodurch find fie so geworden und warum müssen sie vorderhand so bleiben? Betrachten wir also die gewöhnliche Art der Vorbereitung zum Stande eine« Rabbiner«. Ein Jüngling hat da« Abiturienteuexamen bestanden und entschließt fich au» Neigung, milbestimmt durch Familientraditton und ein bewun» beite« Beispiel, jüdische Theologie zu studieren. Wenn er nicht außergewöhnlich gut beraten ist, wie ich ,« zum Glück war» so tritt er iu ein Rabbinerseminar ein. Ich bin nicht so abergläubisch, bei diese« Worte, da« vielen gleich dumpfe Klosterluft entgegenweht und bei welchem fie au Gewfleasknechtung, LerstandeSknebeluug, mönchische Leben»dresiui zu lenken gewohnt find, zu erschr-cken, auch bin ich geneigt, viele» von den ungeheuerlichen Schilderungen, welche mir manche Zöglinge dieser Anstalten gemacht haben, für Uebertreibung zu halten, Aber allerdings scheinen fie mtt die Erfahrung zu bestätigen, daß jede« Äminar schließlich in Einrichtungen und ilnterricht dem Marasmus verfällt und ein Sumpf wird. So hörte ich von gar vielen über da« nach Inhalt und Imfang recht dürftige Wissen klagen und die offiziellen Angaben scheine» ihnen iu manchem Recht zu geben. Sie bekäm.m, klage» sie, den Eindruck, al» ob mit dem 13. Jahrhundert alle Wissenschaft aufhöre. Bi« dahin führen die Proben der Bibelexegese, bi» dahin die Religion»philosophie, bis. dahin (lache nicht!) die — Kalenderkunde. Diese „theologische" Wissenschaft scheint für nöttg gehalten zu werden, um die „Zc icheu der Zett" zu »erstehen. Am härtesten käme ihnen da» Talmudstudin« an, wa» ich ihnen gerne glauben will, denn z»> meiner Zett fing man mit den Kenntnissen an, mit denen man jetzt «nrfhört. So verschlinge e« ihre beste Zeit. Ta; .äglich fordere e» mehrere Stunden und doch kämen fie wegen de» unsystematischen Betriebe» nicht weiter. Sine Seite nach der andere« würde heruntergewürgt, ein Blatt nach dem anderen umge» schlage» und doch gestehen fie, auk die einfachste Frage eine» Laten keine Auskunft geben zu können. Ar fgefordert, die Zett eine» Talmudlehrer» anzugeben, dessen Rrmen fie vielleicht tausendmal au»gesprochea, wußten fie keinen Bescheiß. Mt den schwierigsten talmudischen Begriffe» beständig B«8 spielend» können fie von keinem eine klare Definition gebe» und stolpern oft über eine einfache grammatische Form. Die» - mag wahr sein oder nicht — so kan» e» auf keinen Fall gut sein, wenn der junge Theologe sich jahrelang mtt eine« Buch fast ««»schließlich beschäftigt, da«, von all« ander« abgesehen, ungeheure Gebiete geistiger Kultur völlig ignoriert. Die« gilt noch vielmehr von Schulchan-Aruch, gegen de» da» einfache Talmudstudium nur eine Art Fibellese» ist. WaDdar Jüngling darin mit dem höchsten Aufwand geistiger ftrafi studiert, find immer nur die Themata Weisch und Milch und Milch und Fleisch. Jahrelang kan» der Theologe, d. i. ans deutsch Gorte»gelehrte, in diese« Buche forsche«, ohnann.