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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 28 (1893) · p. Seite 108

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
28 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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mit verächtlichem Achselzucken diese Hohlheit obgethau hotxn; heute konnte Ke e« «ich: mehr, da eine jüngsten» an sich selbst gemacht« Erfahrung, ihr dies« Erscheinung in «in andere» Licht rückte. — Hatte ftr doch bei ihre« letzten Rundgängen durch die Museen eine merkliche Abnahme ihre» sonst so intenfiven stunstenthufiaSmu» wahrgenommen. De»halb nun vermochten die weichen Farbeutön« eine» Tizian und Carlo Dolcie sie nicht «ehr wie «inst zu berücken, die reinen Linien eine» Raphael sie nicht mehr zu erheben? We»halb sah ihr trunkener Blick nicht, wie sonst, da» lebendige Blut in den »a»moruen Gliedermaßen kreisen, ««»halb oerharrtrn jetzt di« unsterblichen Gebilde eine« Cauova und Michel Angela in schöner, stummer Starrheit? Hatte ihre Eraltation»fähigkeit überhaupt abgenommeo? Da» stürmische Stopfen ihrer Pulse verneint« energisch diese Frage. Hatte die Sunst ihr glänzende» Scheindasein schon auSgrlebt? O, nein! Sie ist und bleibt die Trägerin de» Schönen, da» erheiternd«, vertdelnd« Prinzip; eine Sonne, ohne deren verklLrend« Strahlen da» Leben in seiner grauen Alltäglichkeit unerträglich wäre, wie die Langweile. Sie ist und bleibt ein integrirender Btftaudtheil unsere« geistigen Dasein», ein Theil, — doch nicht, wie einst, da» <^anze. Ter Grieche de» Perikleischen Zeitalter» konnte» t« kleinen, abgerundeten Staaienverbande, mit voller Hingabe die «tunst zu seiner Lebensaufgabe machen; äußere und inner« Ruhe boten die günstigen Lorbedingungen, kein Ballast von Ideen und Zweifeln hemmte den elastischen Schritt und behindert« de« lustigen Aufbau de» polychrom-heiteren stlassici»mn». Wir Rachgeborenen denen da» Erbtheil de« grübelnden Spirituali»mu» zugefallen, mögen wohl an der Erinnerung jener leb«n»froh«n Sunstepoche uo» erquicken, unsere Genußfähigkeit durch den Anblick de« Schönen steigern, nimmer aber können wir mit stillem Behagen, wie Jene, de« Schauen und Genießen unserer Tage weiche» und iu mimosenhafter Unberühnheit unsere inneren Bewegungen belauschen. Und könnten wir e» auch, so dürften wir e» doch nicht, zu einer Zeit, die vorwiegend den, stampfe gilt, dem stampf« der Böller im Staatenverband«, dem stampft de» Individuum» mit sich selbit. Uederall Gegensatz, Zwiespalt, Stoß und Gegenstoß; — wie hätte der Einzelne, oder gar eia ganze» Bolk die Möglichkeit, im schatttgen Hain« der stunst blo» dem Ideale zu leben? Und doch da» Ideal, bleibt e» nicht immer daöselb«, ob wir r» nun auf dem blummeureichen Pfad« der Ratur, auf dem gewuudenen Spiralweg der stunst, oder auf der steile» Bahn de» Leben» suche«? Und hatte ihr Gatte, vielleicht recht» stand er doch im Einklang mit den Forderungen der Zeit,wenn er sr inen Idealen mitte» i« stampfgewühl nachzing? Elaudine blieb var dem stamin stehen und blickte in die prasselnde Flamme, au« der ihr da» Bild de» Leben» feurig, bewegt» bald hell aufleuchteud, bald verflackernd, entgegenstieg. Uud die Züge» die ihr ertgegenftarrteu, hatte» ein furchtbar «rüste» Gepräge, deuteten auf auspruchövolle», alle sträftr unbarmherzig absorbireude» Verlangen. Ja, da» Leben bedarf der Schwüle de» Arbeiter», der Nachtwache de» Denker», der ameisenhasten Emsigkeit de» Sammler», der wlldeu Leidenschaft de« stämpfer», der vielseitigsten geistigen und körperliche» Regsamkeit. Uud dies« Lielseiti-zkeit de» Streben» erzeugt Vertiefung, Berzerrung de» Au»druckrü, Lerreukung der Glieder, Au»dehuung der Forme», staute» und Ecken, die mit den Fmrderuugen der stunst nach plastischer Abrundung uud harmonische» Ebenmaaß sich durchau» nicht vertragen. Doch wenn da» Ideal unserer ZeiK da« uicht in ber Sftch«, sondern in der Bewegung g» suche» ist, auch nicht die Schönheit fördernd, so ist r» darum «ckcht minder «ürdia uud höheren Zwecken dienstbar, uud hatte sie, iu ihr« Gedankenwelt «ingesponnen, diesem «oder»«» ZLeaü«mu» bi« nun da» gehörige Brrstäudui», di« gebühreud« Würdigung gezollt? Ein leise« Poche» an der Thür unterbrach ihr« Grübelei. ' Der Diener meldete de» Besuch eine» Herr« vnd ehe sie Zeit faud, ihr« Bermuthung, daß ei« Irrihum vorli«ge,i ar'.