Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 32 (1893) · p. Seite 124

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
32 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 124 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-8722848-5962286--2211-5376042
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Verleumdung. — Der nagend« Seeleuschaerz, der hestig in ihr tobte, hatte sie ans den Hügel hingestreckt, ihre Sinne mit wohlthueader Ohnmacht umnachtet. — Man hatte sie nach Hause gebracht, zum Leben zurückgerufen — und dann war sie in schwere Krankheit verfallen, Wochen- und monatelang lag sie kt-nk darnieder, bi» sie endlich al» gerettet bettachtel werden konnte. Biele Tage, viele Rächte hatte Reuben im Hause Jojakim» in Sorgen und Bangen zugebracht und immer wieder Hütte er die Rufe der Kranken, die sich fortwährend, von der Hitze de» Fieber« erzeugt, wiederholten. »Licht! — Licht!' rief die Kranke, »nicht so finster — so schaurig finster — wie im Grab«! — Rächt — ewige Rächt!' Reuben beugte fich über die Kranke, die ihn mit weitgeöffuttea Sogen aasah und in liebevollem Ton« fragte er fie: »Kennst Du mich, Rachel?' Uud die Lippen Rachel« zuckten und ihre großen schwarzen Augen vsfntten sich immer mehr. — »Sn Dttver Stimme erkenne ich Dich" antwortete sie, »Du bist Reuben. — Hab' Dank, Du Guter, für alle«, wa« Du für mich, für «n» gelhau. — Ich muß wohl lange, sehr lange krank gewesen sein, nicht wahr? — Warum schließt man aber alle« so sorgsam ab — warum ist alle» so dunkel, so finsttt — ich kann Dein Gesicht nicht schauen, Reuben — warum?!' Und goldig blendendhell strahlte die Sonne in da» Gemach der Kranken, bes hien ihr so schüne« Antlitz. — Und Reuben wollte ihr keine Antwott auf ihre Frage geben. — Er glaubte, fein Herz müsse vor Weh brechen. — Sollte er ihr denn antworten: »Du wirst immer Nacht und Dunkel um Dich haben, Rachel — denn Deine Augen find erblindet!?' 2. Kapitel. Bon jetzt au vermied man e» ganz offen, mit Jojaktm» Frau uud Tochter in Berührung zu kommen, man fürchtete fich vor dem Betttten diese« Hause» mehr al» vor einer Pesthühle und begegnete man den beiden Unglücklichen auf der Sttaße, dann wich mau ihnen schon vom weiten au». Mau konott fich nicht genugsam über die unbegreiflich« Langmut Gotte» wundern. E» war doch ersichtlich, daß der Allmächtige die ganz« Famllie Jojakim» für dessen Miffethaten züchtigte. Warum sandte denn Gott nicht einen gewaltigen Blitzstrahl zur Erd« nieder, um da» Hau» und dessen Bewohn« uud die durch Sünden erworbenen Rttchtümer zu vernichten!? Ja e» war bereit» so weit gekommen, daß gegen die beiden Frauen bös« Wotte fiele«, daß man ihnen sogar nah« legte, Jerusalem zu verlassen, damit Gott nicht etwa die ganze heilige Stadt für die Sünden eine» Einzigen bestrafe. Uud Jojakim» Frau war schon genttgt, dieser indirekte» Aufforderung Folge zu lttste», da trat jedoch die blind« Rachel dagegen energisch auf. »Mutt«', sprach fie, »wir bleiben» wo wir find uud niemand hat ein Recht an un» und niemand darf und soll un» von dies« Stätte verttttbeu, in d«en Erde mein arm« Bat« ruht!' Uud fie waren geblieben und ihr einzig« Berkehr beschränkte sich auf Reuben, welch« den beiden Frauen immer getreulich zur Sette stand. Ihr einzig« Verkehr! Eigentlich hätte e» so ganz ander» kommen sollen. Ehe Jojakim krank wurde, war defieu Tochttr Rachel »«lobt worden mü Aron, dem Sohne de« Geldwechrler» Ehaljo, und wennglttch sie fich hindurch nicht allzu glücklich fühlte, wollte fie dennoch de« Wille» und Wmssch ihr« Eltern «füllen. Und dann kam dir Krankheit und d« Tod und Aron ließ fich nimm« im Hause de» von Gott Gezüchtigten sehen; «st glaubte man, « trage denselben Haß gegen Jojakim uud dessen Familie in sich, wie so viele osbctt — doch bald sprach man ganz