Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 3)
- Language
- German
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ScrWtnifft in btt Wtlt umzustürzen sucht, Eiuhal! zu thun und wirksam eatgegeuzutreten.' Staucht ich fit erst, dies« verschiedenen zersetzeuden Elemente namhaft zu machtu, dit die gesellschaftliche Ordnung unterminiren, die Gemüther beunruhigen und die Dackel der Zwietracht in friedliche Häuser werfen? Sie find in allen Ländern» und in allen Klaffen mit offenem und geschlossenem Bifir vertreten, und zählen vielleicht schon nach Millionen Thäten da die Männer, die berufen find, da» Wort Gotte» zu verkünden, nicht besser, ihr Auge auf da» eigene Lager zu richten, und ihre rednerische Begabung zum Heil ihrer eigenen Glaubensgenossen zu vrrwenden, al» ihren, durch irgend ein Privatinteresse') oder durch irgend eine Laune entstandenen Groll gegen da» kleine wehrlose Häuflein Juden zu richten, sie zu einem politischen Spott zu gebrauchen'), zur Zielscheibe einer künstlich zustande gebrachten Berfolgung zu machen, und die Zeiten einer längst dahingeschwundenen traurigen Bergangeuheit heraus zu beschwören? Düstere Gestalten steigen vor mir auf, und lange lange Züge gehetzter und verschmachtender Menschen riehen vor meine» Geiste» Auge vorüber, und ich erkenne den tigerhasten Liberin» wieder, wie er sich air den Anblick weidet, tausende und abertausend« unschuldiger Menschen, wegen eine» Verbrecher», heimathlo» macht und in« Elend und Bcrterbeu jagt. Wer hätte e» denken sollen, daß sich Aehnliche« in unserer aufgeklärter Zeit, wo so viel von Menschenrechten uad Bruderliebe gesprochen wird, noch solche Ungeheuerlichkeiten geschehe» können. Wer hätte r» denken können, da» man in einem Lande, wo e» so weise und humane Gesetze giebt, einer ganzen Gesammtschaft da» llnrecht Einzelner aufbürden kannte. In welchem Gesetze steht e» geschrieben, daß alle für einen leiden müssen, weil dieser ein schlechter Mensch, und zusälligerweise rin Glaubensgenosse der Anderen ist? Und sonderbar! dieser ungerechte Krieg gegen die Äesamnitheit wegen eine» Einzelnen, wird wieder von Einzelnen angestellt, die emsig tcn Haß schüren, gerade wie zur Zeit de» Tacitu». Danal» waren e» besonder» judeufeindliche Schriftsteller, deren Besäiuldigungen und Erdichtungen dazu beitrugen den Judenhaß zu nähren'); heute ist e» der erste Beste. Wir sehen, daß da» Geschlecht der Berleumder noch nicht auSgestorben ist, und nan könnte fast verleitet werde» zu denken, daß einer der Neueste» Monnnsen zn dem sprechenden Bild« gesessen hat, da« er un» von Apion, einen der Väter dieser Bewegung, mit den nachstehenden Worten entwirft.') „Er war ein alexandrinischer Gelehrter und Schriftsteller, voll großer Warte und noch größeren Lügen, von dreister Allwissenheit — er redete und schrieb über alle» — und unbedingtein Glauben an sich selbst, wrnn nicht ver Menschen, doch ihrer Nichtswürdigkeiten kundig, ein gefeierter Meister der Red« wie der Bolk»v«rführung, schlagfertig, W hig, unverschämt und unbediugt loyal." Da» ist da» Prototyp dieser Weltbeglücker, dem die Anderen zum Verwechseln ähnlich sind, und man kö inte fragen, ist e» ein Berdienst für diese Männer, wenn se Anhänger finden, die ihnen zujubeln, während sic die schändlichste» Lügen verbreiten? Oder e» ist eine Schande für bkf,, sich von solchen Leuten irre führen zu lassen, und sie durch ihr Zu- ') Wie i. B. Liebermann von Lonnenseld am 28. 4. 03 in Reichstage bekennt: daß er ai» blutjunger Offizier in WucherNanen »eckte; banal« war er gewiß «-tfrruud mit seinem G eldgeber, und jetzt röcht er sich an seine Nation. »leb, ba« »ich« za Malta? *) .Für bi« Männer — in ben VolksversammlangiA — die wir in diesen Reben vor un» sehen, sagte der Kinanzmiaifier Miguel im Reichstage vom 96. 4. 