Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 22 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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J I Heraurge«eben von Kr. «. «Hwir in Magdeburg. Ä«r UnterhsW»«« und Belehr»«g f«r die israelitische Familie. 4r»n> Do» „Jüdische Wa»ttt-n-»^«» erschei«. wöchentlich als »n,1i, - »rUnge zur „IvoaeMischen Mochenkchoifk" »»brfuplr »nchdvuM an» vtrfr» »lattr ist unterfagt. - Die Einzelnummer kostet W »f». bei der Expedition. Mtandine •*» Sie WrvöstStükye. Original-Novelle von A. 8. M. (Fortsetzung.) Elaudine saß mittlerweile, nachdem der Tiränenquell versiegt war, vor ihrem Kamin, ln düstere« Brüter versunken. So war denn ihr erträumte» Zuk«uft»bild. da» in lichten > Farben ihr »orgeschwebk, zerronnen, in eitel Rebe! aufgelöst, durch dir leichte Handbewegnug eine« Menschen, d,r in seiner Gleichgültigkeit nieauch nur den Bersuch gemacht, die seinen Fäden de» Erwebe» zu entwirren, da» ihr Innenleben umsponnen hielt; der» in seiner Denkträgheit, unmöglich die treibende Kraft erfassen konnte, die ihr Sein i« pulfirende Bewegung versrtzte. Und nur weil der Zufall ihr desen Mann zum Vater gegeben, mußte sie e» dulden, daß er n it brutale«! Griff ihr Geschick modelte uud eS nach gedankenlostr Willkühr bestilmnte. Doch wrshalb diese beleidigende Bevormundung, da sie an Jahren wie an Denkfähigkeit geiviß schon dir ge- »ügende Reise und somit da» Recht der Selbstbest mmung erlangt hatte? WeLhalb dieser unleidliche Zwang ihr grade, deren Seele in ihrem brennende« Freiheitödurst (egen Zügel und Halfter sich bäumte? . . Doch trotzdem der Entrüstungssturm durch ihren Busen brauste und elne Blutwell« nach der anderen ihr in« Antlitz trieb, dachte sie nicht im Eutfernteste« daran, sich eigenmächtig der leidigen Tyrannei zu eutziet»«« und da« Joch abzuschütteln, unter dem sie, mit tiefem Groll, ihren schönen Recken beugte: so sehr ist da» vierte Gebot, dir Unterordnung unter dem, ob auch unrechtmäßig bekundeten, Willen der Eltern den Kindern Israel» in'« Fleisch und Blut gedrungen. Wie vor eine»! Jahr« lebte sie wieder still ror sich hin, in einer völligen Vereinsamung, die nur zum Theil die eigene Neigung ihr schuf. Die Menschen beugen sich geneinhiu vor einem starken Willen, gehen ihm aber all einem unliebsamen, zum mindesten unbequemen Eharakterzug au» dem Wege, namentlich wenn er in weiblicher Hülle in die Erschunung tritt. Man erkannte bald, daß ihr feste« Beharren durch sogenannte Vernunstgtünde nicht zu erschüttern sei, und da sie auch da» geschwätzige Mitgefühl — rin zweiter wesentlicher Faktor de» gesellschaftlichen Berkehr« — in ihrer kühlen We se ablehnte, so ließ man sie fürder unbehelligt ihren Weg geh n. Mählig erhob sich eine unsichtbare Scheidewand zwischen ihr uud ihrer Umgebung, di« au» dem dünnen Flugsand lleiue: Herbheiten zusammengesetzt, mit der Zeit zu einer dichte« Mauer wurde, dir jede Annäherung au«schl»ß. In dem Hause, in dem nach wie vor heitere Tanzweisen, laute» Lachen nnd-Gläserklirreu ertönten, saß Eltudin« allein vor ihren Bücher» bei ihrer Lampe oft bi« tief iu die Nacht hinein. Sie betrieb emfig