«zuspreche», trat der Augemeldete herein. »Ist Profrffeor Bertram zu Hause?" — Der Fragend« verstummte plötzlich uud blickt« Claudia« erstaunt an. »verzeihen Sie, meine Gnädige, ich muß eiue falsch« Thüruummer erhalte» haben. Doch mir ist, al» ob wir na» nicht ganz fremd wäre»/' „Baron H., wenn ich nicht irre?" sagte Elaudine fragenden Tone». „Ganz recht, uud nun erinnere jch mich auch der allzu flüchtigen» schönen Stuuden, die wir gemeinsam in jene» deutschen Badeort verlebten — vor sech» oder sieben Jahre« etwa?" Elaudine nickte zusttmmend und er fuhr lebhaft fort: »Doch welch' günstiger Wind hat Sie hierher grweht, mein Fräulein, oder zähle» sie vielleicht jetzt zu de« Bewohnern unserer Metropole?" »Ich wohne nach wie vor iu L. . . und bin nur seit einigen Wochen in Petrr»burg mit meinem Satten, Professor Bertram." Bei Nennung diese» Rament trat ein At »druck der Verwunderung auf da« hübsche, ttwa» unbedeutend« Antlitz de» Fremden. Er verneigte sich mit geslrigrrter Zuvorkommenheit und rief: »Wie, Sie wären di« Gatttn de» Manne», zu dessen lebhaftesten Berehrera ich zähle, der mich erst zrsteru der Ehre seine» Besuche» gewürdigt, den ich eben jetzt, gebührendermaßen, zu erwiedern kam? Doch «eöhalb verschmiheten Sie e», Ihren Herrn Gemahl zu begleiten und die freundlich« Erinnerung angenehm verlebter Tage wieder aufzufrische»?" »Ich verschmähit e» nicht» durchau» nicht;' sie stockte erröthend, aber ihre Verlegenheit «iedrrtämpsrnd, fuhr sie unbefangen sott: „Ich wußte nichi« von diesem Besuch meine» Manne», stein Wunder l Der schwere, alle» absorbirrnd« Ernst seiner Thätigkeit läßt keinen Raum für die Mittheilung der Tage»«rtignifse, kaum für di« Erlebe» derselben." „O, ich weiß," erwiderte er eifrig, „Ihr Gemahl ist ein Charakter von ganz antikem Gepräge, au» dem Holz geschnitten, au» dem große Männer gemacht «erden — ganz ander», wie wir anderen Sterblich««." — „Und so sehr ist er von seinen Angelegenheiten in Anspruch genommen," fügte Claudine lächelnd hinzu, „daß er bei meiüem wichtigsten Geschäfte, der Besichtigung der Stadt, mir nicht einmal znr Seite stehen kann." „So gestatten Sie mir, meine Gnädige» für eiuige Zeit die neid«n»w«rthe Obliegenheit Ihre» vielbeschäftigten Gatten zu übernehmen und den Cicerone bet Ihne» zu mache«.! Mein Wagen »artet unten, oder ziehen Sie e» »or, bei de«! herrlichen Wetter zu Fuß zu gehen? Claudine zauderte einen Augenblick, doch diese Reguug schnell al» kleinstädtische Prüderie verwerfend, ersnchtd sie de»' Baron, — einen der ersten jüdischen Geldaristokraten der Stadt, — ei« wenig Platz zu nehmen, sie wole bald zum Aurgehen gerüstet sein. »steonen Sie die Gartenanlagen de» Fürsten D . .?' frug er Claudine, die in Hut und Pelz au« ihrem Boudoir trat. »Nicht? Nun, die find auch zu Fuß faß» zu ttttl*. cheu uud die müssen Sie unbedingt sehen. Jch bin überzeugt daß Sie den Anblick de» prächttgen Landschaftbbilde», trotz! winterlicher Umhüllung, entzückend finden »erden." Claudine'» kuustgeübte» Auge war i» der That' bald fesselt von der eigenartigen Schönheit de» Parkeil, der iu sei»! ner üppigen Baumpracht und in der künstlerisch durchgeführteus Regellosigkeit, de« großartigsten, englische« Anlagm dieser Ar sich würdig aureiheu durste. Die mit leichtem Reif wie fil zuckerten Sträuche», die glitzernd«, über die Matte« Schneedecke, der vom Frost knirschend«

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