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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 27 (1893) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
27 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 106 (sequence 4)
Language
German
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lag }tn«n übrigen« am Profil sehr axtriß, t« schien Sri ihm nur so eine Art Lyon zu seiu, uud die Art und Weise, wie er sich bei der ganzen Sache benahm, gefiel unsrrm Helden sehr gut und flößte ihm da« vollste vertrauen eia; er sah, daß er e« mit einem echten Gentlemann zu thun habe. So tpar denn alle» im besten Zuge und nach mehrtvöchentlichen Sonst, renzen hatte man sich über alle Detail« de» Plane« und der Ausführung geeinigt und wa« nur nöthig schien bestellt und herbeigeschafft, wobei sein Partner durch manchen trefflichen, praktischen Wink in seiner Achtung noch höher stieg. Dir Avparate wurden für gute« Geld mit den besten Reden, dst je ein antisemitischer Demostheue« gehalten, versehen, geprüft und wieder geprüft, und auch die Drucksonen, die an Größe und Auffälligkeit alle« bi-her darin Geleisteten, übertrase, lagen fertig da. Ein große« Lokal war bereit« gemirthet und der Tag der ersten Borstellung öffentlich bekannt gemacht. Auch die Rollen, die di« beiden Partner zu übernehmen hatten, wurden von ihnen vereinbatt. „Einer muß der Brrfammlung präsidiren and Einer an der Caffe fitzen", setzte ihm der erfahrene Gefchäftrantisemit au»einand«r. „Sie, mein Freund, fuhr er fort, haben ein angenehmes Außere und auch sonst in Ihrem Wesen etwa« Distinguirtes, wa« Sir zum Präfidrntcn geeignet erscheinen läßt. Es wird sich also gut machen, wenn Sie den Borsitz übernehmen und im Saale bleiben, um die Sitzung zu leiten, indeß ich mich mit dem Amte de« Eassirer» begnügen und draußen dt« Billet« vertheilen werde. Biel zu sprechen habey Sie da cl« Präsident nicht; doch will Ich Idnen ein vaar Worte aufschreiben, die Sie al« eine kleine Ansprache an da« Publicum richten werden. Ta« Uebrige werden die Phonographen thun. die, ivie wir uns durch öftere. Proben genugsam überzeugten, ausgezeichnet funktioniren. Unser Held war mit diesem Arrangements einverstanden; e« schmeichelte ihm, sich von einem Manne, den er sehr achtete, loben zu hören; auch mußte er ja, wenn es ihm einmal nach einem ReichStagsmandat gelüsten sollte, sich an» öffentliche Reden gewöhnen und die Gelegenheit war gerade eine ganz paffende dazu. Uebrigenr gebührte ihm, so zu sagen, von selbst die Hauvtrolle bei dieser Borstellung, denn nächst Edison war ja das Ganze lediglich sein Verdienst. - Und nun brach er endlich heran der große Entscheiduugsrag, der Tag, der für dieses großartige Schauspiel festgesetzt war und eine kaum zu bemeisteriide Ausregung bemächtigte sich unseres braven Helden. Er hatte das Gefühl eines großen Eomvonisten, der der Premiereaufführung seine« eigenen Slülkes beiwohnen soll, das Gefühl freudigen Erwarten» und bangeu Zagen«, Momente überschwenglicher Hoffnung und verzehrender Beklommenheit. E« ist eine schöne Sache um den Ruhm, aber neben dem herrlichen Loorbeer, mit dem wir so gern unsere Stirn geschmückt sehen, wächst auch ein abscheuliches Gewächs, uud das heißt — Fiasco. Run bandelte es sich nicht allein um seinen Ruhm, seine ganze Earri(:re, sein Glück, ja seine Eristenz stand jetzt auf dem Spiele, denn alles Geld, wa» er noch besaß, hatte er in dieses Unternehmen hineingepecki und er befand sich in der Lage eines leichtsinnigen Spieler«, der alle« auf eine Karte gesetzt. Tie Hoffnungen überwogen aber bei ihm die Angst und er sah jetzt nur Erfolg uud Ehre and eine glänzend« Einnahme. — Tie Sonne neigte sich eben zur Rüste, alS unser Held mir seinem neuen Freunde durch die Straßen der Hauptstadt spazierte und dem großen Loeale zueilte, wo die stummen Antisemiten de« erlösenden Kunstgriffe« harrten, der die Schleusten ihrer Brredisamkeit öffnen sollt«. Eie hatten unterwegs mir wohllüstigen Behagen alle Ecksäulen gemustert» au denen mit grobmächtigen Buchstaben folgende Ankündigung zu lesen wcr: „Ter Phonograph ein Antisen it. brillante Vorstellung! originell! neu! die größten Redner wrrden sprechen! Anfang 8 Uhr im Lokale .... Entree 1 Mark, Brüder, erscheint zahlreich! E« lebe Edison! es lebe der Antif«ari!!:iui,i'!’