Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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neu erzeugt. Eieselbe blinde Nothwendigkett war es, der fich auch Goethe nicht entgehen kannte. Sr ist «in Hera» unter den Sängern und Dichtern, er versteht et, meisterlich de» uralten Gedanken mit einem zierlich poetischen Gewand neu nnd jugendlich anSzuschmücken, der iich im selten gekannten, meist verkannten, mehr geächteten, alt gebührlich geachteten Talmud bereit« in der poetischen Hülle jener Lande »nd Zeit ausgesprochen findet. Man darf ihn keine« Plagiat« verdächtigen, sein Urteil fustt auf eigener Beobachtung und Leben««rsahrung. Sein Spruch: „Du glaubst Tu schiebst und wirst geschoben" dünkt« ihm originell und war e« bei ihm thatsächlich, wenigsten« in solcher Form. Sr mochte vielleicht Spinoza'« Lehrsatz gekannt haben, die talmudischen Sätze find ihm sicherlich fremd gewesen, obschon fie demselben nahe verwandt find nnd da« Nämlich« besagen. * J- Die „blinde Noihwendigkeit" Spinoza'« ist die gewaltige Beherrscherin, befitzt absolute Macht, ihr vermag fich Keiner zu entziehen. Ob fit den Menschen zur Freud« oder zum ^Leide treibt, er weist e« nicht. Sr vermag nicht anzugebru, „ob er weinen oder lachen soll". — Mit Zugendluft und Frohgefühl überschreitet „die Braut die Schwelle zum vrautgezelt", weist fie, ob hier nicht Betrübni« ihrer wartet? — Kennt fie die blinde Noihwendigkeit, der fie fich beugen must? — Unier Sinlrilt ins Leben, unsere Wanderung durch« Leben, unser Scheiden vom Leben vollzieht fich ohne unsere Wahl und Neigung", anerkannten die Rabbiner. Es ist die blinde Noihwendigkeit, der wir unwillkürlich folgen müssen, so wir in dir Welt treten, in ihr verharren oder fie verlasse». Wir werden von einem nnerforschlichen Gesetze getrieben, inde« wir zu treiben und zu ichiebeu vermeinen. Unser Will« begehrt nach irgend einem Ziest, die Führ leisten willig Folge, tragen uns dahin. Sind wir des Zieles sicher? — Wifien wir, wohin un«.die Füße tragen? — Wir glauben wohl, wir schieben, inde« wir von der blinden Rothwendigkeit geschoben »erden und das vorgesteckte Ziel bleibt nicht selten unerreicht; wir gerathen oft dahin, wohin wir keineswegs zu gelangen «önten oder beabsichtigten. So ist der Mensch das willenlose Werkzeug einer auster ihm waltenden Kran, der er sklavisch gehorchen must, der er nie zu widerstehen vermag. Mag mau diese Kraft wie Spinoza: „Rothwendigkeit", mag man fie volksthümlich: „Bestimmung" oder „Schicksal", „Lerhängnis", „Fügung" nennen, fie ist dem Wesen nach immer dasselbe, wa« die Rabbiner im Talmud dargestellt» was Spinoza'« Ausspruch, was Goethe'« >er« besagt. Zn dieser Erkenntnis begegnen fich Lrieur und <cident, Alterthum und Gegenwart. Ter forschende Denker nud denkend« Forscher aber wird uuwillkührlich in hohes Staunen versetzt bei der 'Wahrnehmung, dast der vielverschmähte und argverlästene Talmud schon Gedanken birgt, die nach vielen Jahrhunderten beim tiefsinnigen Philosophen Spinoza, wie beim gewaltigen und vielseitigen Dichterfürsten Goethe liederkehren. Sollte auch wider Lrrmuthen Spinoza, als Zude, die -hauplungen seiner Aknen im Talmud gekannt, in jenen philosophischen Lehrsatz luavp gefastt haben, der darauf von Goethe benutzt wurde, so verbleibt immer dem Talmud die Priorität und Lriginali rät, was die höchste Würdigung und Zuerkennung verdient. Der