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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 29 (1893) · p. Seite 112

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
29 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 112 (sequence 2)
Language
German
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Rechtlosigkeit ihm mehr afit irgend Sine« von Nöthen, und zur Erlangung deffelben müffeu Schätze anfgehänft «erden, die dem Jude» wiederum de« Vorwurf der schmutzigen -ab» gier eintrageu, währcnd jene als« zusammengescharttea Schätz« doch zumeist in die Taschen der empörten Sittenrichter fließen." Baron . blickte aus sei« Uhr; der vorgerükte Zeiger gab ihm den willkommenen Vorwand, an die Heimkehr zu mah«n. Mit einer abwehreuden -andbrweguag unterbrach ihn Sras X.. »Gestatten Sie der gnädigen Frau ihrem bedrückte» -erzen Lust zu schaffen. Herr Baron. Leider ha» sie in vielen Dingen recht, nur daß Sie", weudete er sich an Elaudi«, »in unbegreiflichem Pessimismus die Dinge zu schwarz malen. Wenn unserem Beamtenstand» der allerdiugS keimguten Leumundes sich erfreut, allerlei Willkürakte zur Last gelegr werden, so find doch nur die Subalternbeamtrn darunter zu verstehen. Der ISprawink, der, wo eS geht, die Macht seines Vorgesetzten sich aneignet, treibt in seiner Unwiffenheit und Rohheit natürlich auch Mißbrauch mit derselben." »Und wäre eS nicht die Pflicht de» Vorgesetzten seinen Untergebenen die Grenzen ihrer Wirksamkeit genau vorzu- -eichnen und Mißbräuche zu verhindern, deren Odium doch nur di« Höheren trifft?" „Allerdings, leider ist nur der Einzelne» selbst von den besten Abfichten geleitet, nicht allmächtig und allgegenwärtig." »Gewiß nicht;" nickte sie zustimmend. »Und rech«» Sie zu diesem Mangel den Ueberfluß an Trägheit hinzu, dies hervorstechendste Merkmal, diesen schleichenden Krebsschaden der slavischen Raffe, und das Facit wird sich von selbst ergeben. Der Nur wird in Folge einer NamenSverwechselnng nach Sibirien geschickt und kein Appell dringt zu den Ohren derer, die Abhilfe leisten sollen; ein Anderer erhält eimn Verhaft»» befehl, weil "der betreffende Beamte denselben, im guten Glauben ein unschädliches Akteustück vor sich zu haben, unterfertigte, ohne sich der Müh« der Durchsicht zu unterziehen: — und so bewegen sich zwischen den beiden Polen, Bequemlichkeit von Oben, Rohheit von Unten, die LandeSkinder und ihr Wohl und Wehr hängt oft an einem Faden, der Laune, drr gestörten Verdauung eines mächtigen oder kleinen Tyrau» ncn. — Wie muß e» da erst den Juden ergehen, die ohnehin »ogelfrei, jeder Willkür preiSgegrben, durch eine Anzahl von Ausnahmeverordnungen außerhalb des Staattverbaude« gestellt sind und daher, selbst im Fall« offenkundiger Vergewaltigung, d«S zweifelhaften Schutzeder Landergesetze ent» rathen müffen!" »Hierin muß ich Ihnen denn doch auf's Bestimmteste widersprechen, meine Gnädige. Die Gesetz«, die di« bürgerliche Stellung Ihrer Glaubensgenossen regeln, mögen Izart, drakonisch genannt werden, ihre Handhabung ist aber anineS WiffenS, einzelne Uebergriffe der untergeordneten Behörde» ausgenommen, ei« streng legale. Ist der Hebräer ioneihalb seiner, allerdings sehr eingeengten RechtSsphäre, von einer Billkür bedroht. so genügt eS, daß er an den Buchstabe» de- Gesetzes avpelltre, damit ihm, wie jedem anderen Staat»« anhörigen, sein Recht werde." »Vielleicht in den größeren Städten, den Sitzen der Intelligenz, einer modernen Rechtspflege", sagte Claudine halb ungläubig. »Wie ist er aber auf dem Land«, wie in jenen Ortschaften damit bestellt, wo auf einem Flächenrauw von circa fünf ^-Meilen etwa zwei Millionen Menschen, von jeder sonstigen bürgerlichen Thätigkeit ausgeschloffen, mr: auf den Handel beschränkt find, und im wüthenden Coucurreuzkampf um ihre Erhaltung ringe»? Daß solche Menschen, dt« mit der Verzweiflung Ertrinkender an jeder Planke sich Äeru, die ohnehin von der Gesellschaft au»gestoßen, guet, wie dir uiedrigstrn Paria» behandelt werden» in