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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 29 (1893) · p. Seite 113

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
29 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 113 (sequence 3)
Language
German
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halt erhaben stch die Herren, um den Antritt»besuch nich> über di« vorder Etiquerke erheischt» Zeitdauer hinaus }u verläuger«. Dieser Besuch dar von so wenig nachhaltigem Ei« druck, daß Elaudioe denselben ihrem vielbeschäftigten Satte» nicht mitzutheilen für uöthig erachtete. Doch «ach wenigen Tagen kam der Graf allein, dann in etwa» kürzeren Zwischen«! umen immer Mieder, und obwohl diese Begegnungen den denkbar harmlosesten Charakter halten, hielt dann schoneine gc wisse, ihr selbst unerklärliche Scheu, Llaudine davon ab, ihre»! jede Ablenkung ohnehin ungeduldig hinnehmende« Gatten Bericht -u erstatten. < Eine» Tage» kam Graf H. zu ungewohnter Däunner- . stunde. Llaudine saß. gemäß ihrer Gewohnheit, wenn fit io’e ■ Grübeln verfiel, mit ineiuandergeschlungenen Händen vo> dem Lmain, träumerisch iu dir verflackernd« Glut blickend. Ein ihr ganz fremde» Angstgefühl ergriff fie, al» fie den 8 rasen, den sie in ihrer gedanklichen Brrsunkeuheit nicht eintreten hörte, plötzlich vor fich sah. (Fortsetzung folgt.» Parallele« a«» dem alljAdifche« ««d moder»e» Lchriftth,»«. , {((ItntMKMniNii. von Fabt Jolle» in Lien. Der endlose und mierforschliche Wirrsal, in dem sch alle Erscheinungen abspielen, wird, entgegen seiner Unermeßlichkeit, mit dem wiuzigen Namen »Welt* betzeichuet. Diese bietet dem Einen ein unlösbare», beengende» Räthsel; dem Andern einen unerschöpflichen Born de» Vergnügen» und Wohlleben». Ihre .Bildflächt wird nimmer leer, Geschlechter kommen und zehen; die Erde ist eine unaufhörliche Geburtsstätte, sowie ein noige» Grab: fie gleicht dem Saturn, der, nach den bilderst anigen Griechen, seine Kinder verschlingt. »Nicht» ist dauern!», older Wechsel, nicht» beständig als die Unbeständigkeit.' Wie Gra» und Blumen sprießen alle Kinder der Erd« cmpir, um nach kurzer Blüte wieder zu verblassen und hinzuioelken. Mitten im unau»gesetzten Wandel und Wechsel lebt unvergänglich und unsterblich der raftlo» waltende schöpferisch« Geist, dit Weltseel«, der da« flutende Getriebe seine Erhalturg verdankt. Die über Zeit und Raum erhabene Weltseele wandelt und wandert mit allen Geschlechtern, die die fruchtge segnete Muttererde immer neu erzeugt. Doch find e» immer nur einzelne au»erkorene und begnadigte Sterbliche, die die Wirksamkeit derselben kennen und zum Ausdruck bringen. Die« find die Könige im Reiche de» Geistes, die Herrscher in der Welt de» Gedanken». Diese» find die Ziffern von Wert und Geltung, die über zahllose Nullen hinausragen und ihr:r Zeit da« Gepräge aufdrücken. Und ewig und unvergänglich, wie der Wrltgetst, dem fie dienen, bestehen fort und fort die Ideen, di« fie au» dem Schachte der Erkenutni» an» Licht firdern. Au» längst verschwundenen Zeiträumen ist die Fa iel der „Seeleuwanderuug' zu uns gedrungen. Dir Unsterblichkeit der Seele als Axiom hinuehmend, errichteten jene Bethörten «inen Tempel de» Wahu« darauf und folgerten, daß die von Körperbanden erlöste Seele durch Thierleiber waodeln müsse! Wir erfassen die Seelenwanderung im edelsten Sinne, in vollster, Würdigung ihrer Hoheit uud Göttlichkeit. Dl« Gedanken und gewonnenen Ueberzeugungen de» Geiste» bleiben nnvergänglich erhalten und treten nach Jahren wieder in Erscheinung, wenngleich der erleuchtete Denker fie al« reu begrüßt, ihrer Originalität fich rühmt, sie al« erstgeboren« Sinder de» eigenen Geiste» anerkennt und liebt. Me in der materiellen Welt, so waltet in der Welt de» itst«»ewiglich et» GotteSgeset, — dort geht kein Stäubchen