and«« hierüb«, wenn auch nicht öffentlich, so doch unt«einand«, uud diesem Gespräch« wurde dadurch Glaubwürdigkeit gegeb«», al» mau erfuhr, Aron Ehaljo sei üb« Befehl de» König» Salomo au« d« Prophttenschule au«geschlossen worden. Und der Grund hierfür» daß der weise und g«echte König solchen Befehl «ließ? Einige Mond« vor Jojakim'» Tod war urplötzlich ein« kleine Karawane in Jrrusaleu. angekommen. E» war wohl kttu« Seltenheit, daß solche» geschah und dennoch «regte e» diekmal Aufsehen, denn die Leute, fie redete« in ganz fremd« Sprach«, sie trugen auch nicht di« Kleidung, so wie fie im jüdische» Reiche gebräuchlich, ja e» schien, daß fie üb«haupt kein« Juden waren. Stt machten fich ansäsfig in Jerusalem, nachdem fie von der Obrigkeit die Bewilligung hinzu «halttn hatten. Ein große« Gebäude ließe« fie «richten inmitten «ine» Garten», dessen Au»d«hullng fich weit hinan» erstreckte und die Gemäch« wurden mtt einem Reichtum ttngettchttt, wie « nur btt Fürste« zu finden war. Und e» war auch ttu Fürst, au» fernem Lande war « gekommen. Au» Aethiopieu war Fürst A«monar mit sein« Frau Saida und dessen Tocht« Llmnera vnr dem Zorn« seine» Bruder», der dott König war, geflüchttt, nachdem « all seine Reichtümer glücklich g«etttt hatte. Läng«« Zttt war e» b«ttt». daß diese Familie fich in Jerusalem aufhielt und dennoch hatten fie mit den Bewohnern der Stadt keiu«ltt Bettehr und keiner von ihnen hatte die Besitzung de» Eremiten jemal» betrtten. Rur selten zttgten sie fich in Jerusalem« Straßen, doch w« fie gttehen, konnte nicht genug von der Schönheit Amn«a'», d« Tocht« de» Fürsten, «zählen. Auch Aron hatte fie ttne» Tage» gesehen und ein Blick ihre» dunklen Auge» war auf ihn gefallen und ohne zu wissen, wissen, wa» « that, schaute er sie au, »«folgte fie mit sttnea Blickes, bi» fie denselben entschwunden war. Diese kurze Spaune Zeit, wrlch« diese Begegnung dau«tt, war entscheidend gewesen für Aron'» ganze» Leben. Bon jenem Augenblicke an lebte er ein zwttfache» Leben. Frühmorgen» »«ließ « Jerusalem, schwttste draußen umh« im Gebirge ziel- und planlo», bi» « «schöpft irgendwo zur Erd« sank. Ja d« Prophetenschale zählte « nebst Reuben zu den h«vo«agendsten und besten uud gar manch« B«se uud Psalmen, die « geschtteben, wurden von König Salomo belobt. Rach jen« Begegnung hatte Aron keine Freude, keine Lust mehr an der hehren Dichtkunst, er war zum willenlose«, thatenlosen Träumer geworden,« geizte nicht mehr wie früher nach dem Lobe de» König» und nur ttu Wunsch war e», der fich in seinem Gehirn festgesetzt hatte — « wollte Amnna kennen lernen, mit ihr sprechen. Und al» hätte « diesen Wunsch nur zu denken gebraucht, um «füllt zu w«den, so wurde « vom Zufall« begünstigt. Auf sttnem planlose» Umherttreu ttaf er ttne« Tage» auf de» Fürsten, d« ohne Begleitung sich im Gebirge o«i«t hatte. Ja wenigen, kaum verständlichen Wotte» «suchte er Aron, ihm al» Wegwttser zu dienen, wozu fich berfelbc sofort freudig bereit erklärte. Uud fie gingen dahin, tauschten gegenseitig Wotte au», die wohl bttde kaum halb »«staudeu, aber die Einladung zum Betreten der Besitzung de» Fürste» verstand Aron gar wohl und nahm sie gar schnell ohne Bedenken an. Im Hanse wurden die Beide» von d« berettr besorgten Fra» de» Fürsten empfange» und gar hoch glühten die Wangen Amoera'S, al» sie plötzlich vor Aron stand nnd fich sofort an jenen Augenblick erinnerte, in dem fie ihn zum «sie» Male sah.; Und bald kam et wieder — und daun alle Tage und »«geffen war da» B«lüb«i» mit Rachel, vergtffen war alle» ring» um ihn, vergeffen alle», auß« dem kleinen Fleckchen, Erde» ans dem fich dir Besitzung de» Fürsten befand. Eine» Tage» war e» in die Oeffäülichkeit gedrungen, wie nnßte «an nicht—, daß Aron eins" 3 '««den««

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.