Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 27 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ich meinerseits glaub« nicht an xiS türkisch« Fatum, an ein blinde» Berhängniß, Satz von Außer, her unS aufliezt. Jeder trägt die Bedingung de» Glückes in sich, das nicht in liebenswürdiger Lillkkür, sondern nach Beuger Gesetzmäßigkit, seine Gaben austheil. Wollen wir eS cm unsere Fersen heften» so muffen wir, in freier Wahl, die Logik zu unserer Herrin küren, anstatt zu willenlosen Sklaven unterer Neigungen uns zu erniedrigen.-" Er hielt inne; er fühlte, daß auch er uichk immer innerha.b dieser fest umrissenen Grenzen sich bewegt, daß auch er der Mllkürherrschaft der Laune seinen beträchtlichen Tribut entrichtet hakte. Sein Rechtsfinn bewog ihn, ihr einen kleinen Ersatz für mancher zugefügte Unrecht zu bieten, und so fügte er freundlicher hinzu: „UebrigenS, wozu durch müßiges Tisputiren untz gegenseitig quälen? Sprechen wir liefe" von der Reise und ist Lir wirklich an derselben so viel gelegen, so habe ich eigentlich nicht» dage gen, obwohl ich es nicht recht begreife, und mir etwas Unklares, namentlich in reiferem Aller, widerstrebt." Sie überhörte den Mißton, xr ihm nuu einmal stet» aus der Kehle kommen mußte, und ging elastisch an die Borbereitungen zur Reise. In einem Couvee erster JH<rT« ließ Claudine, an’» Fenster gelehm, leuchtenden Blickes da» winterlich-öd« LandschaflSbild an sich oorbeiziehen, und begierig sog sie gleichzeitig die Eindrücke auf, die das Gebühren Der verschiedene« Mitreisenden ihr vermittelten. Ter steife Engländer, der reiselustige Amerikaner; der plaudersüchtige Franzose, sielen erheiternd in ihren Gesichtswinkel und lieferten mannigfaltigen Stoff für ihre allzeit geschäftige Beobachtung, der sie, durch die Schweigsamkeit ihre» Gatten unbehindert, sich hi tgeben konnte. Als die Dunkelstunde diesem kleinen Einblick in'» Welt-' Panorama, mit seinen, in he'terer Beweglichkeit vorbeihuscheuden Wandelsiguren, ein Ziel setzte, verfiel sie, in ihre Ecke gedrückt, ein ernste« Grübeln, das aber noch immer einen Abgang ihrer gehobenen Stimmung wiedersviegelre. Eine Reise, dachte sie. ist doch der Inbegriff des Schönen, weil sie, aus dem Kreise der verknöcherten Routine uns hinaus und in die Weite drängt. Ter schnelle Wechsel der Eindrücke, die Nothwendigkeit augenblicklicher Entschließung erhöht gleichsam die LebenSthätigkeit, giebt dem schläfrig vegetirendeu Dasein einen stärkeren BewezungSimvuls, Glanz, Farbe. Eine leicht verwiichbare Farbe, einen rasch verschwindenden Glanz, — immerhin aber genug, um die Illusion von dem ewig ersehnten Befferen wachzurufen und durch die Ficiion der Wirtlichkeit eine vorübergehende Schwungkraft zu verleihen. — — Sie wollte sie diese momentane Entrückung aus dem gewohnten Lebenselemenr ausnüyen? Sie dachte schon lange nicht mehr daran ihren Gatten in ihren Ideenkreis zu ziehen. Nun wollte sie es auch vermeiden, wie so oft letzthin, gewaltsam in den seinigen eiuzudriagen und auf so verkehrte Weis«, dt« Verschmelzung geistiger Sonderinlereffcn zu erzwingen. Sie wollte dem langsamen Leerdeprozeß einer gewiß eichtretenden Verständigung durch künstliche Züchtung nicht vorgreifen, das stille ab«? sichere Wirken der ewig zeugenden Zeit durch plumpen Eingriff in ihr SchaffenSgebiet nicht hemmen — Sie wollte, — da ertönte der schrille Pfiff der Locomokive, der die Rahe der nordischen Metropole onzeigte. Das Trängen und Stoßen der Gepäckträger, die wie eine Horde Wilder in'» Eoupee stürzten, sä* lärmende, sinnverwirrende Treiben, das an allen slavischen Bahnuöfen Auge und Ohr des westeuropäischen Reisenden verletzt, riß sie jäh au» ihrer tiefen Träumerei. Nachdem sie in Petersburg in einem der größeren, mit fürstlichem Luxus auSgestattetrn Hotel» der Ruh« gepflogen, ließ es Bertram, am nächsten Morgen, seine erste Sorge sein, Claudio« in eine ihm näher bekannte Familie