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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 22 (1893) · p. Seite 84

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
22 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 84 (sequence 2)
Language
German
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Ihre Umgebung, dir (I längst anfgegebe», sich um sie Kn kümmern, und die überdies sich gewöhnt hatte, jede Veränderung in ihrem Lesen schlechtweg alt Laune zu bezeichnen, wurde die-mal doch stutzig durch eia gewisses Etwas, da» sie sich nicht zu deuten vermochte, Claudine'» sie durchglühendes Glücksgefühl gab ihrer Wange die Farbe, ihrem matten Blick den Glanz, ihren trägen Bewegungen dir Schwungkraft und ihrer ganzen Erscheinung jene Schönheit wieder, die al» Reflex der seelischen Harmonie vom Inneren herausleuchtet. Man sah die Wirkung ohue die Ursache zu begreifen. Auch konnte man <» sich nicht erklären, weshalb " ötzlich langentbehrten Genüssen nai^ugehen begann und tut in letzter Zeit gemiedenen Kunststätten, Galerien, Müsreu, Theater eifrigst wieder aufsuchte. Wer sollte ahnen, daß sie jetzt, mit erhelltem Blick schauend, überall nach Material für ihr GestaltnngSvermügrn ausspähte, daß sie mit neuerwachtem LebenStrieb nicht bloS Anreiz für ihren entwickelten Schönheitssinn, sondern auch Inspiration für ihre Schaffenslust fand. Eines Abends befand sie sich, wie fast immer, allein im Theater, da ihre Geschmacksrichtung mit der ihrer Umgebung in keiner Weis« übereinstimmte. Ein neues Stück de» vielbewunderten und getadelten, jedenfalls vielfach besprochenen spanischen Dichter» Echegarey, .Wahnsinn" betitelt, ging über die Bühne und wurde, wie die meisten Erzeugnisse seine» schaffenden HirueS, zum TageSereigmß. Die Diffonauz, in der fast alle Dramen diese« wesentlich modernen, deshalb mit sich und der Welt nicht zum Abschluß gelangenden Dichter» auStliugen, beschäftigt« Claudine dermaßen, daß sie mit gerötheteu Waugen, ganz in sich versunken, dasaß und nicht einmal in den Zwischenakten den sinnend nach Innen gekehrten Blick ihrer Umgebung zuwendete. So merkte sie eS nicht, daß sie die Aufmerksamkeit ihre» Nachbar» zur Rechten erregte, der, ihr ernste», klares Profil «usterud, mit lebhafterem Intereffe ihrem beweglichen MuSkelspirl al» dem Spiel auf der Bühne folgte. Da klang plötzlich «in tiefer, doch nicht unmelodifcher Brustton an ihr Ohr und riß sie gewaltsam au» ihrer Grübelei. „Wie gefällt Ihnen, mein Fräulein, wenn ich fragen darf, diese« neueste Protukt de» Zvigonen von Cervantes und Lopez ß« Bega?" Claudine schaute unwillig in die Höh«; die vermeintliche Zudringlichkeit sollte kurz und bestimmt abgewiesen werden; — doch der erste Blick iu's Antlitz des Fragenden entwaffnete ihren Unwillen. ES war nicht bloS das Alter desselben — er mochte ungefähr vierzig Jahre zählen — und da» leicht ergraute Haar, waS diese Wirkung hervorbrachte, sondern der Ernst, der auf der hohen Stirn lagerte, die so recht eigentlich zpr Trägerin großer Grdarken bestimmt schien, und die überlegene Rahe, die sein ganze» Wese» durchdrang und di« sich Ihr sofort wohlthuend mitthetlte.. UeberdieS war ihr Schöuh-ftsfinn durch die kühne Wölbung d«S Kopfe» und die zwar nicht schönen, aber höchst ausdrucksvollen Züge gefefftlt. „Darf ich meine Frage wiederholen, mein Fräulein?“ sagte er lächelnd über ihr Zögern und mädchenhaft-schüchterne» Erröthen, da» weder mit Uirem Alter, noch mit der Idee» die er sich über sie gebildet, in Einklang zu briugrn war. Sein Lächelu gab dem fast geschlcsseuen, etwa» strengen Mund, und den großen stahlgrauen Augen einen neuen Reiz. „Ich glaube kaum", entgegnet« Claudine, halb widerwillig auf da« Gespräch eingehend, „daß dieser Epigone auch nur «in Atom vom Geiste seiner Vorgänger auf dem Parnaß in sich trägt.“ „Soll die« «in Lob oder Tadel bedeute«?