Sprach» und andere Studie«, er» giuztr die verschiedenen Lücken in ihrem reichhcktigea, doch bie nun nngeardnetea WistenSvorrath und arbeitete so lang«, bi« dir physische Mattigkeit auch eine geistige Eschlaffung hervorriet, rin gewiffe« Einlullen der Secleukräftr, da» da« schmerzende Bewußtsein de« Dasein« wohl aufhcbt. Ooch ihrech gährenden Thatendrange konnte solch ein passive« - ufnehmeu eine blo» mechanisch« Ablagerung fremder Griströnmcre für die Dauer nicht genügen. Oft tanzten die kleinen zierlichen Buchstaben wie eine «olle Koboldschaar vor ihren Augen und wollten sich trotz mühseliger Anstrengung ihrerselt» nicht in Reih und Glied zwingen lasten. Unniuthig warf sie in solchen Momenten inner« Auflehnung die schwerfälligen Vermittler d>» leichtbeschwingten Gedanken» von sich und griff in instinktiver Haft zur Feder. Knirschend jagte dieselbe dänn über >.«n glatten Bogen dahin, ohne Plan und Berechnung. Sie wußte nicht, zu welchem Zweck da» war» wa» sie schrieb; sie wußte nur, daß nach stundenlangem Erguß eine wunderbar« -Beruhigung, eine Art traumseligen Benagen» in ihre Seele einzog. Bald drängte e» sie mit heißem Verlangen zu ihre« Schreibtisch, ihrer Feder, der sie die ganze Roth ihre» deweg-^-Hz ten Innenleben» anvertruuen konnte, die ihr zur um ntbehrlichrn^V Freundin und Gefährtin wurde, wie'noch kein Mensch, kein,. Buch e» ihr je gewesen. Sie half ihr die Lösung de« Leben»» . . . räthsel», all der dunklen, sie quälenden Fragen suäen; sie ver» .'.'Ji. 1 schaffte ihr Beruhigung und Klärung und jene» heitere Sekbst» gcnüoen, da» in dem bloßen, wenn auch von zweifelhafte« , Erfolge begleiteten Streben liegt; sie schuf ihr eine Welt er» ' iräumter Herrlichkeiten, bevölkert mit den Lichtgeiialttu ihrer farbenreichen Phantasie, entrückte sie dem kleinlitfrn Alltgg»- treiben und hob sie über sich selbst und den in jeder Menschenbrust schlummernden Egoiömu» hinauf zur Ae herhöh« dH ' * Ahnen Gedanken« und unpersönlichen Empfinden». Auch früher . hatte sie gedacht, gefühlt, in nebrlhasten Umrissen geahnt; doch nur mit der Feder in der Hand konnte da» di nkle Sehnen! in eine sichtbare, lichtnmfloffrne Gewandung gehüllt, konnten! die verschwommenen Gebilde zu abgerundeten, sestumgrenzten ■! Gestalten losgelöst und geformt wrrden. << j In Sturm und Drang hatte ihr erste» Geisterkind | Licht de» Tages erblickt und da stand «4 vor ih>, ein ledeuße! fähiger Organismu», ihrem trunkenen Blick da» Geheimnis ihre» Talente», die Offenbarung ihre« Berufe» mthüllend- Sir frug sich nicht» zu welchem Ende da« führen, auf^. welche Weise sie zur äußeren Bethätigung und Verwert! ihrer Begabung gelangen sollte. Sie dachte gar nicht an i Enthüllung ihre» inneren Schreine» durch die »ivellirrnde f! «alt der Druckerschwärze. Ir beserligender für sie der I Glaube an di« Echtheit ihre» Schatze» war. desto mehr füi sie dessen voneitigL Ausprägung, die Eutwelhunz durch hastige Berührung mit der Außenwelt. Sie wußte nur, sie schreiben müsse, wie der Bogrl ohne Rückfdht dieulichkeit singen muß, «ad so fand sie jeder Lag ersten Morgengrauen bei der Arbeit, dir ihreza neuen, reichen Inhalt verlieh. -