Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 24 (1893) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
24 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492351-8722848-5962277--2171-5376010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

umzugehen oetftaiib, wußte er längst und dieser Mangel erschien ihm, wie andere seiner Wunderlichkeiten, im Lichte eine« Vorzuges. Doch dem ersten weiblichen Wesen gegenüber, da» ihn ernstlich zu fesseln begann, da« beim ersten Zusammentreffen schon seinem Seifte Befriedigung und seinem Herzen «ine ungewiffe, nie gekannte Wärme vermittelte, da sollte er doch den richtigen Ton finden» den von Herz zu Herzen gehenden elektrischen Strom am rechten Punkte einzuleiten verstehen. Zum ersten Mal in seinem Leben war er gründlich unzufrieden mit sich, war ihm eine sich selbst gestellte Aufgabe nicht gelungen und er in die beschämend« Rothwendigkeit versetzt, von vorne wieder anzufangen. Doch grade dreser Mißerfolg reizte seine Kampflust und mit der zwiefachen Zähigkeit de« Forschers und de« Liebenden — denn al« solchen rubrizierte er sich schon mit gewiffenhafter Genauigkeit, — beschloß er, sobald als thunlich, wieder an« Werk zu gehen. Al« Claudine, wenige Tage später, allein im kleinen Salon saß und mit abwesend:,« Blicke in dem vor ihr aufgeschlagenen Buche blätterte, merkte sie» ohne sich umzuwenden, an ihrem erhöthen Pulsschlag, daß Professor Bertram eingetreten sei. Er setzte sich an ihre Seite und ein flüchtiger Blick ließ sie Beide augenblicklich erkennen, daß eine gewisse Veränderung mit ihnen vorgegang.n, war. Man sprach von gleichgültigen Dingen, von dem Erfolg der jüngsten Theaternovität, vom Besuch der wandernden Kunstausstellung, die in der solchen Genüssen fernstehenden Provinzstadt zur Modesache und zurr beliebten Gesprächsthema geworden war. Tie Damen schwärmten für die nationale Kunst, ein ihnen ganz neues, deshalb so oerlockendes Gebiet. Man trug Handschuhe äla Aiwayowskvunb Schlipse & la Antakulsky,- den Entdecker einer russischen Kunst, die bis nun in der Univrrfal-Kulturgeschichte noch kei len Platz gefunden. Die junge Hausfrau kam herein und auf den Professor zutrippelud, frug sie ihn mit ihreui verbindlichen Lächeln, ob da» Kolorit in den durchsichtig klaren Waffcrskizzen Aiwasowsky'B an die niederländische oder die italienische Schule gemahne? .Wer könnte uns besser als Sie hierüber belehren?" fügte Sie in ihrer einschmeichelnden Weise hinzu. „Zeder anderer eher alt ich," brummte Bertram geärgert. Das seichte, laienhaften Kuustgeschwätz, das Flunkern mit Schlagwörtern, das die Unwissenheit nur dürftig bemäntelte, war ihm von jeher ein Gräuel nud vollends jetzt, wo er es noch überdies al« aufdringliche Störung betrachtete. „Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht dienen," wiederholte er ziemlich unwirsch, „da ich von all dem Plunder absolut nicht» verstehe." Ein flüchtiger Ausdruck des Erstaunens glitt über Emilie'S hübsche», von keiner Falte des Gedanken» umdüstertr Gesicht. Dann gewahrte ihr in'S Leere schweifender Blick den eben eintretenden Redakteur eines Witzblattes, der zu ihren eifrigsten Verehrern zählte und bald hotte sie in leise geflüstertem Zwiegespräch den grämlichen Professor vergessen. Doch Claudine» Befremden war nicht so leicht abzulenken. „Da» was Sie da eben äußerten kann doch unmöglich Ihr Ernst sein?" wandte sie sich nach Emilie'S Fortgehen an Bertram. „Das ich durch das phrasenhafte Kunstgeschwätz aufgebracht, vielleicht ein wenig zu weit ging, mag richtig sein; da» ändert aber wenig an der Thatsache, daß ich von all den schönen Dingen so gut wie gor nicht» verstehe. Ich habe kein Auge für die sogenannte Harmonie der Linsen, Formen und Farben und meinethalben könnte der gemaltr und gemeißelte Rythmus ganz au» der Welt geschaft werden. Die Musik, ließe ich noch einigermaßen gelten; zuvörderst weil sie auf gewissen mathematischen und logischen Voraussetzungen beruht, dann auch, weil in de» berauschenden Klängen alle anderen störenden Einzeltöue der Außeuwelt sich auflüseu und man somit ,«stört denken kann, und zwar je rauschender die Musik, d besser. Aber wozu da» Male«, Meißeln» Dich»«« in dies« Welt gesetzt wurde, da» ist mir unerfindlich. Läßt sich der Gedanke in Prosa nicht hundertmal bester »ad klarer zu« Ausdruck bringe« al» durch da» hohle Reimgeklingel, da» . wie ein gleißender Köuig»mantel die innere Leere nur dürftig verhüllt? Dem Adler gleich i» die Höhe strebenden Gedanken wird die Schlinge de» Verse» umgeworfen und der arme Gefangene windet sich mit gebrochenen Flügeln in dem Käfig, in den er unbarmherzig gesperrt wird." (Fortsetzung sogt.) Leitöildev. Boa M. Jilbersiein-Breata«. (Schluß.) Reue Denker und Zweifler waren entstanden, und die Wissenschaft, al» dritte im Bunde, resormirten beständig um di« Religion herum, daß zuletzt nicht» mehr von ihr übrig blieb, und die französisch« Revolution hatte in der That schon zur Zeit Göthe'S alle Religionen für überflüssig erklärt, und da» Christenthum mußte weichen, wie einst da» Heihenthu«, um einer neuen Gottheit seinen Platz einzuräume». Um. da» praktisch auSzurührrn, zog man mit einer schönen, Schauspielerin, al» Göttin der Vernunft gekleidet, in öffentlicher Prozession nach der Rotre-Dame-Äirche unv entweiht« den christlichen Altar. Ich sage da« keineswegs zum Rachtheil de» ChristenthumS: da» sei fern von mir, denn ich bin durchdrungen von seinem segensreichen Wirken, und ich liebe den guten Christen, wie ich den schlechten Juden verachte, aber immer nur ir erster Reih« al» Menschen; da» andere hat jeder mit seinem Schöpfer allein abzumachen. Mich beschäftigen in diesem Augenblicke auch nur die Schicksale de» Mensäengeschlecht», die Wandelbarkeit seine» Geiste», seine Rechthaberei in Dingen, U« nur durch Thaten, aber nicht durch bloße Worte bewiesen werden können. Als die Römer die Weltherrschaft noch in Hände»' hatten, wunderten sie sich, wir die Christen und di« Juden so verblendet sein konnten, um nicht einzu» sehen, daß ihre Religion die beste sei. Wie haben sich doch die Zeiten seit damals geändert! Das Christeathum ist an seine Stelle getreten, e» ist mächtig wie jene einst waren, beherrscht einen großenTheil der Welt') und wundert sich, wie, sich jene wunderten. Aber der Strom der Zeiten hat sich neue Bahnen gebrochen, dem Menschen schweben wieder ander« Ideale vor, vn» es entwickeln sich au« dem Christenthum selbst Bekenner^ eines neuen Glaubens, der demselben mit der Zeit Gefahr bringen^ kann. — .Wer Augen hat zu sehen, der merkt, daß eine große stille Bewegung in Deutschland vor sich gt&t.**) E» sind böse Geister im Umgänge, die sich nicht abweisen lasse» wollen; sie bilden da« Thema öffentlicher Zusammenkünfte^ sind der Stoff der Unterhaltung im trauten Familienkreis«, und werfen einen grauenhaften Schatten über jede freudige.« Stimmung. Anläßlich eine» ihm zu Ehren veranstalteten Festessen»*) sprach den Kardinal-Fürstbischof Dr. Kopp die tiefernsten Worte: . Da» Festkomite hat mir den ehrenvollen Auftrag zugewiesen, bei diesem festlichen Anlaß zunächst der beiden höchsten Autoritäten in Staat und Kirche zu gedenken. Lin solche» Zengntß ist um so nothwendiger^jr ernster die Zeiten find, je mehr der Geist der Unordnung da» Haupt erhebt, und Zerfahrenheit in allen irdischen Verhältnissen sich geltend macht. Wenn irgend je, so ist e» heute nothwendig, sich eng anzuschließen, an die sichtbare Vertretung der Autoritäten, um den G der Verneinung und de» Widerspruch», dem Geiste, welcher alle t) Rach Aiax VtfiBrr* Lssay« bildeten die Lhrtßen im Jahre« 1395: 30,7% der Gesanunlbevdlkernng t» allen SeltthÄev. *) Die Dreier,itztril und die Unidersitiite». («aaazt» Literatur 18. «Srz »3.) ») In vretla», den v. «ärz 18M. «. . .. -j-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.