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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 30 (1893) · p. Seite 116

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
30 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 116 (sequence 2)
Language
German
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— 116 — „Und nxi^tli die«!?" Mt die gereizte Gegenfrage.' »Hast D« die Stadt «och nicht gründlich genug besichtigt, oder welch wichtiges Aaliegen sonst sollte Dich zn längere» Bleiden veralllassen?" „Ich ka«» Dir de« Grund zn diese« Berlange» vor» lä»fig nicht angebe«, bitte Dich aber trotzdem ihn gelten z» lasie». Die BerzSger»ng wird übrigen» ««schwer -» ertragen sein, da es sich höchstens «n zwei bi» drei Lag« heuchelt." „Run meinethalben," sagte er leichthin, „wiewohl die» -eheimoißvolle Wesen, wie jede Unklarheit, mir nicht recht behagt." _ Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag, holt« der Graf Elandine ab. Als sie, von ihm in den Wage» gehoben, in der Eeke lehnte, gewahrte sie di« Gestalt ihres heimkrhrende« Gatten, dessen scharfes Auge fie, trotz de» verhüllenden Schleier«, schon erspäht hotte. Doch jetzt griffen die dampfenden Rosse schnell aus und da» Gefährt war, ehe fie ihre Faffnng wieder gewann, de« Blicken de» tief Betroffenen entschwunden. Rach kurzer Fahrt zog der Lutscher mit einem Rucke an, die Pferde standen wie festgewurzelt vor dem Portal eines palastähnlich«» Hauses, der Bediente sprang vom Bock, öffnete eilig den Wagenschlag uns Claudine wurde von ihrem Begleiter «ine teppichbelegte Treppe hinan, durch ein« Reih« pompös ausgeftattete Säle, in'» Privatgemach de» Ministers geführt. I« diese« Raume, der dnrch stylvoll« Einfachheit von der Pracht der anderen Zimmer sich unterschied, wnrde fie, verwirrt, ihrer Sinne kau» mächtig, allei» gelassen. Die schwarzen Möbel, dir dunklen Tapete«, di« schwere« Draperien und der dicke, jeden Laut auffangend« Teppich, die in Schatte» gehaltenen Wandgemälde, alles ringsum athmete düster« Ernst und vermittelte euren dämpfende« Eindruck, der dnrch de« Eintritt de» Inhaber« diese» Geniaches noch gesteigert ward«. Sein« hohe, etwas dürre Gestalt, auf der ei« kleiner, aristokratischer stopf ruhie, da» scharf ausgeprägte Oval dieses nicht unschönen Gesichtes, der festgeschloffen« Mund, der da» Lächeln nicht zn kennen schien, der eisige Stahlglanz de» Auges» der ganz« Habitus de« Mannes paßte genau in den ihn umgebenden Rahme« hinein. „Graf H. theilte mir mit", sagte er, indem er mit einer leichten Handbewegnng hr einen niedrige« Kantenil anwie», „daß Sie dem Stmnme der Hebräer angehöreu; — säst nicht zu glauben", unterbrach er fich» sie scharf musternd, ohne daein Muskel seines Gesichte» in Bewegung gerirth. „Run trag« Sie mir iu knappen Worten Ihr Anliegen vor, denn »eint Zeit ist gemessen." Seine metallen« Stimme klang wie die Posaun« des jü^str» Gerichte» au ihr Ohr. Gewaltsam schüttelte sie de« Bam» ab, der ihre Seele gefangen hielt. „Iu knappen Worte»? Wie gern wollte ich Ihrem Befehl, Durchlaucht, gehorsamen. Doch ist es möglich, den Jammer von Jahrhunderten, den Protest gegen Unrecht u«d Perlen«, dnna in knapp« Wort« zu presse»? Mst wenigen Worten da» Emqsloerhältnt» zwischen Druck und Gegendruck, di« Rückwirkung tausendjähriger Sklaverei auf den Charakter eine» Volkes antzndeuteu?" „Wozu auch? E« ist doch schon so viel in dieser Sache gesprochen und geschrieben worden, daß ei» neuer Gesichtspunkt wohl schwer zu finden sein dürfte", sagte er mit «ine» leisen Aufing von Ungeduld. „Gestatte» mir Durchlaucht die Frage, ob dies« Sache trotz aller Wiederholnugeu und des verbrauchte« Rfistzeuges beim Angriff wie bei der Abwehr, der Lösung wesentlich näher gebracht wurde?" „Allerdings ist es nicht leicht» zu einer völigea lklärung zu ^langen. Ihre Glaubensgenosse» find ei» Volk, des, wie . dm