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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 25 (1893) · p. Seite 98

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
25 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 98 (sequence 4)
Language
German
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— 1)8 — keinen Ersatz dielen kann. Man verleidet sonst frommen Inden die Synagoge und verfehlt trotzdem den Zweck der KultnSreformen, indifferente sogenannte »Hochgebildete" für den Besuch de» Gotteshauses ,u gewinnen. Dieser hochmüthige Jndiffcrentismu» ist ein arge» Uebel; er schadet mehr al« der Antisemitismus, deffm Gehässigkeiten in vielen Juden dar Ge'ühl brüderlicher Zusammengehörigkeit wieder aufgefrischt und ihr fast erloschene« religiöses Bewußtsein wieder angefacht hat. Weder gegen den Antisemitismus noch gegen den JndifferentiSmuS kann man mit SultuSreformen allein etwa» auSrichten; der Reformhrbel muß anderswo angesetzt werden — dort wo die Jagd nach leichtem Gewinn, die gedankenlose 'Genußsucht, die Mißachtung der nur langsam und mühsam »nm Wohlstand führenden körperlichen oder geistigen Arbeit die größten Mißstände hervorgebracht haben. Wichtig bleibt eine richtige Ordnung des jüdischer Gottesdienstes trotzdem; sie muß eine derartige sein, daß die Synagoge nicht nur da» Gotteshaus (Bethel), sondern auch den Mittelpunkt regsten GemeindelebrnS (Beth haknesses) darstellt. Rach dem erbauenden Eindruck, den ich am Freitag Abend empfangen habe, zu urlheilen, haben die Ordner des GotteSdiefteS in der neuen Synagoge an der Lindenstraße dieses Ziel vor Augen gehabt und nahezu erreicht. Möge man e« überall beherzigen, »daß nur in dem rechten Lerständniß des Alren das Reue nian kann segcnSreich gestalten." _ A. L. „3Ran( halte« ««d arbeite«." 'ine Seschichte von Ludwig Franl-Ronnenweier. ES war ein schöner Moitag gewesen. Gegen Abend wurde das Wetter so trübselig, wie eine politische Versammlung : Die Blitze zuckten und i>ie Donner grollten, ganz wie es m den schönsten Gedichten vorgeschricben ist. — Der Regen peitschte platschend an die Schüben, und ein Windstoß riß einen Fensterladen mächtig polternd los, so daß der schöne Wandspiegel und die noch fdjönere Hausfrau zitterten. — Hu! Hu! unbehaglich!" . . . Wir rückten enger zusammen: auf dem Sopha Freund Lehrer mit seinem glutäugigen Weibchen, zu ihren Füßen Schwägerin Pauline und Schwester Therese in eleganten Frühjahre toiletten, — und am Tisch saß noch einer, streckte lange Beim von sich, stützte den Kopf in die Hand, hatte langes Kraushaar, ein trotziges Gesicht und Geburtstag. »Was fehlt Ihnen? Warum so düster?" frug plötzlich die resolute Pauline. Da hob der Lange den Kopf und sprach seufzend: „Der heutige Tag ist mir ein Symbol ineiucö Levens; eS hat sonnig Iregonnen und wird in Trübsal enden." Nach diesein tiefsinnigen Orakel erscholl vom Sopha gewaltiges .Hohngelächter; nur die zartbesaitete Therese nickte mitteidig Beifall. Doch schnell wie ein Gedanke war die Wirtin zum Schranke gehuscht, hatte den Weinkrug ergriffen und die Gläser gefüllt. Der schnurrbcrtige Lehrer erhob sich und hielt die GebnrtStagsrede. Sie floß glatt wie Oel aus seinem Munde und wirkte wie Oel beruhigend auf das stürmische Meer der duftern GeburtStagSgefühle. Des Langen Augen waren schon wieder so hell, wie die einer fetten Fleischsuppe. Da kam her Redner zum Schluß: „So wünsche ich denn, daß die Zahl deiner glücklicheri Tage gleichkouunen möge der Zahl der Broschüren, die