Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 23 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
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nirntal« bitten, keinen w.e immer gearteten Anspruch an seine Mitmenschen erheben. llstit welchem Rechtes war die Frage, die er seinem hungernden unb deshalb zum Paktiert» geneigte» Magen rntgegenhiklt. Und so verfolgte er, frei von allem Ballast, den Rücksichten, Schwärmereien, Dankgefühlen übertriebene Skrupel andern Menschenkindern aufbürde» seine» «eg von frühester Jugend bis ins reife Mannegalter, unbeirrt, »«belästigt, geachtet und ungeliebt, bi» er jtrt einsamen Höhe der Berühmtheit gelangte. Al« er nach rastlosem Lorloänrstrebe« diesen Höhepunkt erreicht hatte, hielt er rntn Moment innr und gönnte sich den Luru« der Äukehr in sein Innere«: — denn psychologische Selbstschau gehörte zu jeneu zeitraubenden GefühlStändeleie«, die er sonst ängstlich mied. Jetzt gewahrte er erst in sich ein durchaus fremdartige« Element, eine rein wrnschliche Schwäche, die, ohne daß er sich defeti bewußt war, in seiner Brust sich eingenistet hatte. E« war dies ein Gefühl, da« seit frühester Kindheit latent vorhanden, durch die Ungunst der Verhältnisse niedergehalten, nun da er frei von Sorge» war, sich mählig zu regen begann; e? war die« die Liebe zu feinem Bolke, da» schmerzlich-süße Bewußtsein unlöschlicher Zusammengehörigkeit mit seinen verachteten StammeSgenoffeu. Diese Empfindung, die durch äußere Anlässe genährt immer stärker sich entwickelte, beherrschte ihn zuletzt um so ausschließlicher, als sie da» einzige Band war, da» ihn mit der Familie» mit Denen daheim verknüpfte. Ueberdi:» stand diese Empfindung, und die« trug am meisten zu ihrer Emwickelung bei, in engem Zusammenhang mit seinem unbeugsamen RechtSsinn, wurde sogar durch denselben bedingt. Der Antisemitismus^ der damals bereit« unverhüllten Bisir» in die Arena u.J sich als selbstständige Partei zu organisircn begann, schon einen breiten Spielraum im Kulturkämpfe ein. täglich und stündlich an Unschuldigen verübte Unrecht, Uderfinn, der dieser mittelalterlichen LerfolgungSmeiho zn Grunde lag, forderte thätige Abwehr und Bertram zaudeite keinen Augenblick mit all seinen intellektuellen, in der Roth geschmiedeten Waffen auf den Wahlplatz zu treten; mit Wort und Feder geißelte er den rnghnzigen Standpunkt blinden Glaubens- und RacenhafseS. Sein eifervolles Eintreten für die Sache der Bedrängten, das in auffallendem Gegenfcitz zu seiner bis nun beobachteten kühlen Reserve stand, erregte zwar Mißfallen in gewissen Kreisen, zog ihm auch hin und wieder eine sanfte Ermahnung zu, man hütete sich aber wohl, angesichts seiner uNersetzliäM Tüchtigkeit, ihm die .freundschaftliche SuSpendirunz", die fo manchen seiner Kollegen traf, zukommen zu lassen. Da veranlaßte ihn ein an sich geringfügiger Umstand, auf Amt und Würde Verzicht zu leisten. Bei einer Neuwahl im Profefforenkollegium wurde ein älterer Studiengenoss«, der obwohl im Dienste der Wissenschaft ergraut, doch nicht über dir Docentur hinaus gelangen konnte, wieder mit durchsichtiger Absichtlichkeit umgangen, — umgangen seine» religiösen BekenntniffeS halber und zu Gunsten eines weitaus Jüngrrn und völlig Namenlosen. Bertram widersetzte sich eifrig duffer offenbaren Parteilichkeit, doch da die Stimmenmehrheit gegen ihn entschied und di« Wahl mit augenfälliger Schnelligkeit höheren LrtS bestätigt wurde, so erklärte er in einem offenen Sendschreiben, .auf seine Tätigkeit an einem Institut verzichten zu müffen, das den vorurtheüsfteien internationalen und interkonfessionellen Standpunkt eingebüßt und au» unwürdiger Liebedienerei seiner Würde als freie Bildungsstätte sich begeben hätte". Trotz diese» heftigen Allgriff:» wurden von verschiedenra Seiten Berfuche gemacht, ilm von seinem Borhaben abzubriugen» — doch vergeben». In seinem kaum begonnenen vierzigsten Lebensjahr« entsagte er für immer der »nter so günstigen Auspizien begonnene» mediciuischen Lanfbahn und k. .rte der Stadt den Rücken» dir ihm eine zweit« geistige .