Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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daher nichk wenig betreten, alb Slaudin« in die ihr dargebotene Rechte nicht einschlng, sondern mit leise vibrirender Stimm« erwiderte: „Ich will wahr und einfach» wie e» in meiner Natur liegt, zu Ihnen reden, Herr Professor. Ja, weshalb sollte ich e» leugnen, «» würde mir wohl zur stolzen Genugthuung gereichen, etwas in Ihrem Leben zu bedeuten, nicht aber, beileibe nicht, ein Spielzeug für Ihre Mußestunden.' „Das war ja nicht so org gemeint," unterbrach er sie in begütigendem Tone. „Nicht so arg. doch schlimm genug," erwidert« sie trübe lächelnd. „Nein mein Herr Professor, so denke ich mir di« Ehr nicht. Sie muß ein vollständiges Aufgehen in einander zur Folge und daher die Berbindung gleichartiger oder doch gleichwerthiger Theile zur Voraussetzung haben. Der Mann ist anders geartet wie die Frau: er ist schöpferisch, sie grübelnd, er setzt den Gedanken in die Welt, sie baut ihn, sei e» auch nur durch direkte Anregung, zu einem lebenskräftigen Organismus auS; er producirt, fie erhält, — und Schiwa ist keine geringere Macht wie Brahma, wenn auch eia wenig untergeordnet. Der Dreiklang macht das Wesen der Harmonie, die Berbindung der Kräfte, erzeugt die Kraft, die Gottheit. Fängt man aber zu mäkeln, jedem seinen Thril mit zögernder Hand zuzuwiegen an, io entsteht eine innere Geschraubtheit, die bald zu offenem Widerstreit sich steigert. Der Wurm nagt an der Wurzel und dir Pflanze, durch freiwillige» Zusammenfügen der Elemente genährt, trägt hier den Keim der Fäulaiß» der Zersetzung in sich." — „Der Vergleich auS der Botanik herbeigeholt, ist nicht ganz zutteffend," begann er scherzend. Zwei ungleiche Theile können kein einheitliche» Ganze bilden." „Und doch muß eine Ehe," beharrte fie, „ein einheitlicher, lebensfähiger Organismus sein, dem innere und äußere Widersprüche eben so wenig auzuhaben vermögen, wie dem einzelnen Individuum; der Widerstreit mit fich selbst und seinem zweiten Selbst wird durch die Allgewalt der Lieb« schon ausgeglichen — Sie werden mir sagen, daß diese Auffassung eine zu ercentrische für eine juridische Jnstimtition, daß für diesen Pass«» de» Familienrrchte» ein Urberfltlß an Idealismus und Schwärmerei vergeudet. Möglich; doch weil ich eben mit diesen Anschauungen in meinem Kreise stet» vereiuzelt dastand, hütete ich mich bi» nun vor lebenslänglichen Banden, die bei solcher Verschiedenheit da» Unglück Beider zur Folge haben müßten." „Versuchen Sie e» trotzdevl mit mir. Wir wollen sehen, ob wir nicht mit vereinten Kräften die Schroffheit unserer Ansichten mildern und zu jener Einhelligkeit gelangen können, die Sie eben so lebhaft geschildert. Wir werden trotz der scheinbar so großen Berschiederheit ganz gut mitsammen an»-- kommro, denke ich, und sogar, eine geheime Ahnung sagt et mir, da» finden, woran wir Beide in unserem sonnenleerer: Dasein Mangel gelitten. Sie sollen sehen", fuhr er ungewöhnlich weichen Tone« fort, ..daß wir da» Glück an unsere Heimstätte fesseln und der Welt noch einst eine Freude und und ein Beispiel sein werden." Llandine zählt« bereit» fimfundzwanzig Jahre, aber in ihrer Empfindung war fie jung, rein und ftüsch wie ein achtzehnjährige« Mädchen. Sie ttmg ein heiße» Verlangen nach dem unerreichten, in dämmeriger Ferne vorschwebeuden Glück», ideal in ihrer «ogenden Brust; sie erglühte bei der Verheißung derselben, die ihr eine Himmelttbotschaft dünfte, nnd ohne der leisim Krampf zu beachten, der mitten in der fie durchflutender: Leeltgkeft ihr Herz ahnend zusammenzog, schlug sie ohne wettere» Bedenken in die abermals dargereicht« Hand. ES war ein kräftiger, treuherziger Druck, der ihr die wortlose Hingabe lahm«. — Und sollte