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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 25 (1893) · p. Seite 97

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
25 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 97 (sequence 3)
Language
German
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ir 7 ' V — 97 — w.! singend; wieder schaue ich den traulichen Familie,-tisch mit den unter gestickter Decke ruhenden Barche» und dem schmackhaften Butterfisch! Vorüber! Vorbei! Ei» ungestüme» Streben im Sinne der Neuzeit, ehrgeizige Pläne uni» rastlose Kämpfe erfüllten Jahre hindurch mein ganze» Weser, so daß ich nur selten Zeit gewann, freundlichen und friedlichen Erinnerungen nachzuhängen. Ist e» mir etwa allein so ergangen V Hoben nicht zahllose Abkömmlinge Israel» zeitweise ihre Abkunft ganz rergeffen, um vollständig Deutsche zu werden, um mit ganzen Herzen Schulter an Schulter, Brust an Brust mit den Na-kommen der alten Germanen zu ringen für die Größe und Sicherheit de» Laterlande», um mit ihm gemeinsam emfig zu arbeiten an den großen Kulturaufgaben unserer Zeit? Halen nicht so wie ich Tausende wenig mehr an den angeerbten Schatz uralter heiliger Traditionen gedacht, die wunderbare Lichtquelle au» dem fernen Osten unterschätzt, trotzdem derm reinste Strahle« heute noch sowohl da» Judenthum wie da« Ehristenthnm durchglühen, die tiefe Poefie der Psalmen verkennt, obgleich dieselbe in so vielen Schöpfungen deutscher Diester harmonisch viedrrklingt? Fühlen nicht aber auch genau s>» wie ich augenblicklich Tausende, daß sie al» Bürger künftiger Jahrhunderte die Jetztzeit weiter fortgeschritten wähnter, al» ste in Wirklichkeit ist, daß wir noch sehr weit entfernt find von Verwirklichung de» erhabenen Ideale Lrssing», daß sein Evangelium der allumfassenden Menschenliebe noch rechwenige Bekenner zählt und daß auch von diesen fich noch de Mehrheit durch den Terrori»mu» der Ungeduldsamen eiwchüchtern läßt? Ich darf nicht allein sagen: St« habe» «ich verfolgt «tt bitterem Spott» Und dann an« ih«r Ritt« «ich vertrieben. Seil ich »ich« betet* j« ihre« Sott«. Der doch gebol die Keind« selbst zu lieben I Hier vor dem Portal der Synagoge fühle ich mich deshalb wie ein Wanderer, der nach Jahren zur Heimath zurückkehrt, Trost findend bei dem Gedanken: »Und sie bewegt fi h doch!" Trotz jeweiliger Hemmnisse ist die Menschheit in ewigen Forttschritte begriffe», nicht zur Lerwesung, sondern zu einem durch Lieb und Licht verklärten Leben. So komme ich zu Deinem Haus«, treuer Vater der Menschheit und beuge da» Knie vor dem Schöpfer de» Guten und Schönen. Ow»u bssaecho! Da» empfinde ich, dir Schwelle de» Lorraom» überschreitend. Nun stehe ich in einem »eiten Hofe, in welchem richt» »nd link» Treppen zur Frauen-Synagoge «mporführen, wogegen mehrere mit bunten Butzenscheiben versehenen geschmackvolle Glatzthüren de« Mittelbau«» die Eingänge zur Männerabtheilung bilden. Der eine Mischung von romaniststm und maurischem Style aufveisende große und hohe inner e Raum de» neue« Gotteshaus«» an der Ltndenstraßr zu Berlin gewährt Abend» bei der wundervollen elektrischen Befeuchtung einen höchst stimmugtvollen Eindruck. Lo» dem rothen Grundton« der übrigen Gebäudetheile hebt fich, von goldenen David«sterne» und hebräischen Worten umrahmt, die Iilendrndweiße östliche Seite mit dem Altar der Kanzel, und ter Orgel wirkungsvoll ab. Daß die Akustik eine ausgezeichnete ist, beweist die Tonfülle de» künstliche» Orgelfptel», welche» den Abendgo iteSdteast feierlich eiuleitet. Sodann ertönt, durch einen vohlg schulten, vorzüglich« Stimmen omfaflenden gemischte» Chor vor getragen, ein trefflich komponirte» deutsche» Lied, eine «schick! e Uebertragung de» alte« „Ma tauwu“. Die» giebt der all gemeinen Empfindung der Andächtigen Au»druck, denn nicht »ur hier in diesem Bethel» von dem man unwillkürlich sagt.: „1U »»uro hamokaam base“, sondern auch von der SabbathstiLe de» i»raeli:ische« Familienleben» gilt da» Wort: .Wie schön find Deine Zelte, Jakob, Deine Wohnungen, Israel!