einzuführen; diese sollte ihr die Besichtigung der Stadt und ihm die Freitzmt der Bewegung ermöglichen. Nach dieser mit Hast geübten n-ickficht, die dadurch den Anstrich einer lästigen Pflichterfüllung erhielt, widmete er sich mit voller Hingckde seine* Obliegenheiten, ohne sich ferner um da» Thun und Lass«« 4 seiner Frau zu kümmern. t Die Familie, der Elaudine vorgestellt wurde, bestand aus . «ine«, in sehr behäbigen Berhältniffen lebenden Ehepaar und " zwei erwachsenen Töchtern von achtzehn und sechszehn Jahre», > die alle, mit echt russischer, wortreicher Zuvorkommenheit, ihre Dienste aaboteu, ihr ganz zur Verfügung stehen wollten. Es stellte sich aber bald heraus, datz die» bereitwillige Entgegen- ' kommen nicht ganz buchstäblich zu nehmen war, und Claudia« sah bald eia, daß sie von diesen guten Leuten nicht bit geringste Förderung ihre» Borhaben» zu erwarten hatte. Die Frau de» Hause», eine etwas starkleibige Blondine, mit sanften, wafferblauen Augen, verträumte die Hälfte ihre» Leben» in einer Sophaecke und konnte e» unmöglich begreifen, ■ wie ein Mensch, dem ein Wagen zugänglich war, überhaupt - auSgehen und die« noch überdies als Vergnügen bezeichne« mochte. Ihr Satte, ein schwarzäugiger, schwarzkövflger Herr mit überrothen Antlitz, der gleich feiner Ehehälfte zu bedenklicher Fülle neigte, bot zwar Claudiae'n verbindlich seine Begleitung an, wurde ihr aber sehr störend, durch seine >8«- tchwätzigkeit und seine stets wiederholten Fragen, vieviel wohl nach ihrer Schätzung, die» oder jene« Kunstwerk kosten durfte. Auf ihre dieSbzüglicllen, stüchtigen Entgegnungen, schüttelte er» obwohl er sie al» Ausbund von Weisheit betrachtete, ungläubig den Kops. .Aber, gnädige Frau, rief er überlegenen ToneS, »was fällt Ihnen ein? So viel Geld für etwa cm« Arschin Leinwand und das bischen Farbe, unmöglich! LSer wäre so dumm so etwa» um diesen Prei» zu kaufen!" Die beiden hoffnungsvollen jungen Damen, ein blor:be» und ein schwarze» Ebenbild ihrer respektiven Eltern, auch mit ähnlichen, nicht allzu aufdringlichen GeisteSgabeu ausgestattet» waren muntere, gutmüthige Geschöpfe, die e» als die iveientliche Aufgabe ihre» sonst dem Müßiggang geweihten Leben» bettachteten, soviel Bonbons und sonstige Leckerbissen zu vertilgen, als sie deren nur habhaft werden konnten. Den ganze» Tag waren die Hausgeister, da» zahlreich« männliche und weibliche Dienstpersonal, mit dem .Tischchen deck' Dich", beschäftigt und an Gästen mangelte es diesem gastfreien Hruse wahrlich nicht, die täglich die langen Stunden der Muße mft ihren fteundlichen Wirthcn am Kartentisch oder an der Sprisetafel verbrachten und für die empfangene Bewirthuug durch die leckersten, den jungen Mädchen überreichten Bonboni-re» sich erkenntlich zeigte^ . Kam Elaudine de» Morgens, um einen ihrer höfliche» Begleiter zu einem verabredeten Rundgaug abzuholen, so hieß es gleich im vielstimmigeu Chor. .Aber einen kleinen Imbiß werden Sie doch nicht verschmähen?" Und der Umbiß dehnte sich dann so maßlos in die Länge, daß, nach genauer Berechnung, bis zum Diner kaum noch Zeit für die Toilette erübrigte. .Und Sie müffen unbedingt bleiben," fielen tma» die Mädchen schmeichelnd und liebkosend über sie her; »Heute wird Gregor Wasfilewitsch zu Tische sein, denken Sie sich, «in Dichter! — und so interessant," fügte Ljuba, di« Nettere,' erröthend hinzu. (Fortsetzung folgt.» Ner Phonograph rin Mnttfemil. Humoreske von S. N. MargnlieS. (Schluß.) Unser Held pflegte oft de» Nachts zu träumen. Vielleicht stammte diese Gewohnheit noch au» seiner Kindheit, vielleicht erst aus der später» Zeit, wo er fich so eifrig mit dem Lotto-* spiel beschäftigte. Bei aller Wahrheitsliebe, die un» bei dieser Erzählung leitet, vermöge» wir diese» nicht mit Bestimmtheit auzugeben. Seltsam war e» aber, daß ihm «tutge Lag« darauf, ccdibem er ein so ernster Zeituagsleser der Traumgott wieder erschien. E» »»»reu irrdeß C 5.