diese ehrliche ManueShand, die fie oft ihre» »eichen Fingern umschlang, nicht stark genug sein, fie dnrch all« Fährnisse de» Leben» sicher zn-geleftenV In einer stillen Straße in L. stand da» stille einfach«,! doch zierlich gebaute Hau», dessen Besitzer und alleinige Bewohner Proftssor Bertram und seine Fra« waren. In ihrem- Boudoir, dem elegantesttn Zimmer der einfachen, sehr geschmackvoll eingerichteten Wohnung, saß Llandine vor ihrem Schreibtisch, den Kopf sinnend auf die Hand gestützt. — Zwei Jahre find seit ihrer Vermählung verstrichen und heute am Gedenktag diese» großen, die ganze Zukunft bestimmenden Ereignisse«, hatte ihr Gatte ihr nicht einmal gratulirt. — Da» war der Ausgangspunkt ihrer schmerzlichen Grübelei. War e« Lieblosigkeit, Herzenskälte, die diese Unterlassungssünde hervorriefen? O nein, war er doch gut, sehr gut, und er liebte fie auch, vielleicht mehr al» irgend ein nienschliche» Wesen, aber in seiner Weise und diese Weise war ihr fremd und abstoßend, heute ebenso wie am ersten Tage nach ihrer Berbindung. Und da zog eine ganze Reihe von Bildern vor ihrem inneren Auge vorüber, die ihr iu wechselnder Gestalt stet» denselben Grundriß darbotea: Verständnislosigkeit, Mangel- - hafte» Eingehen, um nicht zu sagen abfichtliche» Urberfthen ihre», zumal in der ersten Zeit, nervö» gesteigerten Gefühlsleben». Der erste Schritt in» Leben zu Zweien, die Hochzeitsreise, sollte schon einen breittn Schatten auf ihre gegenseitigen Beziehungen werfen; e« entstand die« in Folg« einer Lücke in seiner inneren Organisation, die ihr zwar au» seinen Aeußerungea schon früher ersichtlich war, deren Tragweite und Rückwirkung auf ihr eigene» Empfind«, fie fich indes nicht klar gemacht hat». Daß sein Kunstsinn, wie seine Smpfänglichkeit für da» Schöne in seinen verschiedenen Erscheinnng»- formen so gut wie gar nicht entwickelt war, oder vielmehr durch die Ungunst der Verhältnisse niedergehalten, nur latent vorhanden war, da» wußte fie zur Genüge; war er doch nicht saumselig im rückfichtSloS-wahren Entblößen seiner Schwächen! Doch, wean e» sie auch schmnzlich berührte, für ihr rege« Kunstverständnis kein Entgegenkommen und für ihren Mit-, theilung»drang kein Ventil zu finden, so konutt fie zur Roth auf die ersehnte Gemeinsamkeit im Schauen und Genießen verzichten. Rur sollt« er ihre durch die angeborene Lebhasttgteit gesteigerte Genußfähigkeit, nicht mft so kritischem Blick und unter so falscher Beleuchtung betrachten. Al« kindische, ihrem Alt« ganz unangemessene »«rgnügungSsucht wurde da» heiße Bedürfni» nach intelektuellcm Genießen bezeichnet und mit kühler, fast beleidigender Ruhr zurückgetoiesea. „Ab« Llandine", hieß «» dann, „wie mag sich nur diese Sucht nach Abwechslung mit Deinem vorgeblichen Ernst und Deinen Jahren vettragen? ES schickt fich einfach nicht." (stortsetznng folg».. vä *iti Mreitag-MSenV in der neuen Mevlinev Synagoge. Die mir noch wenig vertraut« Stätte mein« neue» > Thätigkeit an einem Freitag-Abend verlaffead, schreite ich au der Jerusalem« Kirche »orüb« die Lindenstraß« entlang und fühl« mich plötzlich au» wehmüthigen Sinnen durch die Wahrnehmung emporgeschreckt, daß zahlreich« vor mir hergehende - Männer und Frauen ln da» hohe Portal eine» tu roth«« > Ziegelbau aufgeführten stattlichen Gebäude» einbiegen. Nun besinne ich mich darauf, daß di« Stund« de» Sabbath-Aufang» herangenaht ist, daß hftr ein neue» jüdische« Sotte»han» steht und gleichzeitig tauchen vor meinen geistigen Auge viel« liebe J Bilder au« früher, harmloser Kiuderzeit auf. vor mir her ** schweben die ehrwürdigen Gestalte» unv«gtßlich« fromm« Großeltern; ich sehe mich selbst da» ehemal» dicht »«lockte Haupt demüthig neige«, um vor dem Gang in die Lp: den Soge» de» liebevollen, inzwischen