Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 38 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eia Jahr darauf begegnet« ich ihr auf einem der ein» samen Tourisstinoege einer GebstgSpartst bei einer der Sommerfrischen in der- Nähe Wien». Sie war allein und weit und breit keine Meuschenseele, ich konnte mir'» daher diesmal uicht versagen, sie zu grüßen. Sie reichte mir die Hand und schien nicht» dagegen zu haben, mich mit ihr in ein Gespräch einzulaffen. Noch immer war sie wunderschön, wenn auch unverkennbar abgehärmt. Auf meine Frage, wie es gehe, seufzte fie und wie um ihrem gepreßten Herzen Lust zu machen, fing fie nach einer Weile von selbst an, mich über ihre Verhältnisse aufzuklären. »ES ist ein Unglück", sagte fie, '„wenn ein arme« Mädchen wegen ihrer Schönheit an einen reichen Mami kommt. Gr glaubt erstens ein Recht zu haben, die Frau mit seiner Eifersucht quälen zu dürfen. Hat er fie doch erworben, so ist's, wie ein Pascha eine Sklavin erwirbt, und zweitens ist ja der Reichtum, für den das arme Mädchen fich an so einen Mann hängt, um ihre Existenz zu fichern, ja oft nur Schein und am Ende iü das arme Wesen gekettet an eineu Tyrannen, der noch dazu nicht einmal im Stande ist, fie vor materiellen Sorgen zu schützen." Sie unterließ eS, diese allgemeine Bemerkung speciell auf fich anzuwenden; aber ich verstand fie. Ich erkannte e» übrigen» an ihrem Aeußeren, fie war nichts weniger al» fein gekleidet, obwohl fie trotzdem vrrnehm aussah, aber fie wäre die» ja auch, wenn fie in Lumpen gehüllt gewesen. Wir gingen eine Strecke WegeS nebeneinander. .Mein Mann," sagte fie, »hat jetzt wirklich einen AnhaltSpuott gefunden, meine Ehre zu verdächtigen. Jüngst kam er eine» Abends nach Hause und stürzte wie rasend in mein Zimmer." »Weib", schrie er mir zu, »Du warst, ehe ich Dich heiratete oder vielleicht gar während der Eh« eine nichtsnutzige Person. Ich war heute in der . . . Kirche bei dem Leichenbegängnifle eine» christlichen Freunde» uud habe dort Dein Bild gesehen, alS die heilige Maria. Du mußt einem Maler als Modell gesessen haben uud mau weiß ja, wa» Modell« find." — Uud dabei lachte er so grausam, daß mir da» Blut erstarrte. ES war daS erstemal, daß ich log uud falsch schwur, um de« Friedens Wille». Ich beteuerte, daß ich r.t« al» Modell gesessen, konnre aber den Wurm in seinem Herze« doch nicht beschwichtigen, und ich habe seitdem mehrmals schon Anspielungen darauf zu hören bekommen." Ich sprach mein Bedauern au», daß mittelbar auch ich au ihrem Unglücke schuld sei. Sie wie» aber mein Bedauern sofort zurück. »Nein," sagte fie, »mein Mann thut mir weniger weh mit diesem Borwurfe, als wean er mich mit grundlosen Eifersüchteleien quält." Bald erreichten wir die ersten Häuser de» Dorfe», wo fie ihren Sommeraufenthalt hatte. Hier trennten «st uu» und ich sah ihr lauge nach, mit welcher Würde fie durch da» Dorf ging. Wieder kamen mir dabei Entwürfe für biblisch« Bilder stl den Sinn. So z. B. tas der RaSmi in ihrer Trübsal »ach ihrer Rückkehr nach Bei hlehem. Bon nun au interesfiert« mich Rebekka ihre» Uuglück» wegen. Ich lstß von Zeit zu Zeit unauffälliger Weise Erkundigung« über fie eiuzieheu uud veruahm jedeSmal zu meii-em tiefste« Leidwesen, daß die makerstlleu Berhältuiffe ihre» Manne» immer mehr bergab gehen. Einmal fuhr ich durch die Wippliugerstraße und bemerkte «iü meinem Wagen eine wetdliche Gestalt, die au deu Häusern dahin eilst — e» war Rebekka. Unter de« Ar» hstlt fie ein Bi^^el, da» fie mit ihrem Ehawl zu verhülleo suchte. E» waren wohl dst letzt« Werthobjekte. d e fie in eine Pfandleihemftalt trug. Ich fürchtete, fie zu beschämen, wenn ich ihr nach-ilte uud «eine Hilfe oaböst und «uterlteß