08 gegen «hlwarbt, „ist nach neiner Ueberder tzlntisemitismu« nur eint Kahne, «in «oiwand.» Fast reue »an laiu motu nur oie Wkmvrnf« ») Kriediändrr, Sitteaß. Rom« (III. 88). 4»»«. «efch. ll. »l8. jauchzen in dem Wahne bestärken, daß ohne fie die Welt zu Grund« gehn würde? Nein, nicht ohne fie, «her durch fie und durch die von ihnen verbreiteten Unwahrheiten wird die Welt geschädigt, denn ihr Geschoß ist nicht blo» »uf da» Judeuthum, sondern auch auf da» Christenthum, wie auf di« bestehend« Ordnung überhaupt gerichtet, nur da z sie vorläufig ihr Auge ganz besonder» auf da» erster« gerichtet zu habe« scheinen, denn hier ist ja leichter anzukommer. Aber e» ist eine große Lüge, wa» sie gegen dasselbe Vorbringen und e» ist eine freche Lüge, daß die Joden al» Gesamtheit trotz der vo« ihren Feinden anerkannten Borzüge f» schlecht gewesen fein sollen, oder e» noch sind, wie diese fie schildern. | Wohl habe» sie ihre Fehler wie andere Menschen auch:! wohl heißt e» in her Bibel von ihnen: „Ihr sollt mir fei»; ein Volk von Priestern", aber bi» jetzt ist diese Verheißung j leider noch nicht in Erfüllung gegangen, und bi» die Zeit ' einmal kommen wird, beanspruchen sie auch weiter nicht», al» j zu sein wie alle anderen Menschen, mir allen ihren Vorzügen ' und mit ihren Fehlern. Oder hat vielleicht auch mit diesen ' Passu» eine Berwechselunz stattgefunden» wie mit der am Anfänge au» deni Tacitu» angeführten Stelle? Und sind am Ende gar die Männer, die an der Spitze der anarchistischen Bewegung unserer Zeit stehen, mit dem Priestervolk gemeint» und sind sie dazu au-ersehen, uyi das Keil der Welt herbei»! zuführen? j Nun, so sehen wir nn» doch einmal diese Männer genau! an, vom Erste» li» zum Letzten, die durchaus den Juden von alletl menschlichen Schwächen frei haben wollen, und fragen wie sie auf» Gewissen: ob sie e» sind. Sind sie alle so ausgezeichnet tugendhaft, daß man ohne Bedenken in ihre Fußtapfen treten kann? — Ist ihr eigener Lebenswandel so fleckenlos, daß sie sich selbst gar keinen Vorwurf zu machen haben? Man darf wohl zweifeln, denn kein Mensch ist frei von Sünden, und so rufe ich ihnen die Worte ihre» Heilande» zu: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, der iverfe den ersten Stein."') Vlanöeuskaiupf. Von Rauch und Dunst und stickig beiger Luft Erfüllt ilt in de» Städtchen» kleiner Schenke Der Stube niedrer Raum; da giebt e» heut' Biel heiße Köpfe und viel heiße Reden! flo harmlos sonst geschwatzt ward ohne Streit, a fliegen heut' der Worte gtft'ge Pfeile, Und wo man sonst beim Trünke Fneden hielt. Wo leichter Spott nur selten einen kränkte, Da tobt e» heut', al» wär' ein Kampf entbrannt! Da lästert man sich heut' und schmäht einander! Sie treiben Politik! — der haare Mann Mit kaum gesproßtem Bart und flacher Stirne. Mit eitel glatt zurückgekämmtem Haar, Der auf erhöhtem Platze steht und redet. - Beweglich, lebhaft, wie ein Bühnenheld, Voll ueberzeuaung leere Phrasen brüllend, Bi» ihm die Stimme rauh und heiser wird. Ist au» der Reichshauplstadt hierher gekommen. Parteihaß in den friedevollen Ort Zn friedlich lebendem Geschlecht zu tragen! Den neuen Lehren lauschen sic verwirrt, Unwillle erst. neugierig dann, dann staunend. Allmählich Beifall murmelnd, wie bekehrt, Und, endlich wild von Leidenschaft durchzitterl. Durchtosen Wort und Ruf und Fluch den Raum; Die Fäuste ball'n sich, und die Herzen zacken! , «DieZeit ist schlecht! Hin schwand da«Erd«nglück!" Ruft jetzt der Redner unter Brifalljauchzcn! „Wir waren deutsch und wurden unterjocht Von einem ftenchen Stamm, der eingedrungcn. Wie fteche» Räubervolk, in unsre Gau'n! Gastfreundlich gaben wir ihm bei nn» Obdach, Geduldet haben wir itzt liebevoll. Und jetzt sind seine Sklaven wir geworinm! Und haben unsre Rücken ihm gekrümmt! ') Jvhaaneö 8. 7.