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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 26 (1893) · p. Seite 100

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
26 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 100 (sequence 2)
Language
German
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'?c blickt« mitleidig auf die Lersammelten, die nur mühsam ein Kichern unterdrücken kannten. Doch sich beherrschend frug der Eine und der Andere mit erheuchelter Betrübniß: „Ja weshalb, warum denn, Herr S . .?" „Das will ich Zhnen unumwunden erklären. Sehen Sie, ich bin ein ehrlicher Mann, ich kenne keine Zweideutigkeiten, keine gelehrten Spitzfindigkeiten, und deshalb ist es mir schier unmöglich, mit Leuten an einem Tische zu berathen, die aus sogenannter Weltklugheit, stet» den Weg der Diplomatie einschlagen." Hier streifte er Bertram mit einem kaum mißzuverstehenden Seitenblick. „Ich folge nur der Stimme des Herzens — ich bin ein ehrlicher Mann - und hasse die Höflichkeit und sage, eS lebe die göttliche Grobheit, die mit Keulenschlägen dreinfährt." Ein unzufriedenes Gemurmel unterbrach diesen Redestrom und schon war man nahe daran, die Allen erwünschte Demiffion auzui.ehmen, ils Bertram sich erhob, und gelassenen ToneS sagte: „Ich glaube aonehmen zu muffen, daß dieser indirekie Angriff mir gilt; ich möchte dahingestellt sein laffen, aus welchen Motiven er erfolgt ist; doch ta ich meinem Herrn Vorredner beipflichten muß, daß es bei solchen Gesinnungen schwer ist, gemeinsam an einem Werke zu arbeiten, so erscheint allerdings der Austritt des Einen von uns Beiden geboten. Gestalten Sie mir demnach Ihnen kund zu lhun, laß ich derjenige bin, der das Held räume, weil mir zur Förderung unserer Sach«, um die es doch in erster Reche zu thun ist, Herr S. unenrbehrlich erscheint. Meine Mitwirkung bleibt Ihnen, auch ohne Amt und Würde, erhalten - Und dabei blieb es troy allseitigcn heftige» Wiederspruches, trotz der Entschuldigung, zu d:r selbst der auf's äußerste verblüffte Herr S. sich herbeiließ. — Und als sie bedachte, wie er sein Wort eingelöft und welch' rege Förderung er dein Werke angedeihen ließ, dem er doch nun äußerlich fern stand, so fühlte sie wieder einmal aus welchem Schrot und Korn der Mann war, dem sie sich hingegeben. — Ganz und bedingungslos, — denn nach schwerem, innerem Kampfe hatte sie einen stillen Sieg der Entsagung errungen, hatte sie es ausgegeben, ihn in ihre Jdeensphän zu ziehen, ihn, wie sie «S anfangs geträumt, für sich allein zu besitzen. Sie verzichtete, unter schmerzlichem Zucken, auf die hundert kleinen Aufmerksamkeiten, die die liebende Gemeinschaft bieiet, auf die Befriedigung des ihr innewohnenden, heftigen MittheilungSbrdüriniffeS. Sie wollte nun, anstatt mit vollen Händen zu geben, nur auf'S Empfangen sich beschränken und, in seine Domäne eintretend, die treue Genossin seiner Ideen und Pläne, die unfichtbar-fördernde Theilhaterin seiner geistigen und Humanitären Bestrebungen sein. Hier hob ein tiefer Seufzer ihre Brust und ei» Zug bitteren Weh's umdüstertc ihr schönes Antlitz. Wie hatte er ihre Entsagung gewürdigt, wie den schweren Sieg über sich selbst ihr gelohnt? — Sie erinnerte sich, wie sie einst, in einer Anwandlung heroischer Selbstüberwindung, in's Arbeitszimmer ihre« Satten getreten und die Hand auf fein gedankenschweres Haupt legend, ihn gebeten, sie Theil nehme» zu laffen an seinen Sorgen und Grübeleien: »Vielleicht," sagt« fie schmeichelnden Tones, »kann ich die schwer« Bürde Dir trage» helfen." Und wie lautete seine Entgegnung ans jene Bitte, die fich so widerwillig auS der stolzen Brust grrnogen? Mit kaum verhehlter Ungeduld sagte er: »Du verstehst doch nicht» von den Dingen, die mich beschäftigen» willst ihnen auch kein Lerständniß eutgegenbriugen, weshalb also ein Jntereffe da» Dir fern liegt, heucheln?" Eine jähe Blutwelle stieg ihr in» Antlitz und färbte e» bis an die Haarwurzel. .