r» daher. Dann kam. da» Jahr de» großen Krach». Bei demseL« mußte der Man« Rebekka'» ganz zusammeugebroch« fei», daß er selbst nicht »ehr deu Schein der Wohlhabenheit wahr« kannst. Al» ich einmal wieder Erkundigung über sie einzsthe» wollte, wohnte fie nicht mehr in derselben Gaffe und alle meine Recherchen mach ihr war« vergeh«». Sst verschwand auch allmählich au» meinem Gedächtuiffe, bi» mir fie der Zufall wieder nach einige» Jahr« vor Augen führst. E» war im Bereich« eine» der äußerst« Vororte. Um Bolk»typen zu studier«, besuchte ich «iue» Tage» eines der groß« Gasthäuser daselbst, wo nur dst unterst« Klaffen ihr Rmdezvou» haben. Da stat eine Haufierrriu mit ihrem Tabuleti an de» Tisch, wo ich saß. Ich erkauutr Rebekka. Ihre Züge war« noch immer schön, aber e» war dst Schönheit einer älter« Frau, die, wie die Abendsonne, nicht mehr erwärmt. Und doch war fie »och uicht dreißig Jahr alt. Auch fie erkannte mich, der einst ihre Jugend verewigt hatte. Lächelnd unter einer zerdrückt« Thräne sagt« fie: .Nicht wahr, jetzt könnte ich Ihnen nicht mehr Modell fitz«? Mt uns ist «» soweit gekommen, daß ich Mann und Kinder ernähren muß." Ich war vor Rüh«ng fast keine» Worte« mächtig. Daun stotterst ich eine nichtssagend« Phras« von Trost und Hoffnung auf bessere Zeit« und öffnete mriue Brieftasche, im Begriffe, eine alte Dankesschuld abzutrag«. Al» fie die» bemerkte, wandt« fie fich mit einer schroffe» Wendung von mir ab, dem nächsten Tische zu, uud bald darauf verschwand fie i« Menschen» gewühlr mein« Augen. Sst hat wahrscheinlich schnell diese» Lokal verlaffeu, um mir nicht wieder zu begegn«. Ich habe fie seitdevi auch uicht mehr gesehen und wallst sst auch uicht mehr sehen, um nicht neuerdiug« ihr Zartgefühl zu verletz«. Wen» ihre Kinder fie nicht schon versorgt«, wir e» ja bei d« Jud« fast immer der Fall ist, geht sst gewiß noch heute mit ihre« Tabulett von Gasthau» z« Gasthau» hauster«. Der Mastr konnte bei Erzählung der Geschichst diese» Modelle» eine tiefe Bewegung nicht verberge». .So ehrbar bleibt selten ein Modell," schloß er seine Erzählung, »di« meiste» end« im Spital, im Gefäugui« oder im Winkel einer verrufenen Gaffe, auf de» Pflaster de» Hause«, in da» sst eiugestrt«, nur dir Frau« Are» Stamme» find so stark, selbst dst Pforten de» Laster» zu überschreit« und rein zu bleiben." Ein Mttualmorrü. «Ml F. t» L. Wir saß« fröhlich bei« schäumend« Glase Bier, mein Kollege uud ich." Er war kein Jude, aber ein gustr Jung« uud -in freifiuniger Kopf, darum veß er sich auch tu der Gymuafialklaffe herbei, mit deu jüdisch« Mitschüler» intim zu vertehr« — ungeachtet der Borwürfe, welche ihm sei« Frau Mama darüber machte. H«st ist er wohlfitustrstr Beamter in einer autonom« Behörde. — Nichtsdestoweniger hat er noch bi« jetzt dst ave» Schrulle« nicht ganz abgestretst; er sucht mich uämlich von Zeit «Zeit auf, um mit mir ein Stündchen gemütlich zu verplaudern. Soeben fand er mich im Stadtparke. Er hing fich i» mein« Arm, erkundigte sich im Lustwaudel nach meinem Wohl-, befiudeu und versicherte mich wiederholt seiner aufrichtig« Lieb« ilchtnug. »Wenn alle Jud« so beschaff« wär«, wie Du» . . ." bemerkst der Kollege. — .Pah! ich bin noch uicht der beste," unterbrach ich ihn. — Ich Hab« uämlich etue unüberwindliche Sch« gegen dst' sog«auustu Au»uahm»juden; d«n dst sind bekauutlich dst. schlimmsten unter all«. 81» wir müde geworden, lstße» wir uu» bei eiue» Ttschoi der Parkrestauratiou ustder und bestellst» Bier. Wir absichtlich ei» Plitzch« absrit», um uicht vom Lärm bet j reich« Zecher behelligt zu »erd«; — ging e» uu» rum, dst Gedank« «ugestört an»zutauscheu. Rach gegenseitiger Mitteilung der jüngst« prioatrr Natur kam« «tt auf allgemeiur X