deutscher Schriftsteller") richtig bemerkt»» sei« Hand gegen M» erhoben hat und Alle gegen es. Solch einem lkrebäschede» m gesunden Staatsköroer kann «ran dnrch ein« stellemoets« Ausschälung «icht beikomme», da der rückbleibende Thetl immer neue Wucherungen erzeug:: uud eia« gründliche Exstirpation ist ohne Verblutung kaum dsckbar. als» eine Unmöglichkeit." Diese grauswn-kühle Behandlung einer Frage, die die Existenz von Millionen Mensche» bedingte, trieb Elaudin« eiue Blutwell« zu stopfe. Tief empört rief sie mit leise vibrirruder Stimm«: „Aber kennen Sie auch, Durchlaucht, da» Volk, da« Sie »«bedenklich als «rankhrit bezeichnen, di« dem Staatsorgauis« »ms di« heile« sträfte aussaugt? ste««en Sie dessen historische Denkmäler» die auf eiue groß« Vergangenheit hinweist«? Habe« Sie dessen Wanderungen durch der Zeiten Wüste »erfolgt, sein« Bedrängnisse, stämpfe, sei« heroische» Ri«gen mit dem Haß. dem Verfolgungswahn, dem unerbittlichen Fanatismus? Haben Sie es je der Mühe werth erachtet, i» die Tieft dieser verwundete» Lolksseeft zu steige», an» der rauhe» Schaaft tiefster» durch jahrhundertelange st»echtung erzeugter Verkommenheit de» stern reine« Menscheothum» herauszulesen V Fürst B., der zwar »ach starre« Rechtsbegriffe«, da» heißt, was er als solch« erkannte, fich leite» ließ, i« Grunde aber nicht böse» Herzen» war, rückte etwa» unbehaglich im Lehnstuhl hin und her. „Gewiß ist es nicht immer möglich", begann er zögernd, „nach Rechtsprinzipien zu handeln n«d da» Zünglein der Waage im Gleichgewicht zu erhalten. Wir find eben nur Mensch» und als solche nicht allgegenwärtig. Daher hat dir hohe Regierung, um diese« llebelstande abzuhelfeu, ihüe Stellvertreter, einsichtige, tüchtig« Männer, bi» iu dir entlegensten Provinzen entsendet und di« auf eingehende Lokalstudie« bafirteu Srkeuut» niffe und Gutachten unserer Gouverneure liefern uus da» nöthige Material für unsere zusammrnfaffende Beurtheilnng und endgültige Entscheidung." , „0, Dnrchlaucht", entgrgnete fie eifrig, „kann es Ihrem durchdringenden Scharfblick entgangen sei», daß diese hohe« Würdenträger an fich vielleicht humane, nnpartheiifche, gutgefinnte Männer, doch nur ha Sinn« der Fragestellung ihre Gutachten abfafsen, so abfaffeu müsse«, »ft sie Ihnen gleichsam in de» Mund gelegt werben? Wäre es sonst denkbar, daß fft allesammt «eit verblüffender Vtumüthigkeit de» Stab über fünf Millionen Mensche« brechen, dft au» so und so vftleu sich ausschließendea Elementen zusammengesetzt find?" „Jeder Volkscharakter", sagft der Fürst, vermögt einer vagen Sentenz eiue direkt« Antwort umgehend, „trägt gewisse gemei«sam« Züge a» sich, dft, zusammengefoßt, ein Gesammtbild liefern." „Ach, möchten Sft doch nur, Dnrchlaucht, fich herbeilassen, die« Bild mit eigenen vornrthetlsfwft» Augen zu besichtigen, so würden dieselbe«, von ihrem allbekannten Gerechtigkeitssinn geleitet, dft Linie« hingrbender Rächstenlftbe, echter Bürgertugend» unentwegtrr Unterthaneutreue auch auf de» »o« ThrSupt uud Schläge» verwüstete» Antlitz «eine» Botte» entziffern könne»." Thräur» «uflortrn ihre Stimme und ließe« sie eiue« Moment verstumme». Fürst B. war gerührt. Etwa» milder »ft bis nun sagft er: .Meine« Sft nicht, liebes stind, beruhige» Sft sich." Doch schon halft sie sich gxfaßt «ud dnrch diese« Zuspruch, ermuthigt fuhr sie fort: „Wie so es gekommen, daß Lausend« im Ebenbild« Gottes geschaffen« Mensche« dem kriechenden Gewürm gleich geachtet und mit Füßetz geirrte» werde« dürfe», kan« hier nicht erörtert werde». Verhängnisvoller indes als dieser tödtliche Haß «st dft Verachtung, dft es mögüch macht, «tu gauze« Bol mcnonm vn Kfin «wyfnMf »f pvvvirtQijoppE9t wPmRfWwRwvVDvwH w» (UV Wf* DR taxire« uud deren Werlhbestimmmm.uur »am' Ruheus oder Schadeng für beul" HP WWW lfK PW|P IMI »>W>W ■Met stich: tiu >y -■a der^

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