hier kommt kein lichter Gedanke j« abhanden, form nnd Einkleidung find »ach der jersetlige» »ohlahnei, und verschieden,' trage» den Stempel der Zeit uud Zeitrichtung? ihr inuerrr Kern jedoch bleibt unter allen Holk»stämmen und. Himmel»strtchen derselbe. Nur muß «au ihn unter der oer. änderten Hüll« zu eutdecken und von der oft rigeuthümliche» Schal« abzulösen verfiehen. Ein concrete» Beispiel mag diese Behauptung illustriren uud reihen wir zu diesem Zwecke folgend« Aussprüche aueiuander: .Wird der Mensch schmerzlich weinen? — Weiß er er? Wird er fröhlich lachen? — Weiß er e» V Web«, daß der Mensch weder vom Guten noch vom Schlechten weiß!" (bi« e» da ist.) ,,E» begiebt fich die Braut in» Brautgemach, fie ahnt jedoch nicht, wa< ihr begegnen kann!" „Ohne Deinen Willen wurdest Du geschaffen, ohne Deinen Willen lebst D« und ohne Deinen Willen stirbst Du auch." „Die Füße de» Menschen find seine Bürgen; wohin der Mensch beordert wird, dorthin tragen sie ihn." Alle diese Behauptungen wurden von alten Rabbiner» aufgestellt und finden sich in talmudischen Büchern. Ten völlig gleichen Gedanken spricht der Philosoph Spinoza au»: „Der Mensch ist wie ein Werkzeug in der Hand der blinden Nothwcndigkeit!" In gleicher Weise spricht sich auch der tiefdenkende Dichter Goethe an»: „Du glaubst Du schiebst uud wirst geschoben." Sämmtliche angeführten Aussprüche sind von dem Gedanken getragen, daß der Mensch bei aller Willensfreiheit, die ihn als Gotte» Ebenbild adelt und über alle Erdenwesen hoch erhebt, dennoch nur höheren Gesetzen folgen muß, daß er, ohne e» auch nur zu ahnen, scheinbar au? eigenem Antriebe» thaksächltch jedoch jederzeit al» Sklave der Nothwendigkeit nur dasjenige vollführen kann, was im Plan der göttlichen Weisheit für ihn bestimmt und vorgezeichnet wird. f Die Rabbiner deS Talmud waren längst schon in vorchristlicher Zeit zu dieser ErkennluiS gelangt, haben diese Wahrheit in mancherlei Wendungen und Einkleidungen, wie obige Sprüche bezeugen, zum Ausdruck gebracht, ehe der Denker Spinoza dies al» Resultat seine» Forfchen« entdeckte. Wohl gehörte Spinoza dem gleichen Stamme an, dem die Lehrer de» Talmud» entsprossen waren. Sein Lebensgang, wie der Verlauf seiner Geistesentwickelung machen e» dennoch sehr fraglich, ob er aus talmudischen Quellen geschöpft, ob ihm jene rabbinischen Lehrsätze bekannt gewesen, deren Kern er in seiner Weise darstelll. Spinoza schöpfte au» den abendländischen moderueu Quellen seiner Zeit. Er versenkte fich ganz in die Schriften der Bibel, erbaute fich an der mosaischen Lehre und stählte seine Kraft au den Propheten und Hagiographen. Schwerlich aber wird er fich in da» «eite Labyrinth de» Talmud» verfügt haben, da» viele Jahrhunderte vor ihm auf orientalischem Boden angelegt und vollendet ward und eine ganz eigentümliche geistige Gymnastik erfordert. Der scharffionige Spinoza, bei welchem Scharfsinn und Bescheidenheit eng oerschwistert gewesen, hätte sonst gewiß derer ehrenvoll gedacht, au« deren Lehren er jene Ueberzeugung gewouoeu, deren Aussprüche er alles Schmucke» entkleidet al» nackte Wahrheit hingestellt. E» ist die» ein« Art Seelenwanderung, wie wir dieselbe verstehen. Spinoza'» Ansicht: ,,e» sei der Mensch nur da» Werkzeug an der Hand blinder Nothwendigkeit", schien dem erleuchteten Denker gewiß originell zu sein; er hat sich zweifet? lo» keine» Plagiat« schuldig gemacht, er war selbstschöpfertsch mittelst seines Scharfsinn» darauf verfallen; daß Jahrhunderte zuvor schon seine Stammverwaudten diese blinde Natnruothtoendigkeit erkannt, diese Lehre iu de» Folianten de» Talmud» verewigt, ahure er wohl nicht. Er zeigte sich, selbst hierin al» Werkzeug jener blinden Nothwendigkeit,'^« in der Weltseele, dem «Essen All kein Geifte»t»r«che»

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