Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 27 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r. I i. F r bte er ihm zufiüsterte, wohl aber trLumte-.er so lebhaft wie »och ait, and zwar ganz deutlich, dich er der -roh« Edison, -»gleich aber eine antistatische Berühmtheit geworden. Koch heim Erwachen stand ihm der Traum mit dem dunklen Sinn deutlich vor Augen. Hätte er zur Zeit der alten Griechen gelebt, so wäre sein nächster Weg wohl zu den Priestern de» delphischen Orakel» gewesen, um sich seinen seltsamen T aum au»legen zu lassen, und wer weih, welch« welterschüttei nden Ereignisse daraus entstauben worden wären. So aber wir er aus seinen eigenen Verstand angewiesen und er, der früher selber al» Sphinx glänzte und PreiSräthsel aufgab, staut vor einem unentwirrbaren Räthsel. Aber Edison und der ilntistmttiSmu« spukten jetzt immer in seinem Kopfe und marsäarten in feiner Phantasie Schulter an Schulter neben einender. Dir Lorbeeren de» erstem ließen ihn nicht schlafen unt der letztere zog ihn magnetisch an. Da la» er eine» Taget von einer Bersammlung, die einer der größten Männer der antisemitischen Partei gegen 70 Pfennig Sintritt-geld abhielt und die von Taufenden von Köpfen besucht war. Dix kolossale Einnihme, dir sie ergab, ließ ihm da» Wasser über den Mund laufen und zum ersten Mal ging e» ihm wie ein Licht auf, da z mit dem Antisemitismus eigentlich ein gute» Geschäft zu machen sei. Di« Sache frappirte ihn und eröffnet« ihm ganz neue Gesichtspunkte. Er wußte nicht, der Simplicus, daß e» thaifächlich einen GeschäftSaatisemitismuS (oder vielleicht überhaupt nur einen solche«) gebe; er war ja noch rin Nmltng in diesen Mysterien. Wie gern hätte er sich mit allem sfeuereifer gleich auf diese» Feld geworfen! Aber er war bestieiden genug, vbn seiner Bildung und seiner Rednergabe gering zu denken, um sich durch sein Selbstauftreten einen pecuinären Eriolg zu versprechet^ Er glaubte, r» müsse Einem ein großer Ruf vorangehen und er müsse ein tiefes Wissen besitze», um sich hier hervoczuthua. UebrigenS sagte er sich auch, daß man dem Publikum immer mit etwas Neuem, Originellem kommen müsse und daß diese» an all den Hetzereien, dinach einem Leisten gemacht würden, vielleicht schon bald deir Geschmack verlieren würde. Ein Königreich für eine orijinelle Idee! Da» war jetzt seine Parole. Da fiel ihm wied:r sein Traum ein, und wie einst Newton ganz urplötzlich da» GravitationSgesctz entdeckte, erfand er sein neue» phonographischautifemitische« System. — Wir wollen dem Leser gleich seinen Grdankengang verrathen. Leibhaftige antisemitische Red ter zu . hören, und wenn sie uoch so schön und überzeugungstreu sprechen, dachte er sich, ist schon etwa» veraltet. Den Phonographen aber in den Dienst de» Antisemitismus zu stellen, würde «ine vortrrfstiche Neuheft sein. Jetzt glaubte er aiuh» die Lösung de» räthselhaften Traume» gefunden zu haben. Er würde groß und berühmt, d. h. nach seiner Auffossunz sehr reich werden, wenn er al» Edison und Antisemit zugleih auftreten würde. Sein Plan stand fertig da. lieber einige Geldmittel »erfügte er noch; dafür ließen sich mehrere Phonographen niit einer Anzahl Walzen, denen die Reden der größten Antisemiten ausgeprägt würden, auschaffeu. Diese stellt man in einem geräumige«, öffentlichen Lokale auf und künd gt mit großem Pomp eine Bersammlung, in welcher der . inti - semitische Phonograph-, de.» Neueste, »'.« auf diesem Gebiete noch geleistet wurde, sprechen wird, an. Ein noch pompöserer Titel schien ihm sogar, wenEauf den Plakaten die Anfschrif» .Der Phonograph — ein Antisemit" lauten würde. Später liebe sich die Sache uoch besser verwerthen. Man könnte mit einem solchen antisemitischen Sprechapparat, wie mit einem Leierkasten, in den Straßen herumfahren, oter ihn, wie einen Ehocoladenautomaten in jeder Kneipe, oder in den Wanesälen der Bahnhöfe aufstellen und wer Luft hätte, könnte gegen einen Etnwurf von 10 Pfennigen die beste antisemitische Rede z« hören bekomme«. Natürlich müßte sich dir anri» semttische Partei ein Patent daraf gebe« lassen, damit et ihr keine andere «achmach«. Doch da» waren weitere PU ne für ein« spätere Zeit. Jetzt hatte er n»r die «ufftellr ag der ,fe einer