“ .Kr den deutschen Ehorgesaug schließt fich da» v« Bor- .Afchre“, i» hebräischer Sprach« schluß de» Mincha-Gotte»dienfte» bildet ein vor» Rabbiner inbrünstig gesprochene» kurze» deutsche» Gebet de» Uebergang zur eigentlichen Sabbathfeter, bei welchen daun ta» „Lecho daudi“, der den Ruhetag mit einem sehnsüchtig erwarteten Bräutigam vergleichende jubelnd« B«rüßung»gesang unter Orgelbegleitung ertönt. Daran reihen fich froh« Psalmen uni» die üblichen Freitag-Abend-Gebete. Den Schluß bildet da» vom Rabbiner theil» in deutscher, theil» in hebräischer Sprache zum Bortrage gebrachte .Alenu“, eine ausdrückliche Betonung de» festen Glauben» an den Einzig-Einen und die derelnstigi brüderliche Einigung de» ganzen Menschengeschlecht». Unter brausenden Orgelklängen leert sich hierauf da» 8otte»hau»; tiefergriffen verlaffe auch ich die heilige Stätte. * Lebhaft an die fromme Kinderzeit erinnert und inuig gerührt, frag« ich mich selbst auf dem Heimwege: „Ma nischtano halajlo hase?“ Kar manche Synagoge habe ich ja im Lauf« der Jahre besucht, ohne einen so tiefen Eindruck empfangen zu haben. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr befestigt fich in mir die Urberzeugung» daß e» di« bei dieser gottesdienstlichen Ordnung überall» glücklich hrrgestellte Mischung von Jüdischem und Deutschen«, von Altem und Neuem ist, welche so andächtig stimmt. In einzelnen orthodoxen Gemeinden habe ich deutsche Lieder und Gebete, besimder» ober da» Orgelspiel schmerzlich vermißt, jene mächtiger Andachtsmittel, welche dem Gotte-Hause eine höherer aesthetische Weih« verleihen. Ich fand sie in Reform-Gemeinden wieder, trotzdem ließ mich auch dieser Kultu» kalt, weil hier Ixr mit den hebräischen Gebeten eng verknüpft« Zauber einer uralten Tradition fehlte, besonder» aber jede Erinnerung au» der Kinderzeit, die bei der Innigkeit de» jüdischen Familienleben» so tief im Herzen wurzelt. Wie wirken sie doch so anheimelnd jene alten Ceremonien, besonder» jene tradittonellen Melodien, bei welchen man nur da» Unschöne uni» rohe Beiwerk zu beseitigen braucht, um Etwa« zu erhalten, ta» fich harmonisch an neuzeitlich« SndachtSrrverrichtungen anschtteßt. Ich gehöre wahrlich nicht zu Denen» welche da» alte »Chafonu»" mit allen alten Weisen (Nigunim) al» ein« noch vom Berge Sinai stammende Uebrrlieferung verewigt sehen möchte; ich weiß auch recht gut, daß diese alterthümlichen Melodien nicht morgenländischen, sondern romanischen oder sarmattscheu Ursprung» find. Die Zeit übt aber «tu heiligender Recht; viele dieser alten Weisen haben jedoch auch mufikalischen Werth und finden in vorzüglichen Transkriptionen bewährter späterer Meister den lebhafteste« iveifall der Knastverständigen. Besonderer Werth ist darauf zu legen» daß die Beibehaltung hebräischer Gebete und Gesänge di« frühzeitgr Erlernung dieser Sprache durch di« jüdische Jugend bedingt. Dadurch wird aber die letztere gleichzeitig -n den Stand ge» setzt, die heilige Schrift in der Ursprache kennen zu lernen, besonder» di« Schönheit der Psalmen zu würdigen, welch« auch di« beste Uebersetzung immer nur uuvollkomroenl iviedergebe« kann. Die darauf verwendete Mühe ist ficher nicht verschwendet; dafür wird wentger Zeit beansprucht, al» für die Erlernnng ftommer Dichtungen und Lhoräle die christlichen Schulen. Richt» liegt mir ferner al» der Gedanke, die herrliche deutsche Muttersprache an» dem jüdischen Gottesdienste verbau»«« zu wollen. Die deutsche Predigt ist eine heut, von allen Juden geschätzt« treffliche Errungenschaft; da» deutsche Lied ist jetzt schon bei den Deutschen mosaischen Bekenn niffe» eine voll anerkannte Macht. Auch da» deutsch« Gebet hat, wen« von den Rabbinern dialektfrei zum Vortrag gelöscht, sei« verechttgung, dt« fich wahrscheinlich in Zukunft noch erweitern wird. Nur soll e» di« Dauer de» Gottesdienste» nicht übermäßig verlängern oder gar da» hebräisch« Gemeinbegebet, di»t- An«drnck der altgewohnte» Andacht, ganz verdränge»! langsam und mit pfttätvoller Schonung darf dal fiter de» israelitische» Calta# vor fich güp», 7S>M.V ' «tt «*».1! "

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