zur Lösung der Judenftage geschrieben werden! Ueber diesen Wunsch ward da» Geburtstagskind totblaß und schrie schmerzdurchwühlt: „So soll ich tausend Jahre alt werden, eia zweiter Ahasner? Rie, nie sterbenach ich armer, ewiger Jude!" Aber die Hausfrau war schon wieder da und stellte vor die Nase deS Jammernden einen gewaltige» AebnrtltogSkuchen, und er Hub an zu esse». In ttescf Schwcrmnth vertilgte er da» Rlesengebäck, da4 in eine gelbliche Zeitung gewickelt war. Als er aber sein Werk zu Ende gethan, glättete, er da» Papier und la» lange-lange. Da rief eS von« Sopha: „Was hast Du denn wieder zu lesen?" und er entgegnete mit mächtiger Grabesstimme: „DaS Ding hier, meine Lieben, ist ein jüdisches Blatt, deffm Titel nicht mehr lesbar. Ich will nicht behaupte», daß der Kuchen das Beste ist, wa» je in diesem Blatt war; eS hat ja immerhin ökonomische Bedeutung, wenn nicht für die Entwicklung»- so doch für die Einwicklungsverhältniffe Israels. Da macht ein Herr Oskar Dreifuß in der Rubrik „AuS der Schulpraxis" mit blutigen Ernst den Vorschlag, man solle fortan den Hauptnachdruck auf den Unterricht in der j ü v i s ch - n Grammatik lege». Ich bemerke nebenbei: Dem Antragsteller würde ein bischen Unterricht in der deutschen Grammatik nicht schaden. Er behauptet z. B.: „Die Gleichgültigkeit a» dem Jutenthum greift in erschreckender Weise um sich." — Herr Oskar Dreifuß kann trotz dieses Fehler» ein ganz braver Mensch sein; ich habe ihn sogar im Verdacht, daß er ei» warmes, der Begeisterung fähiges Herz hat. — Ueber die Berechtigung seiner Forderung will ich nicht streiten, obwohl meine« Erachtens die Entwicklung deS jüdischen Religionsunterrichts in ganz andrer Richtung vor sich geht. — Ich will alles, alles zugeben, Such da» «igent» thümliche Dogma, daß der Schüler „durch die mannigfachen Wort» und Satzkonstruktiouen" Interesse an der Sprache bekomme. Wer weshalb hat er dm unglückseligen Einfall, die Brdmtung seine» Vorschlages ungeheuerlich zu übertreibm und mit dem Schwert der hebräischen Grammatik dm gordischen Knoten der „Judenfrage'' lösm zu wollm? — Er erinnert mich an cinm ehrsamen Dorfbadcr, der ein Kittel gegen Zahnweh gefunden zu haben glaubte und damit Lungenschwindsucht heilen wollte. Aber , ich zürne Herrn Oskar Dnifuß nicht: ich verzeihe ihm und bedaure ihn: er ist auch ergriffen von der Krankheit der Zeit; jeder halbwegs anständige Mmsch hält eS für seine Pflicht, tmviale Artikel über die noch trivialere „Judmfrage" zu schi eiben. — Wann wird das mdm? Wann begreift man, daß vielerlei Arzneim den Magen verderbm, daß der einzelne Soldat wacker auf seinem Posten ausharren muß, aber keine FeldzugSpläne zu zeichnen hat? Wann würdig» man mdlich da» goldene Wort des lieben, unglücklichm Stauffer-Bem: „Bl a u l h alten und arbeite »?!" M s sch r 15. »MitGott, mein Kind, und schreib' auch gleich!" DaS war ihr letzte« Wort» Sie sprach e« au« so todtenbleich Und schlich sich langsam fort. Ich ging drei Schritt', dann stand ich ftnmm. Sah ihr noch lauge nach Die Mutter sah sich nicht mehr um. Weiß nun woran das lag. Da» ist so manches Jahr nun her. Doch denk' ich jener Zett. So wird mir oft das Herz so schwer, Al« wär'» ein frische» Leid. Max Weinberg. Jachcktt: HwMm otox di» HetdstblSht«. Oetgmal-Niwell» Ma A. 8. M- (Forts»Pnag). — fta Krtthi(.«Ucnk ta tot atani Btto Uan CHaaMtfc Bon A. L. — .Maat hatten aak attoitta.' Beschichte »oa Lad».Ftaak-A»aa»a»»t»r. — tzoa »ax Sfiaictg.

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