bet Wahl ihrer Mittel vielleicht nicht immer skrupulös, mtt de« Buchstaben des Gesetze» mitunter in Eonflikt find, soll ja' Alge-eben werden. Aber kann man er ih«u verrrgrn. wenn fie unter so erschwerende« Umständen, rnnnchmal durch ~ erkaufte AechtSoerdrehung der Strenge de» Gesetze» sich entziehen und lieber unlegal leben, als legal zu Tode gehetzt werden mögen?" In drückendem Schweigen gingru fie uebeneioauder her, bi» Llaudi«, von einer peinlichen Erinnerung durchschauert, . mit erbleichender Waage und schmerzlich vtbrirender Stimm« auSrief: „O, Herr Graf, hätten Sie da» Elend geschant, wie ich e» mit leiblichen Augen gesehen, — »nd da» Bild wird ewi g in mei«r Seele brennen, — hätten Sie er gesehen, da» Gespenst des Hunger-, dar bleich, hohlwangig, durch enge * Seiteugäßchen schleicht, nach jeder Krume gierig haschend, — wie etwa im Schulhof zu Wilna. Hundert Hände strecke» stch : dem Spendenden entgegen, um dankbare» Herzen» dar Almosen, wenn auch nur V« Kopeke entgegen zu «hmeu; ist ein Verdienst von einem klei«n Silberstück in Sicht, so geräth dar ganze Gäßchrn iu fieberhafte Bewegunz. Die Budcheu, in denen die dürftigen Leben-mittel auf offner. Straße feilgeboten werden, stehen so nahe beieinander, daß. ein Bretterverschlag den anderen berührt und der Verkäufer giebt eS schier mehr als der Käufer. Beide stehen zumeist . in kleinen Häufchen zusammen »nd reden — au» Mangel an jeder anderen Beschäftigung. Eiue» alten Mann sah ich, an seinen elenden BerkaufSstaud gelehnt, emsig lesen, und il» ich . neugierig näher trat» fand ich, daß er, charakteristisch genug, mit dem Studium der AusuahmSgrsetze stch befaßt, die» Damoklesschwert, da» jedem Einzelnen beständig übe? dem Haupte schwebt. Die Verwahrlosung, der Schmutz, der tiefe Gram, die ihre Furcheu auf diesen mitunter schöne» Gestchter» ziehen, sind unbeschreiblich. — ,Herr Graf", rief fie in aufwallender Erreguug» „Sie find der Großen Einer, Sie sitzen vielleicht im Rathe derer, dir dar Loo» dieser Unglücklichen zu bestimmen haben, legen Sie Ihr gewichtige» Wort in di« Wagschale, helfen Sie da» himmelschreiende Unrecht gut machen, da» täglich in diesem Reiche verübt wird und ich werd« bis zu meinem letzten Athemzug die Stunde segnen, die mich mit Ihnen zusammenführte." Der Graf war tief ergriffen; stumm legteer sei« Hand in die ihrige und mit den geflüsterten Worten: „Wir sehen uu» wieder," verabschiedete er sich von ihr. Zu Hause angelangt, erzählte Llaudi« ihrem mittlerweile heimgekehrteu Gatten in erregtem Tone von dem Besuch de» Baron H., ihrem Spaziergang mit demselben und der darauf folgenden Begegnung. Doch da Profeffor Bertram, in seinen Gedanken versunken, dem Gelitten nur ein sehr mäßige» Zutereffe emgegenbrachte, so ließ Llaudi«, oh« sich in Einzelheiten zu ergehen» da» Gespräch fallen. An einem der folgenden Tage meldete man Llaudi« den Besuch de» BaronS H. Nach einem flüchtige» Blick in'« ge-, öffne« Nebenzimmer, nahm er Platz» doch mit einem Anflug von Verlegenheit, den er, trotz weltmännischer Sicherheit, nicht ganz verbergen konnte. „Bedaure sehr, Ihren Herrn Gemahl nicht anwesend zu finden; — ich kann auch leider ihu hier nicht erwarten, da - mein Freund, Graf H., unten tm Wagen sich befindet. Eigent- . lich wollt« er", fügte er mit einem etgenthümlich lauernden Blick hinzu, „Ihnen auch sei« Aufwartung machen, doch wagt er e» nicht — in Abwesenheit Ihre? Herr» Gemahl»." „Weshalb sollte nicht Graf H., ebenso wie Sie, Herr Baron, mir da» Vergnügen sei«» Besuche» mache» dürfend Baron H. schaute etwa» betrete» in ihr lächelnde«, tzo» vollständiger Unbefangenheit zeugender Antlitz, und «tt der behandschuhten Hand über da« gelichtete Haar fahrend, sagte eri^ „Wie Sie wünsche», mei« Gnädige. Gestatte» Sie, heiß i ich den entsprechenden Befehl ertheile." Der herbeigeläutet« Diener «Ute im Sturmschritt Treppe hinab »nd bald daranf trat Graf H. in ■i -9 7 i ■1 Wand Empfangszimmer.

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