öffentlichen Versammlung in» Auge gefaßt. Auch über oa» festzusetzende SrmrittSgeld war er mit sich einig. Eine Mark pro Person hielt er nicht für zu hoch. Aber in dem Orte, wo er sich jetzt anfhielt, einer Stadt zweite» oder dritten Ranger, würde sich da» Unternehmen wenig reuftreu. Nur d'.e Hauptstädte, die Eentren der Bewegung, da» Eldorado aller Jndustrirritter, schienen ihm der geeignete Schauplatz dafür. Allein aber konnte er da» Werk auch nicht i» Scene setzen und e» so recht kn Schwung bringen. Dazu war er noch ein zu .grüner" Antisemit und mit all den Chicane» und Kniffen der antisemitischen Propaganda zu wenig vertraut. Wie wir sehen, konnte unker Held, obschon er eine Zeitlang mit den größten Erfindern um die Palme rang, zuweilen auch sehr bescheiden sein. Einen Bundesgenossen, da» stand bei ihm fest, mußte er nun haben, einen mit alle» Salben geriebenen, erfahrenen Mitarbeiter. Berlin, da» große krerlin, war da» Ziel seiner Wünsche; in Berlin hoffte er schon eine» Antisemiten zu finden, ja sogar den allein richtigen, wie er ihn für seine Zwecke brauchte. Und was eröffnet« sich ihm da nicht für eine Perspectiv«, wenn er erst in jene Kreis« eiugeführt worden und sich einen Namen gemacht hat! Wie ftüher Edison, so war jetzt Ahlwardt sein Ideal, dem er e« nachzuthun eifrig strebte. Ja. er mußte sich sogar gestehen, daß der „Mann mit den Akren" seinem Herzen viel näher stand, als die überseeische Größe; da» brachte vielleicht schon so da» vatriotische Gefühl mir sich, wenn e» nicht auf eine gewisse Seelen¬ oder Wablverwandtschaft zurückznführen ist. Wenn nur die erste Lorstellung gelingen, wenn da» Stü^k nur ziehen wollte, wa» standen da nicht für glänzend« Einnahmen zu erwarten bei einem so großen, scandalliebenden Publikum, wie e» dort giebt! Gewiß, es wird ziehen! e» muß ziehen! Und er träumte schon von den großen Summen, die er in einem kurzen Zeitraum« einsfteichen würde und er sah sich im Geiste sogar über kurz oder lang al» einen kleinen — Rothschild. Mit der Aussicht auf Reichthümer erwachte in ihm auch der Ehrgeiz, und er hoffte von seiner Partei noch al» Reich»tag»abgeordneler ausgestellt zu werden. Zwar wußte er. mit seiner Rednergave sei e» nicht am besten bestellt, aber, ohne sich ein Urtheil Darüber zu bilden, fühlte er c» nach und nach heraus, dcß am Ende gar nicht soviel dazu gehöre, al» antisemitischer Redner bejubelt, vielleicht gar bekränzt zu werden. Also auf . nach Berlin! rief er. Nun tauchte aber die kleine Affaire mit den Gerichten, die sich vor etwa zwei Jahren abspielte, tn feiner Erinnerung aus und e», wurde ihm dabei etwa» schwül zu Muthe. Er durfte ja gar nicht nach Berlin kommen l Er beruhigte sich ober damit, daß doch über die Geschichte schon Gra» gewachsen und daß die Gefahr nicht so groß sei, zumal er dort sehr zurückgezogen lebte und von sehr Wenigen gekannt war. BorsichtShatber wollte er sich übrigen» eine» falschen Namen beilegen und zuerst unter solchem au (treten; später würde ihn schon diese Partei, die er für sehr mächtig hielt, zu schützen wissen. Nichts stand also im Wege, da» großartige Projekt gleich in Ausführung zu bringen und vierundzwanzig Stunden später dampfte er richtig -nach Spree- Athen ab. Wie er vorausgesetzt hatte, war » für ihn nicht schwer, in Berlin einen Antisemiten zu finden und er hatte sogar da» Glück, wie ihm schien, sich nicht nur mit einer eminent tüchtigen, sondern auch äußerst vertrauenswürdigen Persönlichkeit zu alliiren. Der Mann, dem er sich anvertraute, war von dem Plane, den er ihm vorlegte, geradezu entzückt und versprach die Sache in Schwung zu bringen. Zu Zweien arbeitet e» sich doch viel schöner, und unser Held freute sich, daß er, ohne lange zu suchen, sogleich vor die richtige Schmiede gekommen. Die Beehandlungca, die er mit seinem Gehilfen anknüpfte, begegneten kaum erheblichen Schwierigkeiten und gingen» wft es unter guten Kameraden eigentlich sein soll, ziemlich glatt von Statten. Sein Partner forderte zwar Anfang» gleichen Theil am Reingewinn; unser Held hiett ihm ater entgegen, daß er ja alle» gehe, die Zitz« und die nöthigeu Baarnuttel dazu, und daß sich jener daher ganz gut mit 15 Precent begnügen könne. Me e» sich zeigte,^