< Nebenbei stärkten sie sich auauf. ihrem Wege in derschiedtnen Restaurant« durch verschiedene Kognäcs diversen Seidel „Echtem" und mußten sich jetzt, sputen, rechts zeitig zu erscheinen. Eine Viertelstunde später finden wir >«n» schon unseni Helden auf seinem Präfideütenfluhle, den er «ft einer gewiss« Grandezza eimrimmt. Der Saal füllt fich von Minute zu Minute immer »ehr, bald ist kein leere» Plähcheft übrig. Jetzt hat er sein« Eröffimngsrede gehalten sie zina glänzend von Statten; er hatte fie gut eiustüdirr und »och viele« au« eigener Eompofition htnzugefügt;. fast hätte er fich r» selbst gar nicht zügetraut, aber er fühlte fich so recht i» Schnnng und das Publicum nahm die Worte s» beifällig auf. Run schweift sein Blick über die zahlreiche Bersammlung; er glaubt an zweitausend Köpfe zu zählen, seine Brust schwillt vor Freude und auch der Stolz über da« gelungene Werk malt sich in seinen Blicken. Er rechnet im Kopfe die Einnahme zusammen und sein Auge spricht: ich bin gesättigt! Die Phonoaraphyt, al« ob fie selber Leben bekommen und die große Ehre, die ihnen heute zu Theil wurde, zu würdigen wußten, arbeiteten mit einer dewunderung«würdigen Genauigkeft, sprachen «ft einer solcher Wärme und einem solchep Pathos, wie noch nie. Man konnte — wa« bei Menschen al« Redner nicht immer der Fall ist — von ihnen fast sagen,' sie sprechen au» tief« innigster Ueberzeugung. Da« Publicum war wie bezaubert vyn dem Eindrücke, den die Reden hervorbrachkru, rin Stur« von Applaus brach wiederholt lo«, daß der Saal davon w dröhnte, man rief den redegewandten Apparaten, ihre Taubheit ganz übersehend, bis! uud da capo! zu ^und konnte fich bis spät in die Nacht von ihnen gar nicht trennen.' Auch ein Hoch auf den Vorsitzenden wurde au«gebracht, in da» alle begeistert elnstimmtrn. Endlich beginnt fich die Bersammlung zu lichten, aber e« dauert lange, di« die große Masse fick».zu den Thüreu hinausdrängt. Unser Held vergeht fast vor lln» geduld, schon hinauszukoaunen, um den Schatz zu heben und all das viele Geld zu zählen. Run ist die Bahn frei, und von der drückenden Hitze im Saale fast erstickt, aber freu ige", stolzen Hauptes eilt er mit schnellem Schritt zur Taffe. Allein o Schrecken! o- Entsetzen! ihn überkouimt ein Schwtndel er will seinen Augen -nicht trauen, — die Stätte ist leer, leer, — nirgend» ein Caisier zu erblicken. — Mann und Gelb waren verschwunden und mental« sah man fie wiedrrkehre». — Lauge bauen« e«, bis fich unser Held von diesem betäubende» Schlage erholte. Erst nach einigen Tagen begann sich seine Raserei allmählich zu legen. Dann rafft« rr sich wieder zu sriichem Lebenrmuthe aus und traf seine Anstalten» da« rentable Geschäft mit dem antisemitischen Phonographen aus'« Reue zu beginnen, nur suchte er zurrst «inen ankere« Eassirer. istinr von ihm diesbezüglich in einigen Blättern eingeschaltete Annonce lautete: „Für ein Modegeschäft wird bei hohem Lohn ein Eassirer gesucht. E« wird weniger auf fachmänrische Kennmisie, als auf vollkommene Vertrauenswürdigkeit reflectirt. Offerten mit Primazeugniffen baldigst erberen. Rur Antisemiten sind von der Bewerbung ausgeschlossen. Mu» dem Opruchschatz de» »armuv. Lociisw ädert ragen von Dia; W einberg. wenn man vom Saum de» Kleide» spricht, So ist r» stcher Gute» nicht. (Kiduschiu 2*.| An deinen Blicken steht man schon, Kind, daß du einer Wittw« Sohn. (Kiduschin »,.) Anstatt: «laudi»« oder di« Herbstbliuh«. Original-Novelt von A. 8 X. (Fortsetzung) — Der tzd»»»»r«»>tz »in ■■tiftmit. Hu» morrsle von S. R Kacguliee. — Au« de», Gpruchichuhb,» DultnNtzr» n ■■ i > J i * -V: ''i .i :3

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