^Heucheln?" Du wählef: in Deiner gelehrten Zerstreutdri: nt Worte sehr sonderbar. Rach so lange« Beisammensein solltest Du doch «ndlich schon wissen» mit wem Du e» z« thun hast und ob die Beleidigung auch verdient sft, die In in aller GemüthSruhe mir zufügst. Doch wann hättest D« es der Müh« werth erachtet, in das Innenleben einer Person - einen Einblick zu gewinnen, die sozusagen Deine zweit« Hälfte , sein sollte und die — und dir" — ein unterdrücktes Schluchzen ' erstickte den leidenschaftlichen Ausbruch.; Er rückte unmuthig auf dem Seffel hin und hei, zuckte mit den Achseln und leise murmelnd: »Wieder eine Scene, — fatale Nervosität", beugte er den Kopf über seine Schriften, , fest entschlossen, nichts zu hören und zu erwidern. Lief empört stürzte fie au» dem Zimmer, um in der Einsamkeit ihren Thränen freien Lauf zu lassen, die nicht blos dem ererlittenen, sondern auch dem zugesügten Unrechte stoffen. Sie konnte es fich nicht verhehlen, daß ihr heißes, unj gebändigtes Temparament nur zu oft die Oberhand üoer ihre 1 kühl erwägende Vernunft gewann. »Bei den geringfügigsten Anläßen", meinte ihr Gatte, und wie sollte er auch! ander», da er nicht die leiseste Ahnung von dem Aufruhr ihrer Gedanken, ihrer inneren Zerrüttung hatte und ihm somit der Zusammenhang zwischen ihren Aeußernngen und den fie bestimmenden Beweggünden fremd war. War e» aber ihrer Würde und Selbstachtung entsprechend, ihn durch Thränen und , Vorwurf zur Ergründung ihres Wesen» zu zwingen, ihm eine Kennlniß aufzudrängen, für deren Erlangung ihm entweder i der gute Wille oder sonst ein Organ mangelte? Konnte ihre I Heftigkeit nicht gerade die entgegengesetzte, als die beabsichtigte Wirkung erzielen, ihn ablehnend und kühl einer Individualität gegenüber stellen, deren äußere Bethätigung ihm so wenig anmuthcnd erscheinen mußte? Zehnmal hundertmal hatte sie sich all dies wiederholt und doch war, bei jedem erneuerten Anstoß, der Wall, de» die Vernunft schützend um die weibliche Würde errichtet, durch die Hochfluth bitterer Worte durchbrochen. Und Bertram, der den Ariadnefaden zu dem Labyrinth de» weiblichen Herzen» nicht besaß, eS auch, bei seiner absorbirenden, geistigen Thätigkeit, als Zeitverlust betrachten mochte, ihn zu suchen, litt darum nicht weniger unter einer bleiernen, zeitweise von den zackigen Blitzen de» Zorne» zertheilten Schwüle. Die Bläffe seines ernsten Angesichte«, - der fest geschloffene, fast nie durch ein Lächeln erhellte Mund bezeugten zur- Genüge sein innere» Mißbehagen, obwohl seine Unfehlbarkei», die einen Rechnungsfehler als pure Unuiöglichkeit ausfchloß» ihm niemal» daS Geständniß entlockt hätte, daß er eine Enttäuschung erfahre» und daß da» LooS, welches' er in der Ehe gezogen, bi» nun einer Riete verzweifelt ähnlich sah. - | Und doch lag, da» mußte fie fich immer wieder sagen» kein ernster Grund zu solch einem Mißverhältnis oor, das auS kleinen Anfängen, in stetiger Verschärfung, fich entwickeft hatte. Leichte Verdrießlichkeiten, die, so man sie unr nicht *' beachten will, thatjächltch nicht vorhanden find» dagegen im großen Ganzen, viele Berührungspunkte, so viel« Arlläff« z« gegenseitiger Würdigung und Anerkennung. Das gab doch gewiß ein« fest« vafi» für den Ansba» einer behaglichen Hänslichkeit, »nur muß ich selbst und allein Hand auiegen. da de» Biel- und Einseitigbeschäftigtru die Zeft hierzu mangelt," schloß fi« fast laut ihre Rückschau. — Da hört« sie deu wohl- > bekannten, heute besonder» eiligen Schritt ihre» Gatten, „und '■ er hat mir nicht einmal zum Hochzeitstag eia fttnndliches Wort geboten," schoß es chr »ieder durch'» Hirn und setzte einen lrtchten Dämpfer auf die noch eben empfnudeve, frohe Erhebung. : Die Thür wurde jetzt hastig geöffnet und Bertrim trat' mit einem, seinen Wesen ftemden Ungestüm in'» Zimmer. „Laß', bitte, meinen Reisekoffer packen — eine unerwartete Geschäftsreise, — nach Petersburg", fügte er mftna- -A sicherer Stimme binnn. * „Eine Geschäftsreise? Wie kämest Du z« einer solchen? Und dies oesetzt Dich dermaßen in Erregung?" Sie schüttelt« 2 nnglinbtg de» Kops. & „Run, weshalb sollt« ich es Dir verhehle»? Ren,

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