Talmud wieder hat seinerseits mit den vorgeführten Sätzen bloe einige Lehrsätze interpretirt, die er bereit« in biblisch:» Sprüchen vorgefunden. So greife» wir au« dem vollen nur die Stelle heraus: „Lon Gott werten die Schrine de« Menschen bestimmt, der Mensch ober, wie kann er seinen Weu begreifen!" Dir menschliche Freiheit und Lerantwortlichkeit für sein Thun bleibt jedoch von den vorangcstellten Anschauungen un- 'ttftfrri. „Der Mensch ist ftei geschaffen, ist frei und wäre : in Ketten geboren." Dieser Satz Schiller« kann nicht be-; ut«n werden. Die Serheistung an Abraham, dast sein« Abkömmling« in ftemdem Lande analvolle Knechtschaft erstide» werden, wird durch da« »»brüderliche Verhalten gegen Josef zur vollen Wirklichkeit, dennoch ist btefe Lieblosigkeit weder zu entschuldige« noch zu rechtfertigen. Die Brüder verführen au« fteier Wahl ein« Selbstbestimmung. Die Weisheit Gotte« hätte Msttel und Wege gefunden, Jakob nach Egypten z». bringen und hätte er, wie der Talmud meint, in eisernen Ketten dahin geschleppt «erden »üffeu; darin eben beruht bi« unerforschliche Weisheit der göttlichen Borfehuag. „Meine Gedanken find nickt euere Gedanken, meine Wege find nicht euere Wege", spricht der Herr durch des Propheten Mund. „Alle« ist vorgeschaut, dem Menschen ist die ftei« Wahl gegeben" lautet gleichfall« rin rabbiuischer Lehrsatz von bewunderungswürdiger Tiefe und Bedeutung. Ferner sagten st«: „Alles steht in Gotte« Hand, nur nicht die Gottesfurcht". Moral, Sittlichkrtt und frommen Sinn must fich der Mensch selbst erringen, weder verhilft ihm der Himmel dazu, »och hindert er ihn dabei. Au« alldem ergiebt fich, welch eine reiche unerschöpflich« Fundgrube denkende Geister. Philosophen und Forscher in den Büchern upd Weltanschauungen der Autoren des Talmud« besitzen. Diese ewig sprudelnde Quelle heilsamer Srkenntnis bleibt ewig ftisch, labend und erquickend. Wa« jene Alten der Borzeit auf den Feldern der Wahrheit gepflückt und entdeckt, veraltet nicht, wird von Spinoza und Goethe al» Wahrheit erfastt und anerkannt. Möge daher der Talmud immer jene Würdigung finde», die er mit vollster Berechtigung beanspruchen darf. Mu» dem Spruchschatz de« Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. wie ein Spalt i« waGerdamm, tvie im Holz« wurm »nb Schramm, So zerstöret steter chab'.r Jeden Glücke» lebenrader. (Srnhedrin r.) 0 _ Ist Teufel Teufel» Rind «och gar. Ist um fo grdßer die Gefahr. (Jedainoth r.) » w«r ein- und zweimal die Versuchung überwand, Der leistet wohl auch weiter widerstand. (Joma 38.) Der Schlecht« folgt seiner Lüfte Begehr, Der Fromm» bleibt seiner Begierden kserr. fBerrfchtt Babba fo.) Bekehrten, selbst im zehnten Geschlecht, Ist Schmähen de» alten Glauben» nicht r«cht. (Synhedrin *.) wenn Hak*) den An,sprach wirklich that, war'», al» er noch geschlafen hat!**) (Jebamoth ,<>,.) *) Borsteher der qielehrtenschule zu «atha RechaSja. ‘ **) «»«wort aus unglaublich« veauptuuge» unter Berufung auf m»«gebende Autoritäten, entsprechend de« Horazischen: »Zuweilen schläst auch der alte Homer." Inchutt. Llandiue oder di« Herbstblstth«. Ortgmat-Neoele ttm A. S. M. (Fertsetzuug). — Paraleie» Mi de» aüMische» und moderue» «chriftthum Leeleuwaudermw. Bu» ftabi Jelleg^jp^ Wien. — W dem GprochstMtz M latmn». Paachch ütewmgiuä Max Weiuberg. .77'^7wortl. Redakteur '.)r. Rahmer, Magdeburg. Druck: Friedrich Rasche A