“ „Ich weiß ei nicht. Dian ist gewohnt über die Berdt—llnug der leuchtenden Stttirne der Poesie, über den Nieder- Wng der klassisch-romantischen Richtung in der Literatur Klage f* führen. Doch mich will h« dünken, dag jede Zrtt ihr« Poesie, Turniere, Ritterspiele, hren Marienkultu», ihre« Glanbe» «ck Aberglaube» besitzt» allerdings mit anderer Wahlstott, - .Aderen -L^IWßworte» ruck k'ampfesprttseu. Trügt nuu «ta Dichter de» Ideengehalt seiner Zeit -in sich, «ersteht er «*.1 durch harmonische Gestaltung und entsprechende Anpassung, ihre» 'eeltscheu Bedürfnissen Rechnung zn trag«, so ist er ein' echter Pott, — mag er de» romantischen Mittelalter» dem' grübelnden RatioualiSmuS'd»» achtzehnten Iahrhuudett«, oder de« üb:rwundeuen Pessimismus «od dem noch in der Blüihe stehende» Naturalismus de» neunzehnten seine Leier weihen." „lud finden Sie, daß Echegaray ein Dichter vo» der' Sorte ist, wie Sie sie eben gezeichnet?“ „Ja und nein, möchte ich sagen. Allerdings birgt er den Ideengehalt »nserer Zett in seiner Dichterbrust, die der Lösung wesentlich moderner Probleme rmgegenschlägt; doch er hat da» reiche, unendlich vielfältige Material nicht zu einem einheitliche» Gebilde zu verbinde» vermocht; deshalb unterliegt er, ein zweiter, Hamlet, dem tragischen Geschick, von dem Ernst seine« Berufe»^ ergriffet zu sein and gleichzeitig di« Last zu schwer für seine Schultern zu finden. Uud so wirft er, wie etwa ein muth» williger Knabe einen Schneeball, die weitgehendsten Fragen in die Luft, zieht sich aber, in der Slngst seines Herzen» nicht selbst getroffen zu werden, scheu zurück, die Beantwortung' einem Änderen überlaffend, — und der Vorhang fällt regelmäßig über «in Fragezeichen.“ „Sie find oder Sie fühlen sehr jung, liebe» Fräulein“, sagte ihr Nachbar» der ihr bi« nun aufmerksam zugrhört hatte.:' Claudine blickte bettoffen zu ihm auf. Er hatte, vielleicht unbewußt, in da» verborgene Sattenspiel ihrer Seele gegriffen und einen stet» vorhandenen Mißton in schnarrende Bewegung gefttzt. „Wie.kommen Sie darauf?“ ftug sie mit leichtem Stirnrunzeln; „und was hat da» überhaupt mit unserer Frage zu schaffen?“ „L, sehr viel, mein Fräulein. Ihr Herz schlägt mit jugendlicher Gluth de» Sroßthaten auf dem Gebiete de« Seifte» entgegen, die Ritter der Feder gelttu Ihnen mehr al» die echte» Heroen der Neuzttt, von deueu Sie allen Ernste» die Lösung des dunkle» LebenSräthsel» erwarten. Btt dieser Auffasiung, sollte es mich nicht Wunder nehmen» wenn Sie selbst, mttn Fräulein, mtt dem Zweizack an der verschloffenen Pforte de» Allerhttligsteo pochten und sich Eingang zu verschaffen suchten?“ „Und wenn dem so wäre?“ „iktm dem so ist, und die mysteriöse Pforte wird Ihnen aufgethon, so — kann ich Sie nur bedauern. Denn wer hätte e» nicht erfahren, welche Litterkttt geknickte Hoffnungen, zerstobene GlückSttäume, der Moment in sich birgt, da man, die Leere i« Tabernakel gewahrend, scheu zurückwttcht.“ Ein Schatten überflog seine klare Stirn, doch schnell mit der feinzeformten Hand darübtt fahrend, wie um irgend eine pttnliche Erinnerung zu vr, scheuchen, fuhr er io veränderte« Tone fort: „Ich lese in ihrem Antlitz die Frage, ob ich au» eigener Erfahrung spreche. Nun ja, ,u den Tage» grüuer Jugend, da habe ich wohl auch au» Paktos» Quell« geschöpft, wie jeder Jüngling, der den unerschütterlichen Glauben an sein« pottische Begabung iu sich trägt. Da» ist aber schon lauge her, sehr lauge, und die Erkeuntniß, daß der Born mir den Labetrunk versagte — da» war es nicht, wa» mir die herbste Euttäuschung bereitete.“ Er brach ab uud sagte dann mit jähem Uebergang: „Berztthen Sie, mtt« Fräuleiu, daß ich dtt Unart beging, so lange mit Ihnen zu spreche», ohue «ich Ihnen vo^ustellen. Halte» Stt dttse Taktlosigkeit der Zerstrrnthett de» Profeffor» zu Gute. — „Profeffor Josef Bertram“, fügte er, sich lttcht vemttgend, hinzu. „Uud nun darf ich wohl mtt di« Freiheit nennen, auch um Ihre» Namen zu bitten?“ „Claudine willfahrtt und war tat Stille» froh, daß da» Aufrollen de» Vorhänge» de» Gespräch ein Ende «achte. Nicht al» ob sie mtt derselbe» gespannte» Anfmerksamkttt arfe>-1 vorhin xt Handlung auf der Bühne folge, würde, Ihr mächtig ingeregte» Interesse zog »iell

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