^rath gewesen. Zunächst wendete er sich nach Petersburg, wo de« der Fremde Gefeierten, nnn auch im eigenen Baterland« Anerkennung nicht vorenthalten wnrd« und ihm a ehrend, Anerbietungen gemacht wnrdeu. Doch da der Sraatgdü mit seinem innewohnenden Unabhäugigkeit»gefühl nicht iu.Ei klang zu bringen war» überdies seine neuerwachte Srhnfi nach Anschluß an dir ihm entftemdeten Glaubeutzbrstder in ganz freier Leben»stellnag sich befriedigen ließ, so beschloß er in einer größeren Proviuzstadt de» russischen Reiche» sich.! niederzilaffen und einen Theil seiner zumeist den fachwiff schaftlicheu Arbeiten gewidmeten Zeit auch der Privat»! zuzuwenden. Tie Stadt L. bot ihm vermöge ihrer vorwiegend deutsch«»^ bildungsfreundlichen Elemente und ihrer zahlreichen jüdisch«, Bevölkerung, den geeigneten Spielraum für seine erwünscht« Doppelrhätigkeit und so schlug er denn hier seinen dauernd« Wohnsitz auf. Ter au» der Fremde gekommene „neue Doktor", dem der Ruf seiner genialen Begabung wie seiner SestunuugStüchilgkeit vorangeeilt war, wurde bald der Gegenstand neugieriger Beachtung, Man konnte nicht genug von seinem phänoineuale» Scharst lick, seiner untrüglichen Diagnose, aber auch von ieintftf Wunderlichkeiten und Schroffheiten erzählen, die den ihn umdrängenden Patienten den Zutritt unendlich erschwerten. De erste Frage, die er an die ihn um Rath Bittend«»- richtete, war: »Haben Sie einen Arzt schon befragt tz >iun, dann begeben Sie sich doch wieder zu ihm." — .Aber." — .Kein Aber, ich weiß nicht mehr al» er, da« heißt, er ineiß so wenig al» ich. Alle» WIffrn ist Stückwerk, gleich Rull, zumal auf unserem Gebiete." Bestand man, trotz dieser Abfertigung daraus, der Herr Professor möchte doch kommen zur Beruhigung der Umgebung", so konnte e» leicht geschehen, daß er in heftigen Zorn gerieth und mit den Worten: »Bin kein Beruhig angödoktor» kann meine Zeit besser verwenden", de« Betroffeiien die Thür vor der Rase zuschlug. Un seinen Kollegen, den früher ansässigen Aerzten, keine Sonkurr.'nz zu bieten und auch um dem seine wiffruschaftlich« Thätigkeit hemmenden Andrang einen Damm zu setzen, erhöhte, er da» Honorar dermaßen, daß auch di« Begüterten de» Luxu» einer Berathimg nur in ernsten Fällen sich gönnen durfte»..^ Heischte aber ein« wirkliche Gefahr seine Hilfe» da setzte er sein beste» Können daran, gestattete sich weder Rast noch Ruh, da grüb:lke er Rächte hindurch, bi» er dem Tod« sei« fast sicheres Opfer abgerungen. Und am unermüdlichsten rang er - um diese» Opfer, wenn e» der ärmeren Klaffe angehörte» die ungleich den vom Schicksal Begünstigten stet» eine offene Thür, ein ermunterndes Entgegenkommen nnd eine hülfSbereite Hand" bei ihm fand. Die Gerüchte, die über seine Mildthätigkeit, seine aristokratisch« Abgeschloffenheit, de» vielfach gelungenen Wundertüte» und die Sprödigkeit, mit der er sich jeder Danksagung entzog, im Umlcuf waren, hatten auch Claudia«'» Ohr erreicht und ein ganz besondere» Jntrreffe für den seltsamen Mann in ihr wachgerufen. Wa» Wunder, daß ihr der Athem stockte und eine heiße Blutwelle in'» Antlitz stieg, al» sie, einige Tage nach deui Theaterbesuch, die Thür de» Salon» sich öffnen und Professor Bertram eintreten sah. Sie wußte, daß er ihretwegen gekommen und ein Gefühl der Beklommenheit, das sie sich nicht recht zu deuten vermocht«, ließ ihre Pulse höher schlagen. Der Proftffor macht«, mitte» im Zimraer stehen bleibend, der anwesenden Gesellschaft eine steife Verbeugung und, ohne da» strahlende Lächeln der Hausfrau und den Ausdruck geschmeichelter Eitelkeit im Gesichte de» HauSherim weiter zu brachte«, ging er gradau» auf Elaudine zu. »Sie werdeu sich vielleicht wunder», mich hier z« sehe», mein Fräulein, und vielleicht auch nicht; den» ich glaube a» eine gewiffe Gegenseitigkeit der Sympathie, kau» daher »icht aunehmer, daß Sie mein Interesse t» de« Maaße erregt, hält«, um mich «ui» meiner