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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 29 (1893) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
29 (1893)
Date
1893-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I ff Hrrausgcgeben vo» »r. «. Rahmer in Magdeburg. Zur Unterhaltung und -Belehrung für die israelitische Familie Da» „Jüdische MamMen-Vlatt" erscheint wöchentlich als Wruti» - »rilagr zur „Jovaelltischen Mocheufchrtfl" Leder «ndrfuple «achdrnck» ,»o diese« »lattr ik r nlerfagl — Die Einzelnummer koket »0 Pf», bei der Expedition. »tau&iiu die »rvdftSwly,. Lriginel-Rovelle vo» A. 8. M. 14) (goxtfe*u»g.) .Daß die Erforschung diese» Gegenstand«», die >!in genaue« Eingehen auf dir Eigenthümlichkeiten einer verkümmerten, unsauberen Rasse erfordert, der Aesthetik nicht grade Rechnung trägt, will ich gern zugeben;.' — der leise Anflug von Ironie der um Slaudineu« Lippen spielt, entging seinem scharfen Auge nicht. — »Aber muß nicht auch der Naturforscher mehr al« einmal den Ekel beim Berühren eine« schleimigen Reptil» überwinden, ehr er zu einem wissenschaftlichen Ergebniß gelangt? Und hier, wo e» sich um die Ergründun j einer volttseele, um die Verminderung de» Wustes von Sorurthrilrn handelt, die unseren freien Ausblick umdunklen, sollte e» sich zum mindesten nicht weniger der Mühe verlohnen, den ästhetischen Widerwillen niederznkämpfen.' .Gewiß', eutgeguete er nachdenklich, »und ich lob« es sogar schon versucht, mir einen Einblick in die historische Urkunde diese» Lolke» zu verschaffen, seinen geschichtlichen RennniScenzrn, an der Hand de» kundigen Piloten, Professor Graetz» nachzugehe». Ich will auch nicht leugnen, daß die» Lolk eine große Vergangenheit hat und zu einer lewissrn Zeit der Träger einer bedeutenden, colturellrn Miffiin war. .Doch da« ist alle» längst dahin; — seine Misfion ist erfüllt oder nicht mehr erfüllbar, seine Lebensfähigkeit al» s:lbständiger OrganiSmu» erschöpft und eS ist eben dem Schicksal aller Staubgeborenr« anheimgefallen, dir da entstehen, um zu vergehen. All« Nationen de» Alterthum» traf da» gleich« Loo», nur mit dem Unterschiede, daß dieser Lolktstan m mit ««begreiflichen Zähigkeit an seiner phyfischen, die politi che um Jahrtausende überdauernden Existenz festhält und, einer Schmarotzerpflanze gleich, an der Eiche einer fremden, gesunden Rationalität sich emporrankt und fortwucheri. »Und fordert diese Thatsache an sich", fiel sie lebhaft «in, „nicht schon «ine eingehende Beachtung heraus? Ein Volk» da« trotz de» Verluste» seiner politischen Selbständigkeit, ungleich alle« anderen, ab seiner phyfischen Existenz fouspinnt, wir Eie sagen, Herr Graf, oder richtiger, in seiner Totalität al» LolkSganze« mü »«geminderter Kraft fortbesteist, trotz Verfolgungen und Mißhandlungen, trotz gewaltsam« r Versprengung nach allen Richtungen der Windrose, ist die» allein nicht e<n pshchologische», der Lösung weither Probien? Und nicht bloß da» Interesse de» Denker« müßte die» liolk 'erregen, da», in seinem seltsamen DualiSmu», gleichmäßig da» Gepräge de» starren Eonservati»mu» und der weichfli ssigsten, alle» Zonen, Rationen, Verhältnissen sich fügenden Anpaßfähigkrit aufgrdrückt erhielt; auch de» Dichter» Pulse müßten höher schlagen, augeficht« diese« tragischen durch die Jahrenderl« wieder ho ll«»den BolkeSepo»; auch der »enschlich sollte Anteil nehmen au dem , surchtbgM M>ß»- schick einer Raffe, die al» Repräsentantin der Parabel de» ewigen Juden, fluchbeladen, verfolgt, gehaßt, auf dem breite« Strom der Zeiten steuerlos dahin schwimmt, einem unbekannten Ziele entgegen.' Ihr eben noch leuchtendes Auge umflorte sich, die Erregung erstickt« ihre Stimme. Auch der Graf war sichtlich bewegt. Stumm wandelte er eine Zeitlaug an ihrer Seite, endlich sagte er unsicheren Tone«: „Ja, wenn mit dem bloßen, warmen Antheil ein so adgrundtiefe» Elend zu tilgen, oder auch nur zu mildern wäre.' — „Wir verlangen ja nicht einmal so viel,' unterbrach fie ihn eifrig. „Wir wünschen nur, daß da» Auge der Mächtigen, nicht etwa in Liebe, sondern nur ohne Hast und Parteilichkeit aus uu» gerichtet sei; dann würde die» Auge, so scharf im Ersvähen der Fehler, die unleugbar vorhanden find, auch den Ursachen nachspüren, durch die sie entstände» und da Mildrrungvgründe finden, wo bi» nun nur ein blinde» Lerdammung»urth«il gefällt wurde. Dann würde mau sich sagen müffen, daß fünf Millionen Menschen unmöglich für die verbrechen, Betrügereien und Schwächen einiger Wenigen verantwortlich zu macken sind. — Oder sollte man e» für glaubhaft halten, daß alle gleichmäßig mit demselben moralischen Gebrechen behaftet sind und da» Stigma verdienen, das sie ob der Sünden jener Wenigen trifft?' „Da» Wort jene» talentvollen Dichter», jede» Land hat die Juden die e» verdient, mag wohl auf Wahrheit beruhen,' murmelte der Graf kleinlaut. „Nicht da» Land', erwiderte sie, „da» in seiner Willenlosigkeit hier nicht in Betracht kömmt, wohl ober die Regierung, die einen großen Theil der Schuld trägt, für die wir «ine so harte Buße entrichten.' Wieder hörte fie da» ängstliche Räuspern de» H. . und wieder fuhr sie unbekümmert um den etwaigen Eindruck, muthig fort: „Ich bin nahezu überzeugt, daß Sir, Herr Graf, der Sie den Menschen und Dingen ein so klare« und liberale» Berständniß entgexenbriugen, sich der Tatsache nicht verschließen, daß unser Becuntenthum in seinem scb'.offen De»- potiSmu» und feiner stumpfen Lornirtheit am meisten dazu beiträgt, die Mißbräuche, von denen e» bei «n» wimmelt, i« üppigster Blüthe, da» Volk in verdummendem Schrecken und entwürdigendem Knechtfinn zu erhalten. Und doch wirkt t» gleich jenem Dämon, der da» Böse will und da» Gute schafft. Da« heißt, da» relativ Gote; denn die Bestechung, die fast offen bei un» betrieben wird in jedem andere» Staate eine Schmach, ist hier nahezu rin Glück zu »eune», da sie, da» einzige Eorreetiv der schlechten Gesetze, de» verfolgten somit zur Waffe wird, vermöge welcher fie ih« Dränger sich verwehren könne«. — Will aber der Jude dieser allgemein gebrauchten Waffe sich bedienen, so wird plötzlich dir sittliche Entrüstung reger — «d dech ist fie bei seiuer

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