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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 38 (1893) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
38 (1893)
Date
1893-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Herau-gcgeben von Dr. «. «ah»er in Magdeburg: Aur Unterhaltung und Belehrung für die israelitische Familie. Mtbn Jur „Onrarltttfchrn jM-chrufchrtN" »ton nnOcfnpu wachvruck an» diesem »lnttr ist nutr-fap». - Die Einzelnummer kostet 10 bei der (ifoMblrton. Vorherige Anzeige! Im «un» Quartal werden wir eine große histo» rische, farbenreiche und spannende Original-Erzählung au« der spanischen BerfolgungSzeit der Juden. „Don Pedro und fein jüdischer Minister" zum Abdruck bringen, worauf wir . unsere geschätzten Leser schon jetzt aufmerksam machen. «in jüdische» Sittenbild """ Zur Zeit de« bekannten Berliner Sensation«p:ozeffe« gegen den Maler Gräfe wollte ich — so erzählt ein Maler ü, der öfter. «Wochenschrift* — vom sittlichen Stan»punkte über di« Frage de« verkehr« der Künstler mit Modellen schreibe» und habe mich zu diesem Zwecke viel in Künstlerkrrisen bewegt, von denen mir einer Nachstehende» erzählte: «Ich war gerade an der Arbeit eine« meiner anerkanntesten Bilder: Maria al« Augetraute Joses« in der Vision mit dem Engel Gabriel, nach Luca« 1, und suchte nach einem Modell. Al» strenger Naturalist wollte ich dazu nur eine Jüdin reinster Raffe, und weil bei den Orientalen die Mädchen schon mit dreizehn, cvirqeha Jahren verlobt wrrder, sollte «ein Modell tu diesem Alter stehen. Wohl stand dt: weib- . lich« Jdealgestalt, eine junge Jüdin, welch« zugleich die Heiligkeit und die Schönheit, die den Tischlern ihre« Stamne» eigen waren, darstelle« sollt«, in allgemeinen, dämmernd« n Umriffen vor meinem geistigen Auge — wo aber ein Modell sticken, da« so hohen Anforderungen an Gestalt wie Geficht«- züge zu entsprechen vermochte? Ich schlendert« wochenlang mehrere Stundende« Tage! in den von den Juden bevölkertsten Bezirke» herum, namentlich in jenen Theileu der Leopoldstadt, wo da« Quartier der polnischen Inden ist, fand aber nicht da» Erwünschte. Schon mißmutig über »-«in fruchtlose« Forschenbegegnete mir eine« Tage« zufällig in einer Gaffe, wo ich e« am wenigsten vermutete, ein Mädchen von vierzehn Jahren, noch mager und unentwickr t, aber 'gerade von einer so keuschen Schönheit und eidem so rühren- -deu Aubdrucke in dem schmalen typischen Gesichte mit großen stelenvollen klugen, wie ich e» für meine Arbeit brauchte. Ich hätte back «inen laute» Ruf der Freude gtthan, »l« ich plötzlich da« gehofft« Modell vor mir stehen sah; denn daß ' da« Mädchen gerne bereit sein würde, mir den gewünschter Dienst zu leiste», schien kaum zweifelhaft; ihre Kleidung war ärmlich und ttug den Stempel de« Elend» an stch, so daß ir auch in dieser Beziehung für. eine echte Verkörperung der »raut de» armen Zimme.-manne» von Nazaret gelten konnte. Ich sprach da» Kind an, und schon am folgenden Tage "sten «» in meinem Melier, begleittt von eine, alten haufiererin, die da« verwaiste Mädchen zu stch g, nomment hatte. Ich erkannte, daß e« der Eliten ein schwere» L »fer kostete, Rebekka — so hieß da« Mädchen — zu diesem Geschäfte herzugebeu, und ich gab ihr sofott ein hülche« Sümmchen, um ihr den Kampf zu erleichtern. Alsbald machte nun auch da« Bild rffche Forschritte und «»wickelte stch mehr und mehr zu jenem vollendeten Kunstwerke, al« welche« e« meinen Namen verbrrittte. E« war natürlich, daß ich auch an dem jmiaen Mädchen, deffen Züge ich verherrlichte, ein große« Interesse fand, urrsomehr al» ich erkannte, daß hier der Körper mit dem Geist« wirklich harmonierte. Ich beschenkte fie und unterhielt mich gerne mit ihr, wenn die Sitzung vorüber war. Da« Bild wurde autgestellt, fand allgemeine Bewunderung und endlich ei>2n Käufer um einen Piei«, den zu erreichen ich nicht ahnte und der e« mir ermöglichte, »ach Italien zu reisen. Nach mehreren Jahren meine« Auftnthalte« in Rom kehrte ich wieder hierher zurück mck au» Dankgefühl suchte ich mein Modell auf. Ich hatte Mühe, sie zu finden. Sie wohnte jetzt mit ihrer Pflegemutter in einem fashionablrn tzausc in der inneren Stadt. Sie selbst öffnete mtt auf mein iln läuten. Da« Kind war inzwischen zu einer wunderbaren Schönheit erblüht. Sie erkannte mich sofott und wurde leichenblcß. In höchster Erregung flüsterte fie mir an der Schwelle de« Vorzimmer» zu: «Ich bitte Sie, nicht weiter zu gehen, wenn Ihnen an meinem Glücke gelegen ist. Ich bin die Braut eine« reiche» Börsianer«. Seine Eifersucht hat kein« Grenzen; wenn er nur ahnte, wa« ich Ihnen war, er ließe mich sofott fitze« und ich wäre wieder da« arme Mädchen von früher, da» wochenlange hungern mußte, wenn e« sich ein neue« Klecks machen wollte. Eilen Sie weg, er hat mich mit Aufpaffer« umstellt!* Bon Herzen froh, daß da» Mädchen sein Glück gemacht hat, entfernte ich mich und nachdem ich kein weitere» Jntereffe an ihr hatte, vergaß ich fie auch bald. Rach ungefähr zwei Jahr:» fühtte mich der Zufall wieder in dieselbe Gaffe; ohne daß ich mehr daran dachte, daß ich Rebekka hier zum letzten Male gesehen. E» war ein schöner Frühlingsvormittag. Alle Fenster dcr Gaffe waren offen und an einem derselben stand eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arme. Ich 'erkannte in ihr sofort mein Mrdell. Dieselbe «euschhttt und Heiligkeit im Gesichte auch al» Mutter, und. mit einem schmerzhaften Zug, der von seelishen Leiden ^ugte — eine Matta mit dem Jesu»kindlein auf dem Arme. Wie viel hätte ich dafür gegeben, wen» fie mir jetzt zu Modell gesefsen wäre! Ich fürchtete, stry» romprornittierer:, wagte nicht, meine» Blick an ihr haften zu laffe« und ging, oha« fie ,